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AHV: «Anreize schaffen, damit alle die Lebensarbeitszeit verlängern»

«Fassadenrenovationen» helfen der AHV nicht weiter. Nötig sei ein Umbau, fordert der Experte Ernst A. Brugger. Er plädiert für eine Einheitsrente, um die Grundbedürfnisse abzudecken.

«Wir müssen die 1. Säule aufwerten, denn die AHV muss existenzsichernd sein.»

«Wir müssen die 1. Säule aufwerten, denn die AHV muss existenzsichernd sein.»
Bild: Keystone

Zur Person

Ernst A. Brugger, 60, führt in Zürich ein renommiertes Beratungsbüro für nachhaltige Strategien. Er ist zudem Geschäftsführer des Sustainability Forums Zürich, das vor drei Jahren mit dem Ökonomen René L. Frey das Buch «Nachhaltige Altersvorsorge Schweiz – Navos» herausgab.

Mit Ernst A. Brugger* sprach Beat Bühlmann

Sind Sie zufrieden mit dem Ausgang der AHV-Abstimmung?
Ja. Das deutliche Nein belegt die Reife des Volkes, das nüchtern entschied und sich nicht verführen liess.

Die Frührente bleibt ein Privileg für den Manager, während der Strassenarbeiter bis 65 arbeiten muss. Ist das gerecht?
Das ist nicht gerecht. Es braucht Sonderregelungen für jene Berufsgruppen, die aufgrund der harten Arbeitsbedingungen nicht bis 65 arbeiten können. Wir müssen mit diesen Leuten fair umgehen.

Wie wollen Sie das regeln?
Zum einen könnte das Parlament die Vorruhestandsregelung, wie sie Bundesrat Couchepin vorgeschlagen hat, noch einmal prüfen. Zum anderen wäre zu überlegen, ob die Ergänzungsleistungen (EL) neu aufgeteilt und zum Teil ausdrücklich für die Frührente aufgewendet werden könnten.

Wie stellen Sie sich das vor?
Die zwei Drittel der EL, die heute für die Pflege aufgewendet werden, müssten von der AHV entkoppelt und den Kantonen übertragen werden, wie das der Neue Finanzausgleich vorsieht. Das restliche Drittel, das wären etwa sechs Prozent aller AHV-Leistungen, könnte für die soziale Abfederung eingesetzt werden. Denn Ergänzungsleistungen bringen den Rentnern mehr als die 100 oder 200 Franken einer ungekürzten AHV-Rente.

Ist das der Kernpunkt der 11. AHV-Revision?
Nur bedingt. Wichtiger wäre, die Flexibilisierung des Rentenalters auch nach oben stärker zu thematisieren. Wenn die AHV im Gleichgewicht bleiben soll, müssen wir länger arbeiten.

Sie wollen das AHV-Alter erhöhen?
Wir müssten Anreize schaffen, damit alle die Lebensarbeitszeit um zwei bis drei Jahre verlängern. Das AHV-Alter 65 wurde von Otto von Bismark im 19. Jahrhundert eingeführt. Inzwischen leben wir deutlich länger und auch gesünder.

Kommt die Rezession, werden die älteren Arbeitnehmer wie gewohnt mit Frühpensionierungen entsorgt.
Das ist für die nächsten zwei, drei Jahre nicht auszuschliessen. Je mehr die Jungen auf dem Arbeitsmarkt fehlen, desto stärker wird jedoch der Respekt gegenüber den älteren Arbeitnehmern wachsen. Die Unternehmen werden sich dann notgedrungen neue Arbeitsmodelle überlegen. Und das wird die AHV stabilisieren helfen.

Die demografische Alterung sei aufgrund der Produktivitätsgewinne keine Gefahr für die langfristige AHV-Finanzierung, sagt die ETH-Konjunkturforschungsstelle. Teilen Sie diese Meinung?
Nein. Das würde Produktivitätsgewinne bedingen, die grösser wären als jene während der letzten 20 Jahre. Das ist kaum machbar. Wenn wir nicht in die demografische Falle tappen wollen, müssen wir nicht nur die AHV, sondern die ganze Altersvorsorge mit dem Dreisäulen-System gezielt umbauen. Fassadenrenovationen, wie sie jetzt wieder mit der 11. AHV-Revision anstehen, bringen uns auf Dauer nicht weiter.

Was schlagen Sie vor?
Wir müssen die 1. Säule aufwerten, denn die AHV-Rente muss existenzsichernd sein. Das verlangt die Bundesverfassung. Mit unserem Projekt «Navos» haben wir eine Einheitsrente von 24'000 bis 30 000 Franken im Jahr vorgeschlagen. Für den Einzelnen ergäbe das eine Monatsrente von 2000 bis 2500 Franken, für Ehepaare 2800 bis 3800 Franken.

