Schweiz

Der Fastenmonat bringt ihn näher zum Paradies

Von Antonio Cortesi, Dietikon. Aktualisiert am 07.09.2009

Wie erleben junge Muslime in der Schweiz den Ramadan? Sie befolgen die strengen Regeln mit Stolz und gehen fast normal zur Schule. Einblicke in eine Kultur zwischen Fasten und Essen.

Wir treffen uns um 18 Uhr in der Moschee, und Fevzi Yükseldi wirkt erstaunlicherweise überhaupt nicht abgeschlafft. Seit 14 Stunden hat er nichts mehr zu sich genommen, nicht einmal Wasser. Und bis zum Fastenbrechen sind es noch über vier Stunden.

Der 20-jährige Türke zählt zu jenen jungen Muslimen, die den Ramadan konsequent befolgen. Genauso wie fast alle türkischen Altersgenossen in Dietikon. Und natürlich wie Fevzis ganze Familie. Er ist das mittlere von fünf Geschwistern. Sie alle waren heute Morgen bereits um 4 Uhr auf den Beinen und stärkten sich mit einem üppigen Frühstück für den langen Fastentag, der exakt um 4.45 Uhr begann.

So steht es im Kalender, der in der Moschee hängt. Er hält den jeweiligen Zeitpunkt von Morgengrauen und Abenddämmerung fest, mit den Daten für grössere Städte rund um den Globus. Die Angaben sind wissenschaftlich gesichert und stimmen immer, unabhängig vom lokalen Wetter. Die Muslime ersparen sich damit die Mühe, den Beginn und das Ende des Fastens jeden Tag selber ermitteln zu müssen. Im Koran steht, die Dämmerung trete dann ein, wenn das Auge einen schwarzen von einem weissen Faden nicht mehr unterscheiden könne.

Kein Sex, keine Zigarette

Fevzi erläutert die Regeln des Fastens mit grosser Ernsthaftigkeit. Stolz erklärt er, dass er sich strikte daran halte. Beim Zähneputzen passt er auf, um nichts herunterzuschlucken. Muss er ein Medikament einnehmen, lässt er es unter der Zunge zergehen. Rauchen ist streng verboten - wie auch Sex. Wer ein einziges Mal gegen die Vorschriften verstösst, muss zur Strafe 61 Fastentage nachholen.

Der Ramadan sei eine der fünf Säulen des Islam, doziert der junge Türke. Man lerne Selbstbeherrschung, erfahre eine seelische Säuberung und entwickle durch eigenes Leiden ein Mitgefühl für Bedürftige. «Wer sich an den Ramadan hält, erhöht für sich die Chance, dereinst ins Paradies zu kommen.»

Fevzi fastet seit Beginn der Pubertät. «Seit meinem ersten Samenerguss», präzisiert er. Und anders als manche Jugendliche hat er sich nie mit einem «Wochenend-Ramadan» begnügt. «Wir waren in der Sekundarschule zu dritt in der Klasse, das gab mir Kraft.» Vom Turnen liess er sich bewusst nicht dispensieren. Im Kochunterricht liess er sich das Essen einpacken. Aber meistens konnte er über Mittag nach Hause, um sich auszuruhen.

Immer mehr Junge machen mit

Während seiner Informatiklehre war dies nicht mehr möglich: «Das war die härteste Zeit.» Fevzi hatte aber einen verständnisvollen Lehrmeister. Dieser liess ihn über Mittag durcharbeiten und ermöglichte ihm so einen früheren Feierabend. Fevzi schaffte die Berufsmatura und hat jetzt ein Fachhochschulstudium zum Systeminformatiker begonnen.

Und dennoch: Wird man als strenggläubiger Muslim in der säkularisierten Schweiz nicht zum Aussenseiter? «Keineswegs», beteuert Fevzi. Auch in der Schule habe er sich immer gut integriert gefühlt. Markus Truniger, bei der Zürcher Bildungsdirektion für interkulturelle Pädagogik zuständig, bestätigt diese Selbsteinschätzung: «Der Ramadan führt an den Schulen zu keinen nennenswerten Störungen.» Die Lehrer beklagten sich gelegentlich bloss über Schüler, die Mühe hätten, sich zu konzentrieren. Truniger schätzt, dass im Kanton Zürich rund 10 000 muslimische Kinder und Jugendliche den Fastenmonat befolgen - «Tendenz steigend, denn immer mehr Primarschüler machen mit».

Nach dem Fasten folgt die Diät

Noch drei Stunden bis zur Abenddämmerung, die heute um 20.17 Uhr beginnt. Bei Fevzi zu Hause haben die Frauen bereits mit den Vorbereitungen fürs Fastenbrechen begonnen. Die Gefahr sei gross, «dass man dann zu viel in sich hineinstopft», sagt Fevzi. Und üppig essen sei vor dem Zubettgehen bekanntlich ungesund. Die Folgen sind ebenso bekannt - und paradox: Viele Muslime müssen sich nach dem Fastenmonat einer Diät unterziehen.

Für Fevzi Yükseldi bedeutet der Ramadan eine seelische Säuberung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2009, 02:01 Uhr

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