Wo gehts zu Gott? Die Angst vor dem kleinen Ferkel

Von Hugo Stamm. Aktualisiert am 12.10.2009 45 Kommentare

Ein Zürcher Gemeinde verbannt ein Bilderbuch aus der Bibliothek, in dem ein Bischof ein Rabbi und ein Mufti um die Gunst eines Schweins buhlen.

In der Bibliothek von Hombrechtikon tabu: Das Buch vom kleinen Ferkel.

In der Bibliothek von Hombrechtikon tabu: Das Buch vom kleinen Ferkel.

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Es ist die Geschichte vom kleinen Ferkel und seinem Freund, dem Igel, die sich aufmachen, Gott zu suchen. Es ist auch die Geschichte der Hombrechtiker Behörden, die wissen, dass ihren Bürgerinnen und Bürger keine Schweinereien zugemutet werden können.

Die Fabel vom Gott suchenden Ferkel hat der deutsche Philosoph Michael Schmidt-Salomon im Bilderbuch «Wo bitte geht’s zu Gott?» aufgeschrieben. Die Geschichte gipfelt in einer Szene, in der sich ein Bischof, ein Mufti und ein Rabbi die Köpfe einschlagen. Solche Frivolitäten wollen die Hombrechtiker Behörden ihren Bürgern nicht zumuten.

30 Prozent sind religionskritisch

Wie kam es dazu? Andreas Koch, ein Bürger besagter Gemeinde, ist Mitglied der Giordano-Bruno-Stiftung, einer Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung. Dieser Stiftung gehören bekannte Philosophen, Künstler und Wissenschafter an. Sprecher und Aushängeschild ist Michael Schmidt-Salomon, der kürzlich in «Sternstunde Philosophie» einem breiten Schweizer Fernsehpublikum vorgestellt wurde. Womit wir wieder in Hombrechtikon gelandet wären.

Andreas Koch wollte der Bibliothek drei Bücher von Schmidt-Salomon schenken. Der Hombrechtiker war der Ansicht, dass aufklärerische Bücher durchaus ins Programm passen würden, zählen sich doch - wie er erklärt - 30 Prozent der Schweizer zu den agnostischen oder religionskritischen Menschen.

Die Mitarbeiterinnen der Bibliothek prüften die Werke mit wachsendem Unmut. Vor allem das Bilderbuch vom kleinen Ferkel lag ihnen auf dem Magen. Nein, solche geistige Kost verdauen die Hombrechtiker nicht, entschieden sie.

Protest per Leserbrief

Andreas Koch war erstaunt. Wenn Kinderbibeln im Angebot Platz haben, in denen ein drohender und zürnender Gott Menschen und Tiere in der Sintflut ersäufen lässt, sollten auch die Bücher von Schmidt-Salomon ins Programm passen. Also schrieb er einen Leserbrief an die Hombrechtiker Gemeindezeitung «Ährenpost».

Zu lang, entschied die Redaktion, und thematisch erst noch unpassend. Zur Überraschung von Andreas Koch wurde sein Schreiben zur Chefsache erklärt, formulierten doch Gemeindepräsident Max Baur und Gemeindeschreiber Jürgen Sulger die Absage persönlich: «Da in der Redaktion sowohl Gemeindepräsident Max Baur, Schulpräsident Walter Bruderer als auch Gemeinderat Peter Widmer tätig sind, können Sie davon ausgehen, dass die nachfolgende Stellungnahme präsidialen Charakter sowohl von der politischen Gemeinde als auch von der Schulgemeinde hat.»

Von Bild und Text schockiert

Ins Visier nahmen die hohen Herren von Hombrechtikon vor allem die Geschichte vom kleinen Ferkel und seinem Freund, dem Igel: «Ähnlich wie unsere Angestellten waren wir schockiert über den Text als auch über die Bilder.» Das Pamphlet sei «eine unglaubliche Beleidigung der darin aufgeführten Religionsgemeinschaften».

Bibliotheksleiterin Verena Korrodi ist mit dieser strengen präsidialen Note nicht ganz glücklich und begründet ihren ablehnenden Entscheid vorsichtiger. Die Comic-artigen Bilder seien nicht kindgerecht, sagt sie. Sie hatte auch Angst, Probleme mit Eltern zu bekommen. Ausserdem fehle der Platz, Bücher aufnehmen, die nicht gefragt seien. Nein, religiöse Zensur sei das nicht.

Ferkel und Igel besteigen Tempelberg

Wieso sorgt das kleine Ferkel für so grosse Aufregung in Hombrechtikon? Das pfiffige Schweinchen fühlt sich zusammen mit seinem Freund, dem kleinen Igel, sauwohl auf der Erde. Bis sie an einem Plakat vorbei kommen, auf dem geschrieben steht: «Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas.» Also machen sich die beiden Freunde auf, ihr Glück zu vervollkommnen und diesen Gott zu suchen. Der schlaue Fuchs weiss wo: Auf dem Tempelberg würden die Menschen darüber streiten, in welchem der prächtigen Gotteshäuser der richtige Gott wohne.

Das Ferkel und der Igel besteigen den heiligen Berg und bestaunen die prunkvollen Bauten. Neugierig besuchen sie Kirche, Synagoge und Moschee. Bischof, Rabbi und Mufti erklären ihnen ihren Glauben. Das kleine Ferkel und sein Freund fühlen sich von den Missionsbemühungen der Würdenträger bedrängt. Als der Mufti von ihnen verlangt, fünfmal am Tag zu beten, ansonsten sie im ewigen Höllenfeuer schmoren müssten, fliehen die beiden Freunde und geraten zwischen die religiösen Fronten. Der Rabbi stopft dem Bischof mit einer Schriftenrolle den Mund. Der Bischof seinerseits schlägt dem Mufti eine Bibel auf den Kopf.

In Wolfhausen zu haben

Eingeschüchtert, aber auch erleichtert, kommen Ferkel und Igel wieder zu Hause an, und sie streichen das «nicht» auf dem Plakat. Nun heisst es: «Wer Gott kennt, dem fehlt etwas!» Das kleine Ferkel tippt sich an die Stirn. Und es weiss plötzlich, was ihnen im bisherigen Leben ohne Gott gefehlt hat: die Angst.

Wer die Abenteuer des Ferkels und des Igels trotzdem lesen möchte, kann es sich in der Bibliothek von Wolfhausen ausleihen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2009, 07:18 Uhr

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45 Kommentare

Werner Attinger

12.10.2009, 08:45 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Das Recht sich verletzt zu fühlen, haben Religiöse für sich gepachtet. Andere Sichtweisen müssen verboten/zensuriert werden = geistige Bücherverbrennungen. Und die Erde ist doch rund und keine Scheibe. Früher Scheiterhaufen, heute Plakatverbote, Bücherverbote. Hinter der Maske religiösen Glaubens: abgrundtiefe Angst und Misstrauen. Es gibt keinen Gott, geniess das Leben, (angst-)frei, freu dich! Antworten


Isabelle Rimbeaux

12.10.2009, 15:45 Uhr
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Wer sagt denn, dass das Negativ-Prägen von Andersdenkenden durch religiöse Leute nicht auch furchtbar ist?! Egal ob gläubig oder nicht: Kindern a) eine Sache altersgerecht nahebringen und b) positive Werte vermitteln (in geh mal davon aus, dass die Schmidt-Salomon-Stiftung auch Positives vermittelt, nicht nur negativ prägt) ist pädagogisch sinnvoll, Andersdenkende einfach zu diffamieren nicht. Antworten



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