Alkoholkonsum fördert Gewalt im öffentlichen Raum

Laut einer Studie des Bundesamtes für Gesundheit erfolgen 50 Prozent der Delikte unter Alkoholeinfluss.

Muss die Polizei wegen Schlägereien ausrücken, ist in rund 50 Prozent der Fälle Alkohol im Spiel.

Muss die Polizei wegen Schlägereien ausrücken, ist in rund 50 Prozent der Fälle Alkohol im Spiel. Bild: Keystone

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An den Wochenenden wird die Polizei vor allem in den Städten von alkoholisierten Jugendlichen auf Trab gehalten. Häufig kommt es in den Ausgehzonen und Stadtzentren zu Schlägereien und Sachbeschädigungen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) liess nun den Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Gewalt im öffentlichen Raum genauer untersuchen. In einem Zeitraum von einer Woche war bei 50 Prozent von 4800 Vorfällen mit Polizeieinsatz Alkohol im Spiel. Dies zeigt eine am Dienstag veröffentlichte Studie, die vom Forschungsinstitut Interface erstellt wurde. Die Studie stützt sich auf Online-Befragungen im Sommer 2013 bei 1300 Polizeiangestellten in den Kantonen Bern, Genf, Luzern sowie der Stadt Zürich. Damit ist das Wohngebiet von rund einem Drittel der Schweizer Bevölkerung erfasst.

Als Gewalthandlungen wurden nicht nur physische Übergriffe taxiert, sondern auch Verbalattacken und Ruhestörungen. Zudem wurde der Alkoholkonsum nicht in allen Fällen nachgewiesen. Gewalthandlungen wurden auch dann mit Alkoholkonsum in Verbindung gebracht, wenn die Polizei einen solchen vermutete. Bei Ruhestörungen war der Anteil alkoholisierter Urheber mit 76 Prozent am höchsten. Auch bei Streitigkeiten (74), Körperverletzungen (73) und Tätlichkeiten (70) stellte die Polizei meistens Alkoholeinfluss fest. Bei Sachbeschädigungen und Vandalismus wurde dagegen nur in einem Drittel der Fälle Alkoholkonsum festgestellt. Dies dürfte damit zu tun haben, dass bei ­diesen Delikten die Täter oft nicht gefunden werden.

Ein Drittel sind Frauen

Die typischen Täter sind 19 bis 24 Jahre alte Männer, aber auch die 25- bis 34-Jährigen sind häufig in Gewaltdelikte verwickelt. Immerhin an einem Drittel der Gewaltakte waren Frauen beteiligt. Die Studie stellte fest, dass es in den Städten an den Wochenenden in den Ausgehmeilen sowie auf Strassen und Plätzen zu Gewalt kommt. Zu einem Viertel sind aber auch Agglomerations- und Landgemeinden betroffen.

Eine weitere Umfrage ergab, dass 46 Prozent der Bevölkerung in den letzten 12 Monaten durch alkoholisierte Fremde belästigt oder verängstigt wurden. Der Stadtberner Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) führt die Gewalttaten unter Alkoholeinfluss auf die leichte Verfügbarkeit von billigem Alkohol zurück. Deshalb brauche es neben Polizeipräsenz in den Ausgehzonen und einem Nachtverkaufsverbot für den Detailhandel erschwingliche Alkoholpreise in Bars und Clubs. Denn hohe Preise in Lokalen verleiteten zum öffentlichen Trinken.

Der Bundesrat hat auf die nächtlichen Alkoholexzesse reagiert. So schlug er bei der Revision des Alkoholgesetzes ein Verkaufsverbot für Alkohol im Detailhandel ab 22 Uhr vor. Der Ständerat ergänzte dies mit der Forderung nach Mindestpreisen, um dem Verkauf von hochprozentigem Billigalkohol den Riegel zu schieben. Doch auf eidgenössischer Ebene haben solche Massnahmen wohl keine Chance. Der Nationalrat lehnte im September sowohl das nächtliche Verkaufsverbot als auch Mindestpreise ab.

