Jedes Jahr eine Million Krebsabstriche zu viel

Die Frauen in der Schweiz lassen den Pap-Abstrich zur Gebärmutterhalskrebs-Vorsorge viel zu häufig vornehmen. Die Gynäkologen wollen nun darauf reagieren.

Gynäkologen sollten den Pap-Abstrich nicht jährlich, sondern nur alle zwei bis drei Jahre durchführen. Foto: Alamy

Gynäkologen sollten den Pap-Abstrich nicht jährlich, sondern nur alle zwei bis drei Jahre durchführen. Foto: Alamy

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Gebärmutterhalskrebs-Früherkennung gilt als Erfolgsgeschichte. Der Krebsabstrich – nach dem Urheber, dem griechischen Arzt George Papanicolaou, auch Pap-Abstrich genannt – wurde in 70er-Jahren in der Schweiz eingeführt. Seither ist die Zahl der Frauen, die an dem Krebs sterben, um fast zwei Drittel gesunken. Für die Früherkennung entnimmt der Frauenarzt der Patientin mit einem Wattestäbchen oder einem Spezialbürstchen einen Abstrich von Muttermund und Gebärmutterhals und lässt diesen in einem Speziallabor mikroskopisch auf verdächtige Veränderungen untersuchen.

Doch nun zeigen Zahlen, dass der Pap-Abstrich in der Schweiz viel zu häufig durchgeführt wird. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) veröffentlichte ­unlängst in seinem Bulletin eine nach ­eigenen Angaben repräsentative Befragung von 3588 Frauen im Alter von 18 bis 49 Jahren. Darin gab die überwiegende Mehrheit an, den Abstrich mindestens jedes Jahr durchführen zu lassen. Bei den 18- bis 24-Jährigen traf dies auf drei Viertel zu, bei den 25- bis 49-Jährigen auf zwei Drittel.

Strenge Regelung seit 2000

Die Empfehlungen lauten hingegen ganz anders. Die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG) rät seit drei Jahren, den Krebs­abstrich bis 30 jedes zweite Jahr durchzuführen, danach bis 70 nur noch alle drei Jahre – vorausgesetzt, es liegt kein erhöhtes Risiko vor. «Davor gab es noch gar keine offizielle Empfehlung der SGGG, aber internationale Richtlinien empfehlen schon seit vielen Jahren, dass der Intervall nicht immer jährlich sein muss», sagt Daniel Surbek, Chefarzt ­Geburtshilfe am Inselspital Bern und Präsident der Kommission für Qualitätssicherung der SGGG. So empfiehlt etwa die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), seit deutlich über einem Jahrzehnt, den Krebsabstrich alle drei bis fünf Jahre vorzunehmen.

Seit dem Jahr 2000 ist in der Schweiz zumindest die Vergütung durch die Grundversicherung streng geregelt. In der entsprechenden Verordnung des Bundes ist festgelegt, dass bei normalen Befunden die Abstriche nur alle drei Jahre übernommen werden dürfen. Der einjährige Abstand gilt nur für die beiden ersten Krebsabstriche.

Dass der Pap-Abstrich zu häufig vorgenommen wird, ist kein Geheimnis. Doch das Ausmass überrascht: «Das ist sehr viel, zu viel», sagt Surbek. Rechnet man die Zahlen der BAG-Befragung auf die über 2,5 Millionen Frauen im Alter von 21 bis 69 Jahren hoch und nimmt dabei die Empfehlungen des SGGG zum Massstab, kommt man auf eine beeindruckende Zahl: eine Million unnötige Pap-Abstriche jährlich. Gemäss Auskunft des Krankenkassenverbands Santésuisse kostet allein die zytologische Untersuchung jedes Mal durchschnittlich rund 70 Franken. Das wären 70 Millionen Franken jährlich für zu viel gemachte Früherkennungstests, die eingespart werden könnten.

Wer bezahlt diese Untersuchungen? Gemäss Daniel Surbek kommt die Grundversicherung nicht für die Kosten auf. Auch Stefan Heini, Mediensprecher der Helsana-Gruppe, betont: «Selbstverständlich gilt bei den drei Jahren für diese Vorsorgeuntersuchungen eine gewisse Toleranzmarge»; doch könne ein Arzt keine Vorsorgeuntersuchungen zum Beispiel nach zwei Jahren zulasten der Grundversicherung verordnen. Insider gehen allerdings davon aus, dass es viele Krankenkassen in der Praxis nicht besonders streng nehmen und sich kulant zeigen. In allen anderen Fällen müssen die Frauen entweder über eine Zusatzversicherung abrechnen oder selber bezahlen.

