Schweiz

«50 Prozent ÖV? Nein, das ist nicht realistisch»

Interview: Norbert Raabe. Aktualisiert am 24.06.2011 17 Kommentare

Der öffentliche Verkehr in der Schweiz steht vor grossen Herausforderungen. Was uns in Zukunft erwartet, erklärt Mobilitätsforscher Peter de Haan.

Auf Schienen, Rädern, Reifen und Sohlen: Mobilität in der Grossstadt Basel.

Auf Schienen, Rädern, Reifen und Sohlen: Mobilität in der Grossstadt Basel.
Bild: Keystone

Zur Person

Peter de Haan, Jahrgang 1969, hat an der ETH Zürich Umweltphysik und Statistik studiert. Er ist dort noch immer als Dozent für Energie und Mobilität tätig. Beim Beratungsunternehmen Ernst Basler + Partner in Zollikon arbeitet er als Leiter des Tätigkeitsfeldes Klimaschutz. Er hat zahlreiche Expertisen für das Bundesamt für Energie und andere Behörden erstellt.

Artikel zum Thema

VCS-Tagung mit Bundesrätin Leuthard

An einer VCS-Fachtagung in Bern haben sich über 100 Fachleute zum Thema Verkehr ausgetauscht. Eröffnet wurde die Tagung von Bundesrätin Doris Leuthard. In ihrer Rede betonte sie die Wichtigkeit des öffentlichen Verkehrs für die Schweiz. Trotzdem müssten die verschiedenen Verkehrsträger gleichberechtigt gefördert und die Finanzierung sichergestellt werden, sagte die Verkehrsministerin.

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Herr de Haan, bei Ihrem Vortrag heute bei der VCS-Tagung Öffentlicher Verkehr haben Sie gesagt, dass die Mobilität von 2000 bis 2035 nicht um 26 Prozent ansteigen wird, wie Fachleute des Bundes früher berechnet hatten - sondern es komme noch dicker.
Diese Einschätzung teilt auch Bundesrätin Doris Leuthard, die vor mir gesprochen hat. Wir beobachten, dass das Wachstum beim Verkehr derzeit auf einem 45-Prozent-Kurs ist.

Das wirft die Frage auf, ob man den ÖV-Anteil wirklich auf 50 Prozent steigern kann, wie sich das der VCS wünscht. Halten Sie das für machbar?
Nein, das ist nicht realistisch.

Warum?
Da gibt es mehrere Gründe. Erstens rein finanziell: Dafür müssten Sie den öffentlichen Verkehr auf mehr als das Doppelte ausbauen. Diese Gelder werden nicht da sein. Das Ziel wird man auch deshalb nicht erreichen, weil zwei Drittel des Verkehrs sogenannter Freizeitverkehr sind. Und dort hat der ÖV ja noch mehr Mühe, die Menschen zum Umsteigen zu bewegen, als bei den Pendlern.

Es hat sich auch gezeigt, dass ein Ausbau des Angebots manchmal nicht die gewünschte Entlastung in Bahnen und Bussen bringt. Stattdessen zogen mehr Menschen in diese Region und wurden zu Pendlern ...
Das ist zum Teil so und auch nicht ganz zu vermeiden. So tickt halt der Mensch. Was aber gleichzeitig auch passiert, ist, dass der Strassenverkehr wegen der Staus immer langsamer wird. Und dann steigen erfahrungsgemäss doch mehr Leute auf die Bahnen um, weil sie nicht mehr richtig vorankommen.

Sie selbst fahren 50'000 Bahnkilometer pro Jahr, haben ein General-Abonnement, machen beim Car-Sharing mit - und haben gleichzeitig ein eigenes Auto. Was ist für Sie das ideale Auto der Zukunft?
Das gibt es gar nicht - sondern eine Differenzierung in kleine und grosse Autos. Und zwar viel stärker als heute: Man besitzt ein kleines Auto, hocheffizient, so wie ein 1-Liter-Auto, das sicher kommen wird. Damit macht es aber keinen Spass, nach Spanien zu fahren. Daneben wird es also Fahrzeuge für höhere Reichweiten geben. Die werden sich die Leute aber in der Regel ausleihen.

Wäre das nicht auch das Ende vom Auto als Statussymbol?
Das Auto verliert bereits an Ansehen, das stimmt. Aber wir dürfen uns auch nichts vormachen: Europa ist wohlhabend, die Schweiz ist noch wohlhabender, und so lange die Menschen sich das leisten können, werden sie gute Autos haben.

