Als Minderjährige im Chat: Belästigungen im Minutentakt
Von Reto Hunziker. Aktualisiert am 06.05.2009 45 Kommentare
Artikel zum Thema
«Lust uf en geile 21cm Lolly?», «bisch spitz?» oder «machsch au Dessous-Shows?», heisst es schon in den ersten Sätzen. Nachdem gestern ein neuer Fall bekannt wurde, in dem ein 45-jähriger Hobbyfotograf minderjährige Mädchen in Chat-Rooms ansprach und später zu sexuellen Handlungen traf, machte Tagesanzeiger.ch/Newsnet den Selbstversuch. Inkognito loggten wir uns unter dem Pseudonym «Tiana14» im Bluewin-Chat ein. In weniger als fünf Minuten wurden wir von über 20 männlichen Teilnehmern angeschrieben. Die meisten sind schon unmittelbar nach der Begrüssung unseriös – und sehr direkt. Ein angeblicher Teenager bietet nach wenigen Sekunden an, sich nackt per Webcam zu zeigen. 17 sei er, behauptet er, «nid dass öpis anders denksch». Es folgen äusserst derbe Anzüglichkeiten: «ha scho e Stife», «würd jetz huere gern mit dir figge».
Vulgär und direkt
Naive oder kindliche Aussagen («was heisst ‹spitz›?», «so grusig») schrecken die Chat-Stalker nicht ab. Im Gegenteil: sie lassen nicht locker und bombardieren junge Chatterinnen weiter mit vulgären Anmachen («würsch gern mal afasse und is Muul näh?») oder intimen Fragen («riibsch oft dini Muschi?»).
Bei der Bluewin-Betreiberin Swisscom ist man sich der Problematik bewusst. Doch ihr sind die Hände gebunden: «Wir können nur bedingt Einfluss nehmen», sagt Sprecherin Myriam Ziesack. Zwar überwachen rund 300 Operatoren die öffentlichen Chats und können einzelne User sperren. «Doch private Chats dürfen wir nicht mitlesen.» Trotz Tipps und Anleitungen liegt somit der Grossteil der Verantwortung beim Chatter selbst. «Für uns ist es eine Gratwanderung – zwischen Anbieter und Aufpasser», so Ziesack.
«Es geht schnell sehr viel weiter»
Die Zustände in Schweizer Chats beschäftigen auch die Politik: «Jeder, der das selbst einmal erlebt hat, ist schockiert», sagt CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer. Sie setzt sich für den Kinderschutz im Internet ein und hat Bluewin-Chats mehrmals selbst inkognito getestet. Zuerst komme es zwar «nur» zu verbalen Belästigungen, sagt Schmid-Federer, aber: «Es geht schnell sehr viel weiter», etwa zu Aufdringlichkeiten über Bilder und Webcams.
Die Politikerin befürchtet jedoch, dass sich solche Fälle nicht verhindern lassen. «Lokale Verbote bringen nichts. Ich setze voll auf Prävention und präventive Repression.» So brauche es eine flächendeckende Aufklärungskampagne sowie verdeckte Ermittler in Chaträumen, die Pädophile aus dem Verkehr ziehen, bevor es zu spät ist. Ferner müsse die Medienkompetenz von Eltern und Kindern gefördert werden.
«Eine Gefahr»
Auch die Behörden halten ein wachsames Auge auf die Problematik: Für Martin Boess von der Schweizer Kriminalprävention sind solche Anmachen im Web «eine Gefahr». Vor allem die Justiz müsse hier vorwärts machen und etwa entscheiden, ob sexuelle Dialoge strafbar sind.
«Wir erhalten diesbezüglich regelmässig Meldungen von besorgten Chattern», sagt auch Ronja Tschümperlin von der Schweizerischen Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (Kobik). Nicht nur das sogenannte «Grooming», bei dem sich der Chat-Teilnehmer das Vertrauen eines Minderjährigen erschleicht, sei gefährlich, sondern auch die verbale Belästigung. «So etwas kann ein Kind traumatisieren und ist je nach Wortwahl auch strafbar», sagt Tschümperlin.
Doch die Bemühungen der Anbieter, solche Belästigungen zu unterbinden, würden einer Sisyphus-Arbeit gleichen. Zwar sei man heutzutage schon sensibilisierter für das Thema, trotzdem gebe es noch viel zu tun.
Es herrscht Unsicherheit und Unwissenheit
An Schulen kommt das Thema zwar immer wieder zur Sprache, doch sowohl Eltern, als auch Lehrer sind sich meist nicht bewusst, mit was für Leuten es Minderjährige in Chats zu tun bekommen. «Das ist der Schocker an Elternabenden», erzählt Patrice Emch. Der Schulsozialarbeiter bietet mit der Gruppe «Jugend Online» Kurse zum Thema Kinder und Internet an. Bei Schule und Eltern herrscht diesbezüglich grosse Unsicherheit und teilweise auch Unwissenheit, stellt er fest. Doch auch wenn er das Vorgehen in den Chats für bedenklich hält, weiss er: «Man kann die Kinder nicht gänzlich davor schützen.» Er versucht jedoch, ihnen einen kritischen Blick mitzugeben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.05.2009, 13:32 Uhr
Kommentar schreiben
45 Kommentare
Die Frage müsste sein, was Minderjährige überhaupt in einem öffentlichen Chat verloren haben. Das Internet ist nichts für Kinder. Daran ändert die Tatsache nichts, dass es Chat-Rooms speziell für Minderjährige gibt. Im Gegenteil. Das ist geradezu eine Einladung für perverse Figuren, sich dort einzuloggen. Es sind die Eltern, welche hier ihre Verantwortung übernehmen müssen und nicht die Politk. Antworten
Bluewin - und andere - könnten das Problem leicht entschärfen, wenn ein Loggin nur mit einem registrierten Pseudonym möglich wäre. Die Registrierung müsste so gehen, dass die Freigabe über eine Handynummer erfolgt oder die Existenz einer Postadresse überprüft werden könnte. Mit anderen Worten: der Anonymität wäre ein Riegel geschoben. Antworten
Schweiz
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!




