Ärzte lockern die Abtreibungspraxis: Bedenkzeit fällt weg

Eine einzige Konsultation kann genügen, um abzutreiben. Unter Gynäkologen ist das umstritten.

Eine Arztkonsultation oder mehr: Wie lange soll eine Frau warten, bis eine Abtreibung vorgenommen werden darf? Foto: Alamy

Eine Arztkonsultation oder mehr: Wie lange soll eine Frau warten, bis eine Abtreibung vorgenommen werden darf? Foto: Alamy

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Bis Ende der Neunzigerjahre war eine Abtreibung aufwendig. Unter Narkose wurde der Embryo abgesaugt, manchmal war der Eingriff mit einem stationären Spitalbesuch verbunden. Seit 1999 die Abtreibungspille auf den Markt gekommen ist, genügt die Einnahme von Tabletten. Die medikamentöse Methode ist zwar schmerzhafter, aber unkompliziert. Heute wählen etwa 70 Prozent der Frauen, die abtreiben, diese Methode.

Nach heutigen Regeln sind dafür mehrere Arztbesuche nötig: ein erstes Be­ratungsgespräch, dann ein zweites. Zwei Tage nach der ersten Tabletteneinnahme muss die Frau für das zweite Medikament erneut zum Arzt. Hinterher folgt eine Nachkontrolle. Nach Ansicht einiger Gynäkologinnen und Gynäkologen ist der medikamentöse Schwangerschaftsabbruch komplizierter als nötig. Er könnte ihrer Ansicht nach vereinfacht werden, indem die Frau das zweite Medikament zu Hause einnimmt. Mit einem neuen Urintest, der ebenfalls zu Hause durchgeführt werden kann, erübrigt sich auch die Nachkontrolle. Weiter verzichten manche Gynäkologen auf ein zweites Beratungsgespräch vor dem Eingriff und beginnen, sofern sich die Frau sicher ist, sofort mit der Abtreibung.

«Die Frauen sind meist sicher»

Nach einer aktuellen Umfrage der Zeitschrift «Swiss Medical Forum» bietet rund ein Drittel der angefragten öffent­lichen Spitäler in der Schweiz die Ab­treibung mit nur einer Konsultation an (One-Stop-Methode). Ein Pionier auf diesem Gebiet ist der Zürcher Allgemeinpraktiker André Seidenberg, der den vereinfachten Schwangerschaftsabbruch seit Anfang 2015 anbietet – in Anlehnung an klinische Untersuchungen mit po­sitiven Ergebnissen etwa in Skandinavien und Grossbritannien. Vor wenigen Tagen hat Seidenberg Bilanz gezogen: Demnach ist die Zahl der Abbrüche in seiner Praxis letztes Jahr von 253 auf 290 leicht gestiegen. Das habe aber nicht mit dem erleichterten Abbruch zu tun, sagt er. «Wenn eine Frau unsicher ist, gibt es immer ein zweites Gespräch.» 2015 ­waren 31 Frauen beim ersten Gespräch unsicher, 2014 waren es 24.

Stephanie von Orelli, Chefärztin der Frauenklinik am Triemlispital in Zürich, ist gegenüber der erleichterten Methode aufgeschlossen. Noch habe sie keine ­Erfahrung damit, aber das Triemlispital prüfe derzeit die Einführung, sagt sie. «Die meisten Frauen haben sich bereits vor dem ersten Gespräch intensiv mit dem Schwangerschaftsabbruch auseinandergesetzt.» Die Erfahrung zeige, dass «die meisten Frauen wissen, dass sie einen Abbruch wollen». Auch am Uni­versitätsspital Zürich wäre es theo­retisch möglich, mit nur einer ärztlichen ­Konsultation einen Schwangerschafts­abbruch vorzunehmen. «Wir raten aber davon ab», sagt Oberarzt Konstantin ­Dedes. Zwar seien sich rund 90 Prozent der Frauen sehr sicher, doch für die übrigen 10 Prozent sei die Bedenkfrist wichtig. «Deshalb raten wir, nach der Beratung mindestens einen Tag zu warten.»

Abtreibung gestoppt

Thomas Eggimann, Generalsekretär der schweizerischen Gesellschaft für Gy­näkologie und Geburtshilfe (SGGG), ist ein dezidierter Gegner der One-Stop-Methode. Das sei seine persönliche Meinung, betont er, da sich der Verband noch nicht mit dem Thema befasst habe. «Ich bin ein überzeugter Verfechter der Fristenregelung und der damit verbundenen Erleichterungen des Schwangerschaftsabbruchs. Doch eine Bedenkzeit zwischen der ersten Konsultation und der Einnahme der Abtreibungstabletten ist absolut wichtig.» Eine «angemessene Bedenkzeit» verlangen auch die SGGG-Richtlinien. Gesetzlich vorgeschrieben ist die Bedenkzeit nicht, das Strafgesetzbuch verlangt lediglich ein «eingehendes Gespräch». Der Verband müsse seine Richtlinien anpassen, fordert Seidenberg. Laut Generalsekretär Eggimann traktandiere die SGGG das Thema demnächst. Er könne sich aber nicht vorstellen, dass eine Mehrheit des Vorstands das One-Stop-Angebot befürworte.

Umfrage

Reicht eine Konsultation vor der Abtreibung?

Ja. Frauen, die abtreiben wollen, haben sich das vorher schon gut überlegt.