Kann man damit leben?
Grosse Sprünge wären nicht möglich, aber die Grundbedürfnisse würden abgedeckt. Gleichzeitig könnte die 2. Säule, also die Pensionskassen, vereinfacht und aufs Obligatorium konzentriert werden.

Was würde die Einheitsrente kosten?
Die Studiengruppe schlug vor, die Mehrwertsteuer um etwa ein Prozent zu erhöhen. Das schien uns der fairste Ansatz zu sein.

Und was würden wir damit gewinnen?
Die jüngere Generation hätte die Gewissheit, dass die Altersvorsorge nachhaltig ist. Denn der Generationenvertrag wäre auch unter anderen demografischen Randbedingungen nicht in Frage gestellt.

Veränderungen bei der AHV kommen beim Volk praktisch nie durch. Wie wollen Sie einen solchen Umbau umsetzen?
Die demografische Welle wird uns in fünf, sechs Jahren verstärkt erfassen, wenn die Babyboomer in Pension gehen. Dann können wir uns nicht mehr halb blind stellen. Die Bereitschaft für Reformen wird dann sprunghaft wachsen. Dumm ist nur, dass wir mit dem Umbau bereits heute anfangen müssten. Vielleicht wird die Finanzkrise für neue Dynamik sorgen.

Wieso?
Sie wird die Pensionskassen teilweise erschüttern und so den Druck auf die Politik verstärken. Auch die AHV dürfte nicht ohne Blessuren davonkommen. Dann werden alle erschrecken – und das wird vielleicht die nötigen Impulse vermitteln für die neue Weichenstellung bei der Altersvorsorge. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2008, 21:55 Uhr

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15 Kommentare

Heinz Butz

03.12.2008, 18:02 Uhr
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@Peter Brun, sorry ich meinte die ALV (Arbeitslosenversicherung), die 2% des Lohns bis CHF 106'000.-- beträgt. Was darüber verdient wird ist nicht ALV-pflichtig. Uebrigens haben wir vor noch nicht allzulanger Zeit 1% mehr ALV bezahlt, was bei einer leichten Verbesserung der Arbeitslosenzahlen rückgängig gemacht wurde. Diese gesamthaft 3% wären eine gute Grundlage für eine verbesserte AHV meine ich Antworten


Daniel Jurt

02.12.2008, 21:40 Uhr
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Wir werden älter - die Generationen halten sich kaum die Waage. Die demographische Pyramide steht (immer mehr) auf dem Kopf! Die arbeitende Bevölkerung nimmt zahlenmässig ab, während der Anteil Rentner zunimmt, hochgerechnet wird schon bald jeder 6. Rentner über 100jährig! Für die jüngere Generation wirds teuer! Wir müssen zwingend länger arbeiten, die Schwerstarbeiter kürzer, die Anderen länger!! Antworten


Daniel Sieber

02.12.2008, 15:16 Uhr
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Anstatt an der Realität vorbei zu politisieren, brauchen wir einiges mehr an Zusatzeinnahmen für die Sozialwerke generell. Es ist nicht bereichend mit 45 oder 50 Jahren keine existenzsichernde Arbeit mehr zu finden, viele werden krank durch solche Entwürdigung. Ihr macht die Arbeitnehmer zu Working-Poors und Rentner zu Living-Poors. Ernst A. Brugger, -ernten Sie mal aus dem Grosskapital. Antworten


Ernst Hürlimann

02.12.2008, 13:57 Uhr
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Die im Artikel vorgeschlagenen Neuerungen von Herrn Brugger, müssten in den parlamentarischen Kommissionen dringend behandelt werden. Es sind sehr gute Ansätze, damit die 1. Säule ausgebaut und eine Existenzsicherung erreicht werden kann. Auch das Mehrwertsteuerprozent wäre durchaus möglich! Die demografische Alterung wird uns auch bei der Krankenkasse inskünftig enorm belasten. Antworten


Walter Koller

02.12.2008, 12:04 Uhr
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"Lebensarbeitszeit verlängern" spühlt der AHV nicht wesentlich mehr Geld in die Kasse, zumal 90% bereits ab 50 Schwierigkeiten haben, eine Stelle zu finden. Besser wäre es, sämtliche Renten und Einkünfte auch ab 65 bis ans Lebensende der AHV-Beitragspflicht zu unterstellen. Das ist heute bereits bei den IV-Renten so. Was IV-Rentner leisten können, können problemlos auch AHV-/BVG-Rentner leisten. Antworten


