«Aktiver Mitspieler» im Fall Borer wird Sprecher von Schneider-Ammann
Von Claudia Blumer. Aktualisiert am 11.10.2011 18 Kommentare
Der Fall Borer
Am Ostersonntag, 31. März 2002, publizierte der «Sonntagsblick» die Titelgeschichte mit der Schlagzeile «Borer und die nackte Frau. Was geschah in der Botschaft? EDA verlangt Stellungnahme». Auf mehreren Seiten schildert die Zeitung eine angebliche Affäre von Thomas Borer, damals Schweizer Botschafter in Berlin, mit einer jungen Frau. Borer, der in den Ferien auf Mauritius weilt, streitet die Vorwürfe ab, das Aussendepartement verstrickt sich in widersprüchliche Informationen. Der Fall Borer hält tagelang die Schweizer Medienwelt in Atem, bis Aussenminister Joseph Deiss am 10. April informiert, der Bundesrat habe die Abberufung Borers per Ende April beschlossen.
Im Sommer entschuldigt sich «Sonntagsblick»-Verleger Michael Ringier auf der Titelseite des Boulevardblattes; Borer erhält ein Schmerzensgeld in Millionenhöhe.
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Bundesrat Johann Schneider-Ammann wechselt seinen Departementssprecher aus. Christophe Hans, der langjährige Informationschef des Volkswirtschaftsdepartements (EVD), wird ersetzt durch Ruedi Christen.
Dieser ist in der Bundesverwaltung kein unbeschriebenes Blatt. Der heute 59-jährige Christen war zwischen 1998 und 2002 Informationschef des Aussendepartements unter Flavio Cotti und Joseph Deiss.
«Gravierender Fauxpas»
Diese Tätigkeit endete jedoch unrühmlich, und zwar mit dem Fall Borer, den der «SonntagsBlick» Ende März 2002 ins Rollen brachte (siehe Box). Ruedi Christen sei in der Affäre ein «aktiver Mitspieler» gewesen, schrieb die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats (GPK-N) drei Jahre später in ihrem Bericht. Die GPK hatte die Informationstätigkeit des EDA im Fall Borer untersucht. Thomas Borer, vormals Botschafter in Berlin, wurde wenige Tage nach der Publikation des «SonntagsBlick»-Berichts abberufen.
Die Kritik an Ruedi Christen war dezidiert: Der gravierendste Fauxpas von Christen habe darin bestanden, dass er zu den Vorwürfen des «SonntagsBlicks» Stellung genommen habe, ohne zuvor mit dem Angeschuldigten gesprochen zu haben und ohne den genauen Inhalt des Beitrags zu kennen. In groben Zügen habe er die Geschichte aber schon seit zwei Tagen gekannt und damit Zeit gehabt, mit Borer, der in den Ferien weilte, Kontakt aufzunehmen. Zudem habe man im Departement zuvor vereinbart, die ganze Affäre zu ignorieren, weil sie ausschliesslich Borers Privatleben betreffe. Unverständlich erschien der Kommission auch die Tatsache, dass Christen die Zeitung am Nachmittag vor der Publikation von sich aus kontaktiert habe und damit der Angelegenheit Gewicht gegeben und ihre Tragweite implizit bestätigt habe.
Zwiespältigen Eindruck hinterlassen
Ruedi Christen habe damit den weiteren Verlauf der Ereignisse zu einem grossen Teil beeinflusst und den nachhaltigen Eindruck hervorgerufen, dass der Schweizer Botschafter in Berlin ein ernsthaftes Problem darstelle, schrieb die Kommission.
In den Tagen danach habe Christen für Verwirrung gesorgt und einen zwiespältigen Eindruck von der Informationspolitik des EDA hinterlassen. Es sei unmöglich, einerseits zu behaupten, die Affäre gehöre zu Borers Privatleben, und gleichzeitig öffentlich Erklärungen zu verlangen, schrieb die GPK. Der «Bund» zitierte Christen folgendermassen: Das EDA habe «ein Anrecht zu wissen, ob wahr ist oder nicht, was über ihn in der Zeitung geschrieben wird». Dem «SonntagsBlick» sagte Christen: «Wenn sich diese peinliche Situation bestätigt, könnte dies für die Arbeit von Herrn Borer ein Problem darstellen, was wir vermeiden möchten. Es braucht eine unverzügliche Klärung.»
Der Kreis schliesst sich
Wenige Wochen nach der Abberufung von Thomas Borer wurde Ruedi Christen nach New York versetzt, wo EDA-Vorsteher Joseph Deiss ihm eine Stelle in der Kommunikation der UNO-Mission schuf.
Dort blieb Christen fünf Jahre lang, dann übernahm er die Medienarbeit beim schweizerischen Verband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. Eingestellt hatte ihn der damalige FDP-Nationalrat Johann Schneider-Ammann, der den Verband präsidierte. Und so schliesst sich der Kreis: Johann Schneider-Ammann, mittlerweile Bundesrat, holt seinen ehemaligen Mitarbeiter, der im vergangenen Jahr noch einen kurzen Abstecher zum Schweizerischen Gewerbeverband gemacht hat, zurück zum Bund. Und zwar sofort: Christen tritt seine neue Stelle in drei Wochen an. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.10.2011, 13:13 Uhr
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