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800 Briten wollen mit Dignitas sterben

Immer mehr Briten sind Mitglieder bei Dignitas, weil Grossbritannien die Sterbehilfe schwer bestraft. Jetzt drängen Parlamentarier auf eine Reform.

Nahm sich 2006 das Leben: Dignitas-Mitglied Craig Ewert.

Nahm sich 2006 das Leben: Dignitas-Mitglied Craig Ewert.
Bild: Keystone

Britinnen und Briten, denen in ihrer Heimat Sterbehilfe verwehrt ist, sehen in der Zürcher Sterbeklinik Dignitas ihre letzte Zuflucht. Informationen der Londoner Zeitung «The Observer» zufolge haben sich bereits 800 britische Staatsbürger in die «Warteschlange» in der Schweiz eingereiht. Das ist eine neue Rekordzahl: Das britische Interesse an Dignitas hat sich in den letzten sieben Jahren verzehnfacht.

Mit einer Initiative zur Änderung der Gesetzeslage hat diese Woche eine Riege prominenter Parlamentarier auf das «Dilemma» der Betroffenen reagiert. Die Reformer wollen zögernde Parlamentskollegen davon überzeugen, eine liberalere Linie in Sachen Sterbehilfe zu unterstützen.

Vor dem höchsten Appellationsgericht, dem Gericht der Law Lords, hat gleichzeitig eine schwerkranke Patientin das Recht gefordert, sich von ihrem Mann zur Beendigung ihres Lebens in die Schweiz begleiten zu lassen.

Es drohen 14 Jahre Gefängnis

Auch auf solche Begleitung steht in England und Wales heute noch eine Gefängnisstrafe von bis zu 14 Jahren – wiewohl von all den Briten, die in den letzten Jahren ihre Angehörigen oder Freunde zu Dignitas begleiteten, kein Einziger tatsächlich bestraft worden ist.

Die 46-jährige Debbie Purdy aus Bradford, die an fortschreitender multipler Sklerose leidet, möchte vom Gericht der Law Lords in aller Form bestätigt bekommen, dass ihr Ehemann Omar Puente keine Strafverfolgung befürchten muss, wenn er mit ihr nach Zürich fährt.

Vor Gericht verloren

Entsprechende Prozesse vor dem High Court und dem Appeal Court, dem allgemeinen Berufungsgericht, hat Purdy bereits verloren. Der Law-Lord-Prozess, den sie jetzt angestrengt hat, ist ihre letzte Chance.

Die Britin, die seit acht Jahren im Rollstuhl sitzt, und deren Zustand sich stetig verschlechtert, möchte ihrem Mann nicht zumuten, als Krimineller eingestuft zu werden. Eine solche Garantie im Einzelfall aber mag die britische Staatsanwaltschaft nicht geben. Nur das Parlament könne das seit 1961 gültige «Selbstmordgesetz» ändern, erklären die Behörden. Ein Urteil der Law Lords wird noch in diesem Sommer erwartet.

Derweil unterstützen mehrere hohe Juristen im House of Lords, der oberen Parlamentskammer, eine Gesetzesänderung. Sowohl Lord Falconer, der frühere Lord Chancellor Grossbritanniens, und Baronin Jay, Ex-Präsidentin des House of Lords, als auch eine Reihe anderer Honoratioren brachten eine Vorlage ein, mit der sich bald auch das Unterhaus, die gewählte Kammer, beschäftigen soll.

Zeit für Neubesinnung

Noch im März dieses Jahres hatte das Unterhaus eine Entscheidung in dieser Frage vertagt. Jetzt sei es Zeit für eine Neubesinnung, fordert Baronin Jay: «Es ist doch eine tragische Anomalie, dass Leute, die einem lieben Angehörigen eine letzte liebevolle Hilfestellung geben wollen, mit 14 Jahren Haft bedroht werden.»

Der britische Streit um Sterbehilfe hat über die Jahre nicht an Schärfe und Bitterkeit verloren. Zahlreiche Versuche, Selbstmord oder Sterbehilfe zu legalisieren, sind ins Leere gelaufen. Beim Versuch, das Gesetz zu umgehen, haben mehr und mehr Briten bei Dignitas Zuflucht gesucht.

Dignitas landesweit bekannt

Die Schweizer Sterbeklinik ist inzwischen im ganzen Königreich bekannt. Über 100 britische Staatsbürger haben dort bereits den Tod gesucht und gefunden. Im Dezember sorgte die Ausstrahlung eines TV-Films, in dem der Brite Craig Ewert zu seinem Tod in Zürich begleitet wird, für Aufruhr in Grossbritannien. Dem «Observer» zufolge haben fast 800 Briten die Mitgliedschaft bei Dignitas erworben und so «den ersten Schritt getan». 34 von ihnen hätten von Dignitas «provisorisch grünes Licht» erhalten und könnten jederzeit zur Reise rüsten. Fünf hätten sich schon feste Daten geben lassen.

Für Lesley Close, eine Britin, die mit ihrem todkranken Bruder John 2003 nach Zürich reiste, belegen diese Rekordzahlen dringenden Handlungsbedarf: «Das Interesse an Dignitas unterstreicht doch nur die Notwendigkeit einer britischen Gesetzesreform. Wir brauchen hier die gleiche Möglichkeit, wie man sie in der Schweiz hat.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2009, 23:14 Uhr

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4 Kommentare

Andreas Hugi

05.06.2009, 12:25 Uhr
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Ohne irgendeiner Sterbehilfeorganisation anzugehören sei dieser vom "Observer" abgeschriebene Bericht kritisch hinterfragt: Sind nicht eher einfach 800 Briten MITGLIED beim Verein Diginitas? Mitglied bei einer Sterbehilfeorganisation zu sein, heisst ja noch lange nicht, eine Freitodbegleitung auch zu wollen. Antworten


Paul Thürig

05.06.2009, 11:01 Uhr
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Das dürfte vor allem Dignitas-Chef Ludwig A. Minelli freuen...Offenbar ist das Geschäft mit dem Tod lukrativer als seine Juristerei... Antworten


Ronnie König

05.06.2009, 09:28 Uhr
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Was ist mehr Herrgott spielen: Sterben zu helfen oder jemand zum Leben zwingen? Anstatt zu leiden , möchte ich lieber sterben. Antworten


Res Zaugg

05.06.2009, 07:30 Uhr
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Auch ich bin Mitglied von Dignitas. Nicht weil ich beabsichtige demnächste aus dieser Welt zu entschwinden, sondern aus Solidarität und Überzeugung. In diesem Land werden jährlich über 20'000 Ungebohrene schulmedizienisch abgetrieben! Und da soll Sterbehilfe für unheibar Kranke verboten sein?? Aber England muss dieses Problem selber lösen. Wir dürfen keinen Sterbetourismus aufkommen lassen. Antworten



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