«Den kleinsten gemeinsamen Nenner finden»
Ihr Anlass thematisiert Gemeinsamkeiten von Islam und Christentum. Wieso dieser Fokus?
Die ethisch-moralischen Grundsätze beider Religionen sind fast gleich. Leider kennen aber sowohl Schweizer als auch Türken die eigene Religion und diejenige der anderen zu wenig. Deshalb entstehen Vorurteile aufgrund von Schlagzeilen in den Medien, die man mit dem Islam in Verbindung bringt. Diese wollen wir überwinden. Wie religiös ist die türkische Bevölkerung in der Schweiz?
Religion kann in der Fremde ein Stück Heimat vermitteln. Deshalb nehme ich an, dass die in der Schweiz lebenden Türken ihren Glauben etwas intensiver leben als die schweizerische Bevölkerung. Entstehen dadurch Probleme?
Der Islam ist eine moderne Religion, die das Christentum akzeptiert. Probleme mit der schweizerischen Lebensart entstehen höchstens, wenn der Islam sehr konservativ interpretiert wird. Die meisten Probleme entstehen aber durch Vorurteile auf beiden Seiten. Wie entstand der Kontakt mit der reformierten Kirche?
Letztes Jahr organisierten wir ein türkisches Programm im Rahmen des Schweizerischen Lernfestivals. Es kamen mehr Türken als Schweizer. Ich lernte dort die Bülacher Pfarrerin Ruth Wiesenberg kennen - eine sehr offene Frau. Wir beschlossen, dieses Jahr gemeinsam einen Anlass durchzuführen, weil es uns beiden ein Anliegen ist, ein harmonisches Zusammenleben beider Kulturen zu fördern. Was unternimmt die türkische Gemeinschaft weiter für die Verständigung der Kulturen?
Wir sind Ansprechpartner für Behörden, um die Bedürfnisse und Probleme der gut 120 000 Türken in der Schweiz - rund ein Drittel davon sind Doppelbürger - zu erfassen und zu lösen. Unser Ziel ist es, das Bildungsniveau zu erhöhen und die Integration zu fördern. Übernehmen die türkischen Ortsvereine integrative Aufgaben oder haben sie mehr das Ziel, die eigene Kultur zu pflegen?
In erster Linie waren die Vereine Treffpunkte für die türkischen Arbeiter, die seit den 60er-Jahren in die Schweiz kamen. Wir vom Dachverband versuchen, das Bewusstsein für integrative Bemühungen zu fördern. Uns fehlen aber die nötigen Ressourcen: Wir arbeiten alle ehrenamtlich und erhalten kein Geld vom Staat. Das ist doch bei den meisten Vereinen so: Sie werden über Mitgliederbeiträge finanziert.
Die Schweiz gibt viel Geld aus für Integration. Meistens fliesst es in spezielle Projekte. Ausländervereine erreichen die verschiedenen Bevölkerungsgruppen aber am besten. Die türkischen Dachorganisationen in Frankreich und Deutschland werden vom Staat unterstützt. Wie war es für Sie persönlich, als Sie in die Schweiz kamen?
Ich habe die Unterschiede gar nicht so gross empfunden. Wegen dem Studium musste ich schnell Deutsch lernen und wurde von den Schweizern gut aufgenommen. Für Türken, die vom Land kommen und weniger gut ausgebildet sind, ist es jedoch schwieriger. Die Sprache stellt ein grosses Problem dar. Viele spüren Vorbehalte vonseiten der Schweizer. Ich finde, der Stärkere sollte den ersten Schritt auf den Schwächeren zu machen. In diesem Fall sind das die Einheimischen. Ich vermisse manchmal den Willen, eine fremde Kultur aufzunehmen. Sind die Vorurteile denn nicht gegenseitig?
Das stimmt. Auch Türken haben Schweizern gegenüber Vorurteile. Zum Beispiel?
Einige finden, dass die Schweizer etwas locker umgehen mit moralischen Grundsätzen ihrer eigenen Religion. Und wie wollen Sie die gegenseitigen Vorurteile abbauen?
Am Lernfestival stehen Gemeinsamkeiten im Zentrum, nicht Unterschiede. Es ist wie beim Bruchrechnen: Wir müssen den kleinsten gemeinsamen Nenner finden. *Kahraman Tunaboylu (68) wohnt in Oberglatt und ist Präsident der Türkischen Gemeinschaft Schweiz, dem Dachverband von etwa 130 türkischen Ortsvereinen. Er kam 1960 von Ankara in die Schweiz, um an der ETH zu studieren. Er ist mit einer Schweizerin verheiratet und hat zwei Söhne.
Veranstaltung im Rahmen des Lernfestivals: Gemeinsamkeiten Islam und Christentum. Referate, Diskussionen, Abendessen. Sa, 12. Sept, 15-22.30 im ref. Kirchgemeindehaus Bülach. Detailliertes Programm unter www.refkirchebuelach.ch
Als Präsident der Türkischen Vereinigung Schweiz will Kahraman Tunaboylu zur Verständigung zwischen den Kulturen anregen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.09.2009, 02:03 Uhr
Schweiz
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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