Ach, die Schweiz!

Von Martin Eibel. Aktualisiert am 30.07.2010 13 Kommentare

Was Schweizer Künstlern zum 1. August so alles einfällt. Eine Bestandesaufnahme aus aktuellem Anlass.

Warum befragen Zeitungen Schriftsteller und andere Künstler so gern zu politischen Themen? Experten sind sie ja nicht gerade. Aber sie spüren gesellschaftliche Entwicklungen oft früher als andere, haben eine besondere Sensibilität, ja oft eine spezifische Intelligenz, die mit ihrer Begabung zu tun hat, Figuren und Konstellationen zu erfinden. Künstler und Intellektuelle können ihre Einsichten meist besser formulieren als andere. Sie sind freischwebend, nicht interessegebunden. Und ihre politische Parteinahme hat Tradition: Seit der Dreyfus-Affäre haben sie sich immer für die Rechte des Einzelnen, für die Schwachen und gegen Machtmissbrauch eingesetzt.

Nun sind Künstler keine Maschinen, die auf Knopfdruck Erkenntnisse produzieren. Auch nicht mal schnell einen brillanten Essay. Und gerade der 1. August ist nicht besonders inspirationsfördernd. Wem fiele zu diesem Datum schon etwas Interessantes ein? Darum fragen wir von der Presse oft gar nicht mehr an – man holt sich doch nur Absagen – und beklagen lieber das Schweigen der Intellektuellen.

Tendenz überraschungslos

Und dann kommen die Texte plötzlich von selbst (respektive angeregt vom Aktionsbündnis «Kunst + Politik», das sich nach der Minarettabstimmung gebildet hat). Sollte es den Künstlern etwa doch ein Anliegen sein, sich zum 1. August zu äussern? Ist die Schweiz ein Thema, eine Herausforderung, eine Provokation – gar eine Inspiration?

Es wäre zu schön. Aber ach, inspiriert sind die 32 Texte gerade nicht, die ab heute auf der Internetseite des Aktionsbündnisses stehen. Sie sind unoriginell, mutlos, wehleidig. In der Tendenz überraschungslos: progressiver Mainstream, wohin man schaut. Sie wirken wie bestellt und nicht abgeholt, mangels Interessenten. Wie eine Pflichtübung, weil man als Künstler ja mal wieder ein Machtwort sagen muss zu den Verhältnissen. Nur fällt den Wortmächtigen zu den Verhältnissen nicht wirklich etwas ein. Weder inhaltlich noch formal.

Beispiele? Da gibt es zweimal ein kleines Schweiz-Lexikon, das eine setzt für «schweizerisch» lauter positive Synonyme ein, das andere erklärt den Schweizern, dass alles, worauf sie stolz sind, von der Demokratie bis zum Fondue, von anderen erfunden wurde. Da gibt es Arschloch-Rollenprosa von Guy Krneta, aber leider ist der Rolleninhaber, wie erwartbar, das grösste Arschloch. Da versucht Daniel de Roulet, die Absurdität des Minarettverbots durch eine noch absurdere Initiative zu entlarven: das Verbot, Hundefleisch zu essen. Da stellt sich Sophie Hunger vor, sie sei eine Schweizer Fahne, aber leider taucht dann gleich ein «Tamile aus der Bundeshausküche» auf: «Er ist es, der den Dreck des Patrioten aufräumt.» Da denkt sich Tim Krohn eine neue Schweizer Hymne aus, triefend vor Gutgemeintheit. Milena Moser lässt noch einmal Lebenskünstler gegen Spiesser aufmarschieren, und Samir erklärt, wer eigentlich Integrationsdefizite hat: die Integrationisten. Für Ruth Schweikert sind die besten Schweizer ohnehin die Immigranten, weil diese ihr Schweizertum hart erkämpft haben.

Das liebste Feindbild

Ja, dass einige Schweizer immer noch nicht nett genug zu den Ausländern oder Neu-Schweizern sind, scheint das grösste Problem zu sein, das dieses Land gegenwärtig hat. Und der Bünzli ist immer noch des Künstlers liebstes Feindbild, auch wenn man ihn inzwischen mit der Lupe suchen muss. Die Unterdrückung der Frau ist dagegen etwas in den Hintergrund getreten, einzig Isolde Schaad reitet unverdrossen dieses alte Streitross und beschreibt aus verschreckter Männerperspektive eine anstehende Frauenmehrheit im Bundesrat als «Umsturz».

Hat die Schweiz keine anderen, keine wirklichen Probleme? Stand das Land nicht vor kurzem am Rande des Zusammenbruchs wegen der Schieflage einer einzigen Grossbank? Doch, aber das sind Probleme, die nicht ins Schema «Hier die Ausländerfeinde, dort die Toleranten» passen. Vielleicht sind die Künstler mit ihnen schlicht überfordert. Sie präzise zu benennen, braucht etwas Expertise, da reicht nicht das Gefühl, auf der besseren Seite zu stehen.

Schrecklich weltmännisch

«An der Schweiz zu leiden, ist eine der luxuriösesten Positionen, die man einnehmen kann», erklärt Filmemacher Eric Bergkraut. Um gleich zu betonen, er verhalte sich gern «pariserisch». Ja, sie sind alle so schrecklich weltmännisch, unsere Künstler. Die Schweiz ist ihnen zu klein, sie hat einfach nicht das Potenzial, sie zu inspirieren. Aber dann sollen sie es doch lieber lassen. So wie der Filmemacher Richard Dindo. Von ihm stammt der Satz: «Zum 1. August ist mir noch nie etwas eingefallen.» Den anderen auch nicht. Geschrieben haben sie trotzdem. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2010, 15:03 Uhr

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13 Kommentare

Manuel Nehmer

30.07.2010, 15:19 Uhr
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Auf den Kopf getroffen! Obwohl ich Kunst in allen Variationen sehr mag, ist mir das moralisierende, mitunter arrogant daherkommende (Anti-)Schweizbild vieler Kuenstler zu banal. Die Menschen sind heute so umfassend informiert, dass sie keine Moralapostel und Eliten mehr brauchen, welche ihnen den Weg weisen. Da gehts vielen Medien- und Kunstschaffenden wie der Armee, ploetzlich fehlt die Aufgabe. Antworten


Ruthild Auf der Maur

30.07.2010, 16:32 Uhr
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Ein Grossteil unserer Künstler sind Möchte-gern-Künstler. Weil sie anderswo kaum eine Chance haben und dies auch wissen, bleiben sie hier. In der Tat, schreckliche möchte-gern-weltmännische Spiesser. Antworten



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