 
50.7%

Nein. Die zusätzliche Bedenkzeit ist wichtig vor so einem einschneidenden Ereignis.

 
49.3%

1095 Stimmen


Auch die Gynäkologin und ehemalige Grünen-Nationalrätin Yvonne Gilli lehnt eine Vereinfachung des Schwangerschaftsabbruchs ab. Die Gespräche seien sehr wichtig, auch für jene Frauen, die den Kontakt zur Ärztin ursprünglich nicht gesucht hätten, sagt sie. «Und in Einzelfällen haben die Gespräche schon dazu beigetragen, dass die Frauen ihre Entscheidung geändert haben.» Der zweite Grund ist politischer Natur: «Das Verfahren wurde bereits stark vereinfacht», sagt Gilli, «wogegen religiöse Kreise in einem Mass opponiert haben, dass eine nationale Abstimmung über die Finanzierung des Schwangerschaftsabbruchs stattfand.» Mit einer weiteren Vereinfachung würde den Gegnern des straflosen Schwangerschaftsabbruchs unnötig Auftrieb verliehen, sagt sie.

Ein alter Streit

Anne-Marie Rey, Vorkämpferin des straffreien Schwangerschaftsabbruchs, erinnert sich daran, dass bei der Einführung der Fristenregelung im Parlament jahrelang um die Bedenkzeitpflicht gestritten worden sei. «Die CVP wollte diese Bedenkzeit ins Gesetz aufnehmen, fand aber keine Mehrheit.» Die in den Verbandsrichtlinien empfohlene «angemessene Bedenkzeit» werde insofern eingehalten, sagt Rey, als die Frauen sich schon vor dem ersten Arztbesuch viele Gedanken machten. Denn vom Moment an, in dem die Frau eine Schwangerschaft vermute, vergingen bis zum Arztbesuch mehrere Tage. «Es ist klar, wenn eine Frau nicht hundertprozentig sicher ist, schickt der Arzt sie heim. Aber wenn sie sicher ist, gibt es keinen Grund, den Abbruch unnötig hinauszuzögern.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.02.2016, 23:27 Uhr)

«Es wird immer Frauen geben, die sich umentscheiden»

Für den Gynäkologen Thomas Eggimann ist ein zweites Gespräch vor einer Abtreibung zwingend.

Für eine Abtreibung genügt neuerdings ein einziger Arztbesuch. Was halten Sie davon?
Ich bin sehr skeptisch. Es kommt immer wieder vor, dass Frauen beim ersten Arztbesuch sicher sind – und sich dann doch umentscheiden. Ich behandle gerade jetzt eine solche Patientin. Die Frau war bei der ersten Konsultation sicher, dass sie abtreiben will, oder sie glaubte, sicher zu sein. Die Operation war bereits geplant. Doch kurz vor dem Termin hat sie mir geschrieben, dass sie doch nicht abtreiben wolle. Die betroffenen Frauen sind oft in einer sehr schwierigen Situation. Da kann es vorkommen, dass sie sich wieder umentscheiden. Eine Bedenkfrist von mindestens 24 Stunden ist meines Erachtens zwingend, bevor man eine Abtreibung vornimmt.

Wie oft kommt das vor, dass es sich eine Frau anders überlegt?
Immer wieder. Für manche ist der Entscheid hingegen von Anfang an klar, und sie ziehen ihn durch. Ich habe langjährige Erfahrung mit Schwangerschaftsabbrüchen und bin ein Befürworter der Fristenlösung und der damit verbundenen Erleichterung der Abtreibung. Doch vor einem solchen Eingriff braucht es eine Bedenkzeit.

Wie sieht das die schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG)?
Nach den heutigen Richtlinien des Verbands, die eine Art Standesregeln sind, wird der Schwangerschaftsabbruch nach einer angemessenen Bedenkzeit vorgenommen. Es muss also ein zweites Konsultationsgespräch stattfinden.

Ein Zürcher Arzt, der die «One Stop»-Methode anbietet, sagt, ein Arzt merke es schnell, wenn die Patientin ambivalent sei.
Ich bin froh, dass er das so gut beurteilen kann. Ich hatte schon Fälle von Frauen, die am ersten Tag hundertprozentig sicher waren, auch nach der fünften Nachfrage. Zwei Tage vor dem Termin haben sie dann abgesagt. Natürlich nimmt ein Arzt für sich in Anspruch, psychologisches Feingefühl zu besitzen und festzustellen, wenn die Frau ambivalent ist. Doch es wird immer Fälle geben, in denen eine Frau ihre Situation wenige Tage später anders beurteilt.

Manche bezeichnen die zwingende zweite Arztkonsultation als Schikane. Wie sehen Sie das?
Man kann es Schikane nennen, vielleicht empfinden es manche Patientinnen als das. Ich meine, wenn es um gesundes werdendes Leben geht, ist eine Bedenkzeit und ein zweites Gespräch nicht zu viel verlangt.

Ist es denkbar, dass die SGGG ihre Richtlinien anpasst und die «One Stop»-Abtreibung als Variante empfiehlt?
Wir haben das noch nicht thematisiert, werden es aber demnächst tun. Ich könnte mir vorstellen, dass eine Mehrheit des Vorstands skeptisch ist gegenüber einer solchen Anpassung.

Stichworte

Thomas Eggimann

Der Gynäkologe betreibt eine Praxis in Kreuzlingen und
ist Generalsekretär der schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.

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