Nationalrat gegen Verbote

Die grosse Kammer verwarf alle Verschärfungen so deutlich, dass der Ständerat, der als Nächstes wieder an der Reihe ist, wohl einlenken wird. Bei den Lockvogelangeboten mit Alkohol verdrehte der Nationalrat das ständerätliche Totalverbot nächtlicher Happy Hours sogar ins Gegenteil. Er strich das bestehende Happy-Hour-Verbot für Spirituosen aus dem Gesetz, sodass es für Aktionen wie Flatrate-Saufen keine Einschränkungen mehr gibt.

Auf kantonaler Ebene existiert dagegen ein Nachtverkaufsverbot in Genf, wo der Detailhandel seit 2005 ab 21 Uhr keinen Alkohol mehr anbieten darf. Zudem haben die SBB in den Bahnhöfen die Geschäfte dazu verpflichtet, ab 22 Uhr keinen Alkohol mehr zu verkaufen. Die Waadtländer Regierung plant auf Druck der Stadt Lausanne gar, den Ladenverkauf von Bier und Spirituosen zwischen 20 und 6 Uhr zu verbieten. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.05.2014, 23:51 Uhr)

Interview

«Das ist eine bestellte und tendenziöse Studie»

Hans-Ulrich Bigler

Der Ökonom ist seit 2008 Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes (SGV). Der FDP-Politiker hat an der Uni Bern studiert, ist verheiratet und Vater dreier Kinder.

Ihr Verband lobbyierte im ­Nationalrat gegen ­Beschränkungen des Alkoholverkaufs. Müssten Sie aufgrund der BAG-Studie nicht über die Bücher gehen?
Die Studie ist nicht repräsentativ. Sie beruht auf einer Umfrage unter Polizeiangestellten in vier Kantonen. Daraus allgemeingültige Schlüsse zu ziehen, ist fragwürdig, passt aber zum Stil des BAG. Dieses bestellt eine tendenziöse Studie, um die eigene Meinung zu bestätigen.

Polizisten sind doch unverdächtige Zeugen. Sie stellen fest, dass bei der Hälfte aller Gewaltakte im ­öffentlichen Raum Alkohol mitspielt.
Ja, aber die Umfrage beschränkt sich auf vier Kantone. Und es ist doch kein Zufall, dass diese Pseudostudie des BAG ­gerade jetzt kommt, da das Parlament über Verschärfungen im Alkoholgesetz berät.

Der Zusammenhang zwischen ­Alkohol und Gewalt lässt sich doch nicht bestreiten, und dass viele sich dadurch bedroht fühlen, auch nicht.
Das individuelle Empfinden kann ich nachvollziehen. Aber wenn in der Studie auch verbale Attacken als Gewalt taxiert werden, lassen sich doch damit nicht Einschränkungen rechtfertigen, welche die ganze Gesellschaft betreffen.

Wer gegen randalierende und ­prügelnde Konsumenten vorgehen will, sollte bereit sein, kleine ­Einschränkungen hinzunehmen.
Nein, wenn sich eine Mehrheit an einer Minderheit stört, muss gegen die Minderheit vorgegangen werden. Interessanterweise sagen die Polizisten selbst, dass sie wenig von den BAG-Informationskampagnen gegen Alkoholmissbrauch halten. Ich kann hingegen gut damit leben, wenn die Polizei ihre Präventionsmassnahmen verstärkt.

Die Polizei soll mehr Repression gegen alkoholisierte Jugendliche und junge Erwachsene einsetzen?
Ja, es braucht mehr Polizeipräsenz, um Ansammlungen aufzulösen, wenn die ­Situation eskaliert. Zudem haben wir schon lange gefordert, dass Komasäufer die Kosten für die Ausnüchterungszelle übernehmen sollen.

Das wurde in Zürich bereits ­beschlossen. Aber ist letztlich nicht die leichte Erhältlichkeit billigen Alkohols der Hauptgrund für die öffentlichen Besäufnisse?
Verkaufsverbote sind leicht umgehbar. Bezeichnend ist die Forderung des Stadtberner Polizeidirektors, der Alkoholverkauf in Beizen sei nicht einzuschränken. Das zeigt, wie widersprüchlich die Massnahmen sind. In Lausanne wird der Verkauf von Bier und Spirituosen eingeschränkt, und Wein ist weiter erhältlich.
Mit Hans-Ulrich Bigler sprach Markus Brotschi

(Tages-Anzeiger)

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