Jungpolitiker, gealtert, sucht ...

Als jung und selbstbewusst wurden sie zu Beginn der Nullerjahre gefeiert: Eine neue Generation von Nationalräten setzte auf Politik statt auf Beruf. Nun stehen sie an einem Wendepunkt.

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Am Wochenende flimmerten sie wieder über den Bildschirm: die Bilder des 21-jährigen Toni Brunner, des feschen Jungbauern aus dem Toggenburg. Seine Wahl 1995 zum jüngsten Nationalrat war eine Sensation, er selbst bezeichnete sie als «Unfall». Mit Schrammen im Gesicht gab er Auskunft – sie stammten von einem Gerangel an der Olma. 20 Jahre später gehört Brunner zu den erfolgreichsten Politikern und immer noch zu den jüngeren. Mit 41 Jahren hat er jedoch den Zenit erreicht: Er gibt das Präsidium der SVP ab, will wieder mehr Bauer und Nationalrat sein.

Brunner war vier Jahre lang ein Exot im Bundeshaus, dann kam Ursula Wyss hinzu, die damals 26-jährige Berner Sozialdemokratin. Nochmals vier Jahre später kam definitiv eine neue Politikergeneration: Nach den Wahlen 2003 brauchte man plötzlich zwei Hände, um die Unter-35-Jährigen abzuzählen. Die Medien waren entzückt ob der Jungpolitiker, die den parteiübergreifenden Club U-35 gründeten und zusammen in den Ausgang gingen. Zwar gab es in der Geschichte des Bundesstaats immer Jungpolitiker. 1919 lag der Anteil der 18- bis 39-Jährigen im Nationalrat bei 21,2 Prozent. Dieser Wert ist bis heute unerreicht – aktuell liegt er bei knapp 18 Prozent, in den 90er-Jahren lag er unter 10.

Neu war, sagt Politikwissenschafter Adrian Vatter, dass eine Generation von Berufspolitikern entstanden ist. Eine Generation, die vollen Einsatz sowie mediales Geschick zeigte, rasch wichtige Posten besetzte und zum Vorbild wurde. Zum neuen Typ des «Politkarrieristen» («NZZ am Sonntag») gehörten nebst Brunner etwa Christophe Darbellay, Christian Levrat, Alain Berset, Pascale Bruderer oder Christa Markwalder.

Unfreiwilliges Politende

Ihr Einstieg in die Politik erfolgte damals in einer ungewöhnlichen Lebensphase: «Wir stellen die traditionelle politische Karriere auf den Kopf, indem wir in der Phase, in der sich Gleichaltrige auf den Berufseinstieg konzentrieren, voll auf die Karte Politik setzen», sagte die Freisinnige Markwalder vor einigen Jahren der Zeitschrift «Facts». Und fügte an: «Wir werden sicher nicht alle bis 60 Nationalrat sein.»

Tatsächlich kommen einige dieser alten Jungstars an einen Scheideweg – freiwillig oder unfreiwillig. Darbellays Karriere als Nationalrat endete nach zwölf Jahren im letzten Herbst wegen einer Amtszeitbeschränkung. Noch bis April bleibt dem 44-Jährigen das Amt des CVP-Präsidenten – dann ist die Karriere auf nationaler Ebene vorbei. Für Evi Allemann (SP, BE), mit 25 Jahren in die grosse Kammer gewählt, wird Ende der Legislatur Schluss sein – ebenfalls wegen einer Amtszeitbeschränkung. Beobachter gehen davon aus, dass auch Markwalders Abschied von der nationalen Politbühne naht. Die Zürcher Nationalrätin Chantal Galladé (42) macht sich ebenfalls Gedanken über eine zweite Karriere, lässt sich aber alles offen.

Es gibt noch wenig Anschauungs­unterricht, was aus den «Politkarrieristen» werden wird. Ursula Wyss plante die Karriere geschickt: Nach 14 Jahren im Nationalrat wurde sie 2013 in die Exekutive der Stadt Bern gewählt und steht kurz davor, Stadtpräsidentin zu werden. Alain Bersets Weg war aussergewöhnlich geradlinig: Mit 31 Jahren Ständerat, mit 39 Jahren Bundesrat. Der Wechsel in eine Exekutive ist eine oft genannte Option, doch dazu muss vieles stimmen.

Galladé spricht von einer «Glücks­sache»: «Wird ein Posten frei? Wie sieht die interne Konkurrenz für eine Kandidatur aus? Wird man gewählt?» Sie weiss, wovon sie spricht: Galladé wollte letztes Jahr für einen Sitz in der Zürcher Regierung kandidieren, scheiterte aber in der parteiinternen Ausmarchung. Und in ­ihrer Heimat Winterthur regiert bereits ihr Bruder mit. Ähnlich erging es Darbellay: Sein erster Versuch, Walliser Staatsrat zu werden, misslang. Ein zweiter erfolgt im nächsten Jahr. Besser sieht es für Evi Allemann aus. 2018 wird wohl ihre Parteikollegin Barbara Egger-Jenzer ihren Sitz in der Regierung räumen. Allemann sagt denn auch, der Wechsel in die kantonale Exekutive sei eine Möglichkeit. Die andere wäre, politisch im Hintergrund aktiv zu bleiben.

Wer Politiker bleiben will, hat noch andere Möglichkeiten. Die Zeit in Bern lässt sich mit einem Wechsel in die kleine Kammer verlängern, wie es Levrat und Bruderer tun. Oder mit einem partei­internen Aufstieg. Roger Nordmann wurde kürzlich SP-Fraktionschef. All dies ist keine Option für Christa Markwalder. Sie will sich beruflich weiterentwickeln. Ihre Perspektiven für die zweite Hälfte des Arbeitslebens erachten die ­alten Jungstars unisono als gut: Sie verfügen über vielfältige Kontakte, haben Verhandlungsgeschick gelernt, wissen, wie man Kompromisse schmiedet: «Das kann man in jedem Beruf brauchen», sagt Markwalder.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.01.2016, 22:57 Uhr)

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