AHV: «Anreize schaffen, damit alle die Lebensarbeitszeit verlängern»
Von Beat Bühlmann. Aktualisiert am 01.12.2008 15 Kommentare
Zur Person
Ernst A. Brugger, 60, führt in Zürich ein renommiertes Beratungsbüro für nachhaltige Strategien. Er ist zudem Geschäftsführer des Sustainability Forums Zürich, das vor drei Jahren mit dem Ökonomen René L. Frey das Buch «Nachhaltige Altersvorsorge Schweiz – Navos» herausgab.
Mit Ernst A. Brugger* sprach Beat Bühlmann
Sind Sie zufrieden mit dem Ausgang der AHV-Abstimmung?
Ja. Das deutliche Nein belegt die Reife des Volkes, das nüchtern entschied und sich nicht verführen liess.
Die Frührente bleibt ein Privileg für den Manager, während der Strassenarbeiter bis 65 arbeiten muss. Ist das gerecht?
Das ist nicht gerecht. Es braucht Sonderregelungen für jene Berufsgruppen, die aufgrund der harten Arbeitsbedingungen nicht bis 65 arbeiten können. Wir müssen mit diesen Leuten fair umgehen.
Wie wollen Sie das regeln?
Zum einen könnte das Parlament die Vorruhestandsregelung, wie sie Bundesrat Couchepin vorgeschlagen hat, noch einmal prüfen. Zum anderen wäre zu überlegen, ob die Ergänzungsleistungen (EL) neu aufgeteilt und zum Teil ausdrücklich für die Frührente aufgewendet werden könnten.
Wie stellen Sie sich das vor?
Die zwei Drittel der EL, die heute für die Pflege aufgewendet werden, müssten von der AHV entkoppelt und den Kantonen übertragen werden, wie das der Neue Finanzausgleich vorsieht. Das restliche Drittel, das wären etwa sechs Prozent aller AHV-Leistungen, könnte für die soziale Abfederung eingesetzt werden. Denn Ergänzungsleistungen bringen den Rentnern mehr als die 100 oder 200 Franken einer ungekürzten AHV-Rente.
Ist das der Kernpunkt der 11. AHV-Revision?
Nur bedingt. Wichtiger wäre, die Flexibilisierung des Rentenalters auch nach oben stärker zu thematisieren. Wenn die AHV im Gleichgewicht bleiben soll, müssen wir länger arbeiten.
Sie wollen das AHV-Alter erhöhen?
Wir müssten Anreize schaffen, damit alle die Lebensarbeitszeit um zwei bis drei Jahre verlängern. Das AHV-Alter 65 wurde von Otto von Bismark im 19. Jahrhundert eingeführt. Inzwischen leben wir deutlich länger und auch gesünder.
Kommt die Rezession, werden die älteren Arbeitnehmer wie gewohnt mit Frühpensionierungen entsorgt.
Das ist für die nächsten zwei, drei Jahre nicht auszuschliessen. Je mehr die Jungen auf dem Arbeitsmarkt fehlen, desto stärker wird jedoch der Respekt gegenüber den älteren Arbeitnehmern wachsen. Die Unternehmen werden sich dann notgedrungen neue Arbeitsmodelle überlegen. Und das wird die AHV stabilisieren helfen.
Die demografische Alterung sei aufgrund der Produktivitätsgewinne keine Gefahr für die langfristige AHV-Finanzierung, sagt die ETH-Konjunkturforschungsstelle. Teilen Sie diese Meinung?
Nein. Das würde Produktivitätsgewinne bedingen, die grösser wären als jene während der letzten 20 Jahre. Das ist kaum machbar. Wenn wir nicht in die demografische Falle tappen wollen, müssen wir nicht nur die AHV, sondern die ganze Altersvorsorge mit dem Dreisäulen-System gezielt umbauen. Fassadenrenovationen, wie sie jetzt wieder mit der 11. AHV-Revision anstehen, bringen uns auf Dauer nicht weiter.
Was schlagen Sie vor?
Wir müssen die 1. Säule aufwerten, denn die AHV-Rente muss existenzsichernd sein. Das verlangt die Bundesverfassung. Mit unserem Projekt «Navos» haben wir eine Einheitsrente von 24'000 bis 30 000 Franken im Jahr vorgeschlagen. Für den Einzelnen ergäbe das eine Monatsrente von 2000 bis 2500 Franken, für Ehepaare 2800 bis 3800 Franken.
Kann man damit leben?
Grosse Sprünge wären nicht möglich, aber die Grundbedürfnisse würden abgedeckt. Gleichzeitig könnte die 2. Säule, also die Pensionskassen, vereinfacht und aufs Obligatorium konzentriert werden.
Was würde die Einheitsrente kosten?
Die Studiengruppe schlug vor, die Mehrwertsteuer um etwa ein Prozent zu erhöhen. Das schien uns der fairste Ansatz zu sein.
Und was würden wir damit gewinnen?
Die jüngere Generation hätte die Gewissheit, dass die Altersvorsorge nachhaltig ist. Denn der Generationenvertrag wäre auch unter anderen demografischen Randbedingungen nicht in Frage gestellt.
Veränderungen bei der AHV kommen beim Volk praktisch nie durch. Wie wollen Sie einen solchen Umbau umsetzen?
Die demografische Welle wird uns in fünf, sechs Jahren verstärkt erfassen, wenn die Babyboomer in Pension gehen. Dann können wir uns nicht mehr halb blind stellen. Die Bereitschaft für Reformen wird dann sprunghaft wachsen. Dumm ist nur, dass wir mit dem Umbau bereits heute anfangen müssten. Vielleicht wird die Finanzkrise für neue Dynamik sorgen.
Wieso?
Sie wird die Pensionskassen teilweise erschüttern und so den Druck auf die Politik verstärken. Auch die AHV dürfte nicht ohne Blessuren davonkommen. Dann werden alle erschrecken – und das wird vielleicht die nötigen Impulse vermitteln für die neue Weichenstellung bei der Altersvorsorge.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.12.2008, 21:55 Uhr
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15 Kommentare
Wer kann in der Schweiz mit Fr. 2000.- im Monat leben, ohne Ergänzungsleistungen zu beanspruchen? Ein Witz! Diese Zahl ist eine bare neoliberale Lüge auf dem Buckel von Menschen, die ein Leben lang für den sog. «Generationenvertrag» arbeiten. Und mit diesen Massnahmen gewinnt auch die «jüngere» Generation überhaupt nichts, mit «Pseudo-Radikalität» wird hier höchstens neoliberaler Kunstschnee geschneit! Antworten
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