Mangelhafte Aufklärung

«Unsere Empfehlungen sind noch nicht durchgedrungen», räumt Surbek ein. «In den Köpfen ist immer noch drin, dass ein jährlicher Pap-Abstrich sinnvoll ist.» Eine Rolle spielt wohl, dass ein Teil der Frauen auf der sicheren Seite sein möchte und die Untersuchung lieber einmal zu viel als zu wenig machen lässt – obwohl es kaum einen Nutzen gibt und nur kostet. «Viele Frauen empfinden den Abstrich hingegen als unangenehm und freuen sich, wenn sie ein oder zwei Jahre aussetzen können», sagt Surbek.

Offensichtlich sollte sich aber vor allem in den Köpfen der Frauenärzte einiges ändern. Letztlich müssen sie ihre Patientinnen korrekt darüber aufklären, wie häufig die Krebsvorsorge sinnvoll ist. «Das ist klar die Aufgabe der Gynäkologinnen und Gynäkologen», sagt Surbek. Er vermutet, dass einige befürchten, ihre Patientinnen könnten die Kontrolle ganz vergessen, wenn der jährliche Rhythmus wegfällt. «Manche Frauen denken dann vielleicht, dass sie nicht mehr jedes Jahr zum Arzt müssen», sagt Surbek. Dabei sei die jährliche Grundvorsorge auch ohne Pap-Abstrich sinnvoll.

Die SGGG überarbeitet zurzeit ihre Empfehlungen zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs. Der Grund sind die seit 2007 angebotene Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs sowie neue ­Früherkennungstests. Für Surbek ist klar: «Wir werden auch die Häufigkeit des Pap-Abstrichs genauer anschauen müssen.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.07.2015, 23:49 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Der soziale Zwang trifft nur Frauen

Kommentar Der Druck auf die Frauen, regelmässig zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen, ist enorm. Mehr...

Regelmässig zum Frauenarzt

Auch ohne jährlichen Krebsabstrich zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs sollen Frauen regelmässig zur Kontrolle. Dies rät Daniel Surbek, Chefarzt Geburtshilfe am Inselspital Bern und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG). Die SGGG selber hat bislang keine Empfehlungen dazu abgegeben. «Die Häufigkeit der Kontrollen sollte zwischen der Gynäkologin oder dem Gynäkologen und der betreffenden Frau geregelt werden», sagt Daniel Surbek. Dies sei stark abhängig von deren individuellen Situation, ihrem Alter und ihren Bedürfnissen. Dabei gehe es unter anderem um Themen wie Verhütung, Schwangerschaftsvorbereitung, Unterleibsbeschwerden, Harnblasenfunktion, Partnersituation, Sexualität, Brustuntersuchung, Impfungen, Blutdruck, Salzkonsum oder Körpergewicht.

Ebenfalls unabhängig davon, ob ein Pap-Abstrich gemacht werde oder nicht, sei häufig trotzdem eine gynäkologische Untersuchung angezeigt, sagt Chefarzt Surbek. Dies sei vor allem nötig, wenn es um Verhütung, Schwangerschaftsplanung, Menstruationsbeschwerden oder Blasen­beschwerden gehe. Zudem könne der Arzt oder die Ärztin durch eine solche Untersuchung zum Beispiel bei älteren Frauen beurteilen, ob eine pathologische Vergrösserung der Eierstöcke vorliege.(fes)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Sponsored Content

Entdeckungsreise unter Strom

Spannende Ausflüge in die Besucherzentren der BKW.

Werbung

Kommentare

Sponsored Content

Entdeckungsreise unter Strom

Spannende Ausflüge in die Besucherzentren der BKW.

Die Welt in Bildern

Tradition auf Tournee: Mitglieder der Tanzgruppe Imperial Bells aus China stehen in Sidney auf der Bühne. (25. Mai 2016)
(Bild: Jason Reed) Mehr...