Toni Müller

02.12.2008, 11:50 Uhr
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Der Experte hat offensichtlich keine Ahnung. Die AHV muss existenzsichernd sein, sagt er, und propagiert Sozialabbau. Zusammen mit der EL bekommen Rentner heute rund 35'000.--/Jahr. Bei seinem Modell wären es noch 24'000.-- bis 30'000.--. Damit kann in der Schweiz kein Mensch die rein materielle Existenz finanzieren, geschweige denn ein sozial integriertes Leben. Antworten


Peter Brun

02.12.2008, 11:40 Uhr
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zu @Heinz Butz: woher glaubt H. Butz die Information zu nehmen, dass nur Einkommen bis Fr. 100'000.- AHV-pflichtig sind?! Sämtliche Bezüge sind AHV-pflichtig, also Lohn, Boni (wenn's denn solche gibt), auch in Akiten- oder Optionsform etc.; und zwar vollumfänglich durch den Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer zu berappen. Die AHV profitiert immens von den Einzahlungen der Besserverdienenden!!! Antworten


Paul Thürig

02.12.2008, 10:19 Uhr
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Das gesamte Lohneinkommen müsste AHV-pflichtig abgerechnet werden.Firmen,welche Mitarbeitende kurz vor der Pensionierung o h n e Sozialplan entlassen,müssten weiterhin die Sozialleistungen(AHV,BVG) bis zur offiziellen Pensionierung abrechnen .Die reiche Schweiz hat nämlich den schlechtesten Arbeitnehmerschutz in Europa! Handlungsbedarf wäre schon längst angebracht! Antworten


John Falstaff

02.12.2008, 09:37 Uhr
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Wieso das Rentenalter nicht von den Beitragsjahren abhängig machen? Wer 40/45 Jahre arbeitet und einzahlt, soll in Rente gehen. Damit gehen die Blue-Collar-Worker mit 60/62 in Rente, die akademischen White-Collar-Worker mit gesundem Rücken können bis 72 arbeiten. Dies wäre gerecht. Antworten


Heinz Butz

02.12.2008, 09:28 Uhr
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Hier mein Vorschlag zur Sanierung der AHV: Alle Lohnempfänger - das sind auch die Selbständigerwerbenden und die Manager - bezahlen für ihren gesamten Lohn die AHV-Prozente. Bisher sind nur die Einkommen bis CHF 100'000.-- AHV-pflichtig! Mit diesen Mehreinnahmen, die den Besserverdienenden nicht weh tun lässt sich eine vorzügliche Altersversorgung für alle einrichten! Antworten


Albert Laux

02.12.2008, 08:43 Uhr
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Wo sind die Arbeitsstellen für Menschen 50+? Was geschieht mit Menschen, welche nicht auf dem Bau gerabeitet haben aber mit 60 trotzdem ausgebrannt sind? Antworten


Max Peters

02.12.2008, 01:17 Uhr
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Die 2000.-- sollen ja nur die absolut wichtigsten Bedürfnisse decken. Unsere Rente basiert auf 3 Säulen, deshalb ist es nicht richtig, nur auf die 1. Säule zu schauen. Die zweite und auch die dritte Säule darf man nicht vergessen. Manchen würde es wohl gut tun, ein bisschen zu sparen - es muss ja nicht viel sein. Aber man sollte schon jung (d.h. wenn man 20-25 J alt ist) damit anfangen. Antworten


Martin Pfeffinger

02.12.2008, 00:26 Uhr
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Kann mir der Experte Ernst A. Brugger sagen, wie ich 56, Arbeitslos seit einem Jahr, ohne Chance auf einen Job, in der Schweiz bis 65 überleben soll. Danke für eine Antwort. Antworten


Roland Bertrand

01.12.2008, 23:17 Uhr
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Wer kann in der Schweiz mit Fr. 2000.- im Monat leben, ohne Ergänzungsleistungen zu beanspruchen? Ein Witz! Diese Zahl ist eine bare neoliberale Lüge auf dem Buckel von Menschen, die ein Leben lang für den sog. «Generationenvertrag» arbeiten. Und mit diesen Massnahmen gewinnt auch die «jüngere» Generation überhaupt nichts, mit «Pseudo-Radikalität» wird hier höchstens neoliberaler Kunstschnee geschneit! Antworten


Ruedi Minger

01.12.2008, 22:57 Uhr
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Mit 2000Fr AHV-Rente lässt es sich aber königlich Leben in der kostengünstigen Schweiz. Antworten



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