Ein erfolgreich vom Kurs abgekommener Pilot

Beim Swissair-Grounding 2001 verlor Rico Barandun seinen Job im Cockpit. Der Stadler ist aber längst wieder durchgestartet.

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Stadel. - Im Sommer geniesst die Familie Barandun ihre Alphütte in den Bündner Bergen. Das ist ganz im Sinn von Rico Barandun, weil er von Berufes wegen häufig im Ausland unterwegs ist. Das rustikale Maiensäss liegt oberhalb von Poschiavo in natürlicher Idylle. Ein Paradies für spielende Kinder und Ruhe suchende Eltern. Dort oben, fernab von Glasfaserkabeln und drahtlosen Netzwerken, ist der 36-jährige Barandun offiziell nicht erreichbar. Aber für seinen aktuellen Arbeitgeber lässt er sein Handy eingeschaltet, falls seine Person dringend benötigt würde. Seit 2006 leitet er die Abteilung E-Services bei Swissport International, einer global tätigen Flugabfertigungsfirma. In der hektischen Luftfahrtbranche ist er bereits seit über zehn Jahren tätig. Zu Hause wird er von seinen drei Kindern Jan (8), Nicolas (7) und Ladina (4) gefordert. Trotzdem findet er noch die Zeit, nebenbei ein kleines Importgeschäft zu betreiben. Und in Niederglatt ist er Mitglied des Wahlbüros. «Fürs süsse Nichtstun binich einfach nicht gemacht», sagt Barandun.

«Sechser im Lotto»

Wie so viele Bündner ist Barandun in die Grossstadt gekommen, um zu studieren - Verkehrsingenieur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Das Studium sagte ihm aber nicht zu, weshalb er nach einer kurzen Umorientierungsphase bei der Swissair eine Ausbildung zum Airbuspiloten begann und erfolgreich abschloss. «Damals dachte ich, ich hätte mit dem Pilotenschein bei der Swissair den Sechser im Lotto geholt», sagt Barandun. Zwei Jahre lang flog er für das nationale Aushängeschild, bis am 2. Oktober 2001 die einst so stolz machenden Flieger am Boden blieben. Nach dem Schock kam die grosse Ernüchterung. «Ich hatte eigentlich fest damit gerechnet, dass ich mein restliches Berufsleben uniformiert in Cockpits verbringen würde.» Er sei allerdings froh gewesen, dass er zu den Ersten gehörte, die die Kündigung erhalten haben. So konnte er - schweren Herzens zwar - einen Schlussstrich ziehen und nach vorn blicken. Viele seiner Kollegen flogen mit dem unangenehmen Gefühl der Ungewissheit für die neu gegründete Swiss weiter.

Badebohne aus Südafrika

Bevor Barandun seine Pilotenlizenz erarbeiten konnte, musste er sich gegen zahlreiche Konkurrenten behaupten. Aufgrund eines Einstellungsstopps hat sich der Einzug ins Cockpit um einige Jahre verzögert. Diese Zeit überbrückte er mit der Durchführung von Marketingevents für das Spielwarenunternehmen Ravensburger. Seine Computerkenntnisse, welche er sich autodidaktisch angeeignet hatte, stellte er in den Dienst verschiedener Firmen.

Obwohl er damals noch keine eigenen Kinder hatte, beschäftigte er sich intensiv mit Spielsachen und suchte nach einem innovativen Vertriebsweg. 1997 eröffnete er den ersten Online-Spielwarenshop der Schweiz. Als die Swissair Barandun 1999 definitiv an Bord holte, wurde es ihm jedoch zu viel, weshalb er seinen Onlineshop verkaufte. Nicht von ungefähr kommt es, dass Barandun heute verantwortlich ist für alle elektronischen Serviceprozesse von Swissport International. Dazu gehört zum Beispiel das Internet-Check-in. «Technologieinteressiert ja, aber als IT-Freak würde ich mich nicht bezeichnen», meint Barandun.

Auch ohne Pilotenuniform kommt Barandun in der Welt herum. Beispielsweise als Referent auf einer Konferenz in Frankfurt oder als Berater für Selfservice- Prozesse in Johannesburg. Auf seinen Reisen entdeckt der rastlose Bündner immer wieder Produkte, die er nach Hause bringt. Ein solches ist die Badebohne aus Südafrika, welche bei den Kindern derart auf Begeisterung gestossen ist, dass er sie nun in die Schweiz importiert und in Apotheken im Unterland vertreibt. Die Badebohne ist ein Badezusatz mit lustigem Überraschungseffekt.

Flugstunden als Privatpilot

Um das Importgeschäft kümmert sich Barandun in seiner Freizeit. «Mein Tag ist bis in die Abendstunden gefüllt.» Wochenenden und Ferien gehören aber strikt der Familie. Seine Frau Michela nickt bestätigend. Ohne ihre Unterstützung und ihr Verständnis für seinen unternehmerischen Drang ginge es nicht. Dass er hobbymässig Golf spielt und seine Privatpilotenlizenz mit regelmässigen Flugstunden in Kleinflugzeugen gültig hält, erstaunt also nicht.

Das Ehepaar Barandun - er kommt aus Chur, sie aus Poschiavo - wird im Unterland bleiben. Im Raum Zürich gebe es die guten Jobs. Und er brauche die Nähe zum Flughafen, so Barandun. Der grosse Nachteil sei aber, dass die Verwandtschaft im Bündnerland ist. «Die Grosseltern sehen ihre Enkel nicht oft. Spontan mal eben die Kinder abgeben, um einen Abend mit meiner Frau zu geniessen, ist ziemlich schwierig.» www.thebeanpeople.ch

DAVID BAER «Das Wochenende gehört der Familie»: Rico Barandun mit seiner Frau Michela und seinen Kindern Nicolas, Jan und Ladina (v. l.). (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.08.2009, 02:03 Uhr)

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