Anti-Gott-Kampagne auf Bussen – jetzt auch in der Schweiz
Von Antonio Cortesi, Bern. Aktualisiert am 06.03.2009
Die Schweizer Freidenker-Vereinigung existiert seit über hundert Jahren, hat 1300 Mitglieder – und kaum jemand kennt sie. Derzeit ist im Freidenkerhaus in einem Berner Aussenquartier aber der Teufel los. Das Medieninteresse sei gross, freut sich Geschäftsführerin Reta Caspar. Dies wegen einer Kampagne, die noch gar nicht gestartet ist.
«Wahrscheinlich gibt es keinen Gott»
Im Zentrum steht ein Werbespruch, der künftig an je einem öffentlichen Bus in zehn Städten der Schweiz prangen soll. Er lautet wie folgt: «Wahrscheinlich gibt es keinen Gott. Kein Grund zur Sorge, geniess das Leben!» Übernommen ist der Anti-Gott-Spruch von Freigeistern in England, wo er schon 800 Busse ziert. Bereits nachgezogen haben Kanada und Australien, und selbst in den erzkatholischen Ländern Spanien und Italien sind ähnliche Kampagnen am Laufen. Mit den zu erwartenden Reaktionen: Christen fühlen sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt und protestieren gegen den Tabubruch.
Das sei ein scheinheiliger Protest, sagt Reta Caspar, denn die Aktion sei bloss die Antwort auf eine viel heftigere Kampagne fundamentalistischer Christen. In der Schweiz stossen den Freidenkern insbesondere die überall präsenten Plakate der Agentur C sauer auf – mit Bibelzitaten wie «Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist» oder «Jesus ist das Licht des Lebens». Solche missionarische Botschaften empfinden die Freidenker als Zumutung – in einem säkularisierten Land, in dem mindestens jeder Zehnte konfessionslos sei. Schlimmer noch: «Sie verstossen gegen die Glaubens- und Gewissensfreiheit, die auch nicht religiöse Menschen schützt», sagt Caspar, studierte Geografin und Juristin.
Mit dem Mittel der Paradoxie
Doch: Ist das öffentliche Werben mit Bibelsprüchen nicht gerade ein Beleg für dieses Freiheitsrecht? Und geraten die Freidenker nicht in einen Widerspruch, wenn sie ihrerseits mit Anti-Gott-Plakaten missionieren? Caspar ist vom Gegenteil überzeugt: Um «dieser religiösen Aufrüstung» Paroli zu bieten, sei eine «paradoxe Kampagne», die man aber nicht bierernst nehmen dürfe, das wirksamste Mittel. Das Ziel sei letztlich ein Verbot von religiöser Werbung. Diese Forderung widerspreche keineswegs der Grundmaxime der Freidenker: «Freiheitsrechte können nie absolut gesetzt werden. Manchmal muss man sie einschränken – um der Freiheit willen.»
Die SVP-Initiative für ein Minarettverbot lehnen die Freidenker hingegen ab. Caspar stellt aber generell einen steigenden Einfluss von Kirchen und anderen religiösen Gruppierungen auf die Politik fest. Und zwar seit den Terroranschlägen von al-Qaida 2001 in den USA. Nach Nine-Eleven sei in der Schweiz beispielsweise der Rat der Religionen gegründet worden – für Caspar weniger eine Plattform für den interreligiösen Dialog als «vielmehr ein Zweckbündnis gegen Nichtreligiöse». Inakzeptabel fand sie auch, dass Bundespräsident Merz in seiner Neujahrsansprache die Überwindung der Wirtschaftskrise «unter den Schutz unseres Glaubens» stellte.
Die Bibel ist voller Drohbotschaften
Caspar hat Merz einen Brief geschrieben, aber noch keine Antwort erhalten. Offen ist auch, wie die Behörden der zehn Städte reagieren, deren Verkehrsbetriebe den Anti-Gott-Schriftzug auf ihren Bussen anbringen sollen. Die Chancen stehen allerdings eher schlecht, dass die Freidenker dazu je eine Bewilligung erhalten. In Luzern gab es bereits eine anonyme Drohung: Man werde die Busse abfackeln, falls solche Plakate aufgehängt würden. Caspar schreibt die Drohung unbeeindruckt «christlichen Taliban» zu.
Dass im Christentum die Drohbotschaft höher gewichtet werde als die Frohbotschaft, habe sie schon als Teenager festgestellt. Sie machte bei einer evangelikalen Jugendgruppe mit und hat damals «die ganze Bibel durchgelesen». Ihr für sie noch heute gültiges Fazit: «Der Teufel ist wichtiger als der liebe Gott.» Als Christin sei man ständig Versuchungen ausgesetzt, denen man mit «Unterwerfungsgesten» vorbeugen müsse. «Das ist unerträglich», sagt Caspar.
Notfalls halt auf Strassenplakaten
Heute bezeichnet sich die 52-Jährige nicht als Atheistin, sondern als «apathische Agnostikerin». Ihr Leitsatz: «Ich weiss nicht, ob es einen Gott gibt, und es ist irrelevant.» Ihre Gelassenheit ging sogar so weit, dass sie ihre beiden Söhne auf Wunsch des reformierten Vaters taufen und den Religionsunterricht besuchen liess. Nun sind sie erwachsen und aus der Kirche ausgetreten.
Nicht egal sind ihr aber die politischen Ziele der Freidenker: die Trennung von Staat und Kirche und demzufolge auch von Schule und Religion. Und: Falls die Aktion mit den Bussen nicht zustande komme, werde man die «Kampagne für religiöse Abrüstung» halt über Strassenplakate betreiben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.03.2009, 22:32 Uhr
Schweiz
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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