Sie glauben, dass E-Mobile für urbane Zwecke eine Zukunft haben. Greenpeace kritisiert die massive Förderung dieser Fahrzeuge aber scharf und fordert, dass Autos vor allem leichter werden sollen.
Mit den Analysen von Greenpeace bin ich zum Teil einverstanden. Ökologisch betrachtet ist Leichtbau tatsächlich viel bedeutsamer als die Frage, ob man mit Benzin oder Strom fährt. Klein - das ist das Wichtigste. Aber Elektromobilität ist deshalb noch nichts Schlechtes. E-Mobile sind automatisch immer kleiner, weil die Batterie sonst viel zu gross gebaut werden müssten. Anders als Greenpeace glaube ich übrigens auch, dass die E-Mobilfahrer gewillt sein werden, für Ökostrom mehr zu bezahlen.

Wir haben über Schienenverkehr und die Strasse gesprochen. Zum Flugverkehr: Bei der Luftfahrtmesse in Paris hat Airbus Verkaufsrekorde erzielt. Sie sagen, dass diese Branche durchgebrannt sei und so gehe es nicht weiter. Warum?
Die Erdölvorräte werden nicht mehr; vielleicht können wir das heutige Förderniveau gerade in etwa halten. Aber sie werden sich nicht stark steigern lassen, und der Landverkehr braucht ja auch viel Treibstoff. Ich weiss wirklich nicht, wo das Kerosin für all diese Flugzeuge herkommen soll - zu halbwegs vernünftigen Preisen. Da steuern wir auf eine Blase zu. Das geht in Zukunft sicher nicht so weiter.

Die Hersteller arbeiten bereits an angeblich umweltverträglicheren Lösungen: E-Antriebe, leichtere Flugzeuge, sogar Speiseöl im Tank. Was halten Sie davon?
Diese elektrisch betriebenen Maschinen sind in erster Linie natürlich Kleinstflugzeuge...

Ja, aber wäre mit ökologischerer Technologie beim Fliegen nicht doch eine Verbesserung zu erreichen?
Eigentlich sind Flugzeuge doch technisch schon sehr gut. Die Hersteller sind ja gezwungen, effizient zu sein, wenn solche Lasten in die Luft gehen. Das sind hocheffiziente technische Meisterwerke. Da lässt sich nicht einfach so mit einigen Tricks noch wahnsinnig viel machen. Auch nicht, wenn Sie zu elektrischen Antrieben wechseln, weil sie dann zu schwere Batterien haben. Und auch nicht mit Wasserstoffantrieb, das ist auch so eine Fantasie - Fliegen ist einfach eine energie-intensive Fortbewegungsart.

Wie sollte die Zukunft der Fliegerei also aussehen?
Die CO2-Emissionen beim Flugverkehr spielen beim Kyoto-Klimaprotokoll heute noch keine Rolle. Darum will die EU sie nun richtigerweise in den Emissionshandel einbeziehen - gegen den Widerstand der USA und China. Ausserdem sollte endlich Kostenwahrheit hergestellt werden. Man müsste das Kerosin steuerlich belasten, so wie das Benzin für die Automobile. Das alleine würde die Kosten schon massiv erhöhen, und dann würde sich das über den Markt regeln.

Und wer würde sich Fliegen überhaupt noch leisten können?
Man hätte in Zukunft schon noch einen Flugverkehr, etwa im selben Umfang wie heute. Aber eben nicht das Dreifache davon. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.06.2011, 15:59 Uhr

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17 Kommentare

Max Meier

24.06.2011, 16:08 Uhr
Melden 80 Empfehlung

Man sollte aufhören zu denken, fliegen sei ein Menschenrecht. Heute fliegen junge Leute am Wochenende für 100 Euro nach Berlin zu einer Party und zurück. Dies ist krank! Wir brauchen das Auto um Geld zu verdienen und werden da beschnitten wo es nur geht. Zuerst muss der Hebel an der Spassgesellschaft angesetzt werden. Ich bin für ein jährliches Benzinkontingent - wie man dieses verbraucht ist egal Antworten


Markus Mühlbacher

24.06.2011, 16:26 Uhr
Melden 53 Empfehlung

Es gibt bereits heute Regionen und Städte (Bsp: Curitiba-Brasilien, Davis-USA u.a.), wo über 75% des gesamten Verkehrs via ÖV abgewickelt wird. Abgesehen davon gibt es noch das Fahrrad, welches in Sachen Effizienz jedes andere urbane Verkehrsmittel - ob öffentlich oder privat - um Längen schlägt. Wer heute noch mit einem Auto Status markieren will, leidet offensichtlich am Napoleon-Komplex... Antworten



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