Schweiz
3000 Tiere für eine Arche Noah präpariert
Christian Schneiter fantasierte vor einiger Zeit, die Arche Noah sei nach der Sintflut nicht am Berg Ararat, sondern im Jura gestrandet. Allerdings nicht irgendwo im Jura, sondern auf der Wiese vor dem Bauernhof im malerischen Val Terbi, in dem er seit zwei Jahrzehnten Tiere aus aller Welt präpariert. «Ich sah mich als die Person, die auf der Arche von jeder Tierart ein Paar willkommen heisst», erinnert sich der 43-Jährige. An der Expo.02 hatte Schneiter im Ausstellungsgelände von Neuenburg bereits ein «Zwischenlager Noahs» eingerichtet. Dort warteten von ihm präparierte Tiere auf ihre biblische Verschiffung.
Arche Noah geöffnet
Vor seinem Hof in Vicques hätte der Tierpräparator am liebsten ein modernes Holzgebäude in der Form eines antiken Schiffes errichtet, das seine 3000 Tiere aufnehmen sollte. Doch dafür reichten die von der Stiftung «L’Arche de Noé» gesammelten 1,9 Millionen Franken nicht aus. Immerhin konnte Schneiter diesen Herbst eine jurassische Arche Noah für das Publikum eröffnen. Die grösste Privatsammlung Europas dieser Art ist nun in einem dunkelbraunen Zweckbau untergebracht, der an die Scheune angebaut ist.
Im Innern des Gebäudes fühlt sich der Besucher tatsächlich auf zwei Unterdecks der Arche Noah versetzt. In wenigen Schritten kann man von einer afrikanischen Steppe, in der sich Löwen tummeln, zu einer arktischen Landschaft mit Eisbären, Moschusochsen und Eisfüchsen oder in den Urwald Südamerikas mit Ara-Papageien und Leoparden spazieren. In einer Szene aus den Alpen schlägt ein Luchs eine Gämse, und eine Wölfin ruht sich mit zwei Jungen auf einem Felsvorsprung aus.
Der Gang der Löwin
«Ich setze meine Tiere in Szene und zeige Individuen derselben Art in unterschiedlichen Haltungen, die sie im Alltag einnehmen», hebt Schneiter einen Unterschied zu herkömmlichen Ausstellungen in naturhistorischen Museen hervor. Im Besucherzentrum ahmt er mit den Armen auf einer Tischplatte den Gang einer Löwin nach, die sich an eine Beute heranschleicht.
Genau so präparierte er eine der Raubkatzen, die er wie alle anderen exotischen Säugetiere aus zoologischen Gärten bezieht, für die Szenerie in der Savanne. Darin kämpfen auch zwei Löwenmännchen um den Vorrang im Rudel. Nebenan fläzt sich ein Gepard am Boden und leckt eine Hinterpfote.
Tierköpfe auf Puppen
Schneiter erinnert sich bestens an Tiere, die er in freier Wildbahn, in Zoos oder auf dem eigenen Bauernhof beobachtet hat. Während der vierjährigen Lehre als Tierpräparator zeichnete er tagelang im Berner Tierpark Dählhölzli und modellierte die Körper einheimischer und exotischer Tiere. Später reiste er in eine Wüstengegend Afrikas und kletterte auf den Kilimandscharo. Am südlichsten und nördlichsten Zipfel des amerikanischen Doppelkontinents und ganz im Osten Sibiriens studierte er die Tierwelt.
Um eine Raubkatze zu präparieren, wendet Schneiter etwa zehn Arbeitstage auf. Dabei dienen ihm Bilder aus dem Gedächtnis, Fotografien, die ab und an auch ein Tierpfleger in einem Zoogehege aus verschiedenen Perspektiven für ihn aufgenommen hat, und wissenschaftliche Tierbücher als Vorlage. «Ob ein Tier angespannt, aggressiv oder friedlich wirkt, drücke ich einzig mit der Auswahl der gläsernen Augen sowie der Gestaltung von Ohren und Schnauze aus», sagt Schneiter.
Grosser Besucherandrang
Im Mai gewann der Jurassier an der Europameisterschaft der Präparatoren in Italien den Preis des vielseitigsten Tierpräparators. Eine der prämierten Arbeiten zeigt zwei Vögel – rivalisierende Kampfläufer, die als Drohgebärde leuchtende Federn am Nacken auffächern. In der Schweiz erregte Schneiter mit der witzigen Ausstellung «Manimal» Aufsehen. Er montierte Tierköpfe auf 100 eingekleidete Schaufensterpuppen und zog damit an grossen Gewerbeausstellungen in Martigny und Chur viel Publikum an.
Die Galerie «L’Arche de Noé» in Vicques besuchten seit der Eröffnung im September bereits 5400 Personen. Schneiter, der selbst keine Kinder hat, führt gerne Schulklassen durch seine präparierte Tierwelt. «Ich kann ihnen meine zoologischen Kenntnisse vermitteln und Gefühle im Zusammenhang mit Tieren ausdrücken, die alle Leute verstehen», sagt der Präparator. Hätte die Stiftung die nötigen Mittel, würde Schneiter die Arche um zusätzliche Decks erweitern. So könnte er Hunderte präparierte Vögel aus ihren Glasvitrinen befreien und in den Kulissen ihrer bevorzugten Biotope inszenieren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.11.2010, 20:35 Uhr
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