Appenzell schlägt Basel
Von Helmut Hubacher. Aktualisiert am 11.08.2010 12 Kommentare
Bundesräte aus den Kantonen seit 1848
Bundesräte aus den Kantonen seit 1848
Quelle: BFS
Helmut Hubacher (84) war von 1963 bis 1997 Basler SP-Nationalrat und von 1975 bis 1990 Präsident der SP Schweiz. Er lebt in Basel und im Jura.
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Der Kanton Basel-Landschaft wartet seit 113 Jahren auf einen eigenen Bundesrat, Basel-Stadt auch schon 37 Jahre. Die beiden Appenzell hingegen schickten allein in den letzten 23 Jahren drei Bundesräte nach Bern: Arnold Koller, Ruth Metzler, Hans-Rudolf Merz. Die Frage sei gestellt, weshalb Basel immer wieder übergangen wurde. Dafür gibt es keine hieb- und stichfesten Anhaltspunkte. Wohl aber verlässliche Vermutungen.
Der Zusammenhalt der Welschen
Wenn es um Interessen der Romandie geht, halten die welschen Kantone zusammen. Das gilt ebenso für die Ost- und die Zentralschweiz. Der starke Kanton Zürich hat diverse Optionen. Bleibt die Nordwestschweiz. Sie ist kein homogenes Gebiet. In Sachen Bundesrat kann sich Solothurn nicht beklagen. Seit 1973 stellte der Kanton mit Willi Ritschard und Otto Stich zwei Bundesräte. Der Aargau hat gegenwärtig Bundespräsidentin Doris Leuthard auf seinem Konto. Mit leeren Händen stehen die beiden Basel da. Die Kantonstrennung von 1833 hat bis heute Schatten hinterlassen. Im Bundeshaus zum Beispiel haben sie selten bis nie einen geeinten Auftritt. Basel ist und hat keine politische Hausmacht.
Basel-Stadt als einziger Stadtkanton ist in der Eidgenossenschaft eher ein Aussenseiter. Er hat nur zwei Gemeinden. Dafür drei Bahnhöfe: SBB, Elsässer, Badischer. Der Flughafen liegt im Ausland. Basel hat kein Hinterland. Mit einer Ausnahme gehören alle Vorortgemeinden zu Basel-Landschaft. Der geplante Ausbau der S-Bahn ist ein Dreiländerprojekt. Basler Lokalpolitik ist grenzüberschreitend.
Verdächtig linkslastig
Im flächenmässig kleinsten Kanton – 37 Quadratkilometer – haben zwei der weltweit grössten Pharmakonzerne ihren Sitz. Novartis allein verbucht zehn Prozent des gesamtschweizerischen Exports. Roche steht ihr in nichts nach. Wirtschaftlich ist der Mini-Kanton ein Schwergewicht.
Basel profitiert und ist eine reiche Stadt geworden. Solidaritätsgefühle löst das nicht aus, wie eine Szene im Ständerat aus den 80er-Jahren zeigt. Peter Hefti aus Glarus beklagte sich über den Basler Kollegen Carl Miville: «Seit Herr Miville im Ständerat ist, wird viel zu viel über Basel geredet.»
Das reiche Basel ist nicht das politische Lieblingskind der Schweiz, das man gerne verwöhnen würde. Im Gegenteil. «Die dort unten am Rhein brauchen nicht auch noch einen Bundesrat», so das Alpen-Echo. Zumal auch Basler Bürgerliche immer wieder ihre linksliberale Schlagseite bestätigen. Und gerne aus der bürgerlichen Kolonne ausbrechen. Das ist nicht gerade eine Empfehlung für einen Bundesrat aus Basel.
«Typisch Basel»
Der Basler FDP-Nationalrat Peter Malama lehnt neue AKW ohne Wenn und Aber ab. Damit fällt er aus dem Rahmen seiner Partei. «Typisch Basel», heisst es. Als 1975 das AKW-Gelände in Kaiseraugst besetzt wurde, taten das linke Aktivisten. Aber sie erhielten in der Region breite Unterstützung von links bis rechts. Auch von praktisch allen bürgerlichen Parteien. Was bei ihren Parteifreunden in der Schweiz mehr als nur Kopfschütteln auslöste.
Basler Freisinnige nannten sich bis vor gar nicht so langer Zeit Radikaldemokraten. Dem gemeinsamen Logo zuliebe mussten sie darauf verzichten. Zwischen dem damals noch mächtigen Zürcher Freisinn und den Basler Radikaldemokraten lagen Welten. Das lässt sich am Beispiel von Alfred Schaller aufzeigen. Er war in Basel radikaldemokratischer Regierungsrat und im Bundeshaus FDP-Nationalrat. Der ehemalige Eisenbahner blieb auch als Politiker Mitglied der Eisenbahnergewerkschaft. Nicht gerade das landesübliche Muster für einen Freisinnigen. Schaller zählte in Basel und im Bundeshaus zu den politischen Schwergewichten. Er besass absolutes Bundesratsformat. Und lag einmal gut im Rennen. Der bereits bestellte Extrazug musste in allerletzter Minute abgesagt werden. Die bürgerliche Mehrheit liess ihren verdächtig «linkslastigen» Kollegen fallen.
Basel wird weiter warten
In Basel zählte die kommunistische PdA (Partei der Arbeit) zu den starken Parteien. Von 130 Sitzen im Grossen Rat belegte sie nach dem Krieg 32. Nur einen weniger als die SP. Heute ist die PdA Geschichte. Als ihr Boss Robert Krebs den 80. Geburtstag feierte, und das mitten im Kalten Krieg, geschah Einmaliges. Die Präsidenten sämtlicher Basler Parteien erwiesen ihm die Ehre. Plus die bürgerlichen Präsidenten von Regierung und Parlament. In Zürich wäre das undenkbar gewesen.
Es gibt viele Gründe, Basel im Bundeshaus rechts liegen zu lassen. Bei Abstimmungen liegt es oft quer zur Deutschschweiz. Basel stimmt gerne mit den Romands. Basler sind les Welsches de la Deutschschweiz. Genau das wird nicht unbedingt als Pluspunkt notiert. Und so werden wir weiter auf den nächsten Bundesrat warten. Obschon derzeit im Bundeshaus gleich zwei Stellen ausgeschrieben sind. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.08.2010, 10:35 Uhr
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12 Kommentare
Als ehemaliger Spler und heute eher Mitterechts gerichtet muss ich Herrn Hubacher wieder einmal mehr recht geben. Es ist mir Schleierhaft warum die heutige SP-Führung nicht mehr auf die "Altgedienten" hört und diese Kompetenz nicht abruft. Stattdessen verharren sie in Sturrheit und schaden so ganz unauffällig der gesamten CH-Politik. Auch Herr R. Stramm ist so eine Kompetenz, einfach nur schade. Antworten
Es wurde ja immer wieder festgestellt, dass originelle Querdenker sich nicht als Bundesräte eignen. Ausnahmen mögen die Regel bestätigen. Damit wäre es ja auch in gewissem Sinne eine Auszeichnung keinen Bundesrat zu stellen. D' Baasler si scho reecht (said e Ziircher...). Antworten
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