Asylbewerber vertreiben Touristen aus Hotels

Im Tessin sind über 200 Asylbewerber in Pensionen untergebracht. Zum Ärger der lokalen Behörden – und zum Ärger anderer Gäste.

Wird als sogenanntes «Überdruckventil» für Asylbewerber genutzt: Das Hotel Garni Montaldi.

Wird als sogenanntes «Überdruckventil» für Asylbewerber genutzt: Das Hotel Garni Montaldi. Bild: PD

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Das Hotel Garni Montaldi ist nicht zu übersehen, wenn man den Bahnhof Locarno verlässt, der sich auf dem Boden der Gemeinde Muralto befindet. Zu den Stammgästen gehört die 80-jährige Meta R. aus dem Kanton Graubünden. Seit zwölf Jahren steigt sie regelmässig im Montaldi ab, zuletzt Anfang Monat für ein Wochenende mit ihrer zwölfjährigen Enkelin. Doch diese beiden Nächte werden ihre letzten in diesem Hotel gewesen sein, wie sie ebenso freundlich wie entschlossen erklärt.

«Zwar war das Zimmer so weit recht und sauber», sagt Meta R. Aber in der Nacht sei es ungewöhnlich lärmig gewesen, und am Morgen hätten sich im Frühstückssaal fast 20 Asylbewerber über das Buffet hergemacht und eine ziemliche «Sauerei» hinterlassen. Vom Personal habe sich niemand darum gekümmert.

Adäquate Unterkünfte

«Als ich an der Réception gefragt habe, was los sei, hat man mir nur ausweichend geantwortet», erzählt die rüstige Rentnerin weiter. Erst ein Anruf bei der Polizei habe Klärung gebracht: Der Kanton bringe Asylbewerber in verschiedenen Pensionen unter, habe man ihr erklärt. Meta R. ist enttäuscht, dass ihr das Hotel nicht schon vor der Buchung gesagt hat, dass auch Asylbewerber dort wohnen würden. Und noch mehr, dass man normale Gäste deren Unordnung aussetze. Sie und ihre Enkelin hätten sich unwohl gefühlt und auch etwas Angst gehabt.

Die Asylbewerber im Montaldi geben nicht nur bei Gästen zu reden, sondern auch bei den Gemeindebehörden. Asylsuchende müssten in «adäquaten Unterkünften untergebracht werden und nicht in einem Hotel im Herzen einer Tourismusregion», sagte der zuständige Gemeinderat von Muralto Ende März auf eine Anfrage aus dem Gemeindeparlament. Das Problem ist bloss, dass es im Tessin ? wie im Rest der Schweiz ? an solch adäquaten Unterkünften fehlt, zumal in Zeiten mit überdurchschnittlich vielen Asylgesuchen.

Hotel als «Überdruckventil»

Kleinere Hotels und Pensionen sind «unsere Überdruckventile, wenn die beiden Rot-Kreuz-Zentren überfüllt sind», sagte Renato Scheurer, im Kanton Tessin für die Unterbringung von Asylbewerbern zuständig, Ende November der Website tio.ch. 240 Asylbewerber logierten damals in Tessiner Hotels, meist alleinstehende Männer, die mobiler sind als Familien, wie Scheurer erklärte. Der Zustrom hat seither kaum nachgelassen: Heute sind 230 Asylsuchende in Hotels untergebracht.

Und das Phänomen ist nicht neu. Im Januar 2009 war der Regierungsrat bereits mit einer entsprechenden parlamentarischen Anfrage konfrontiert. Damals lebten 73 Asylbewerber in Hotels. Und die Frage war, wie viel das den Kanton kostete. Die Antwort lautete: 90 Franken pro Tag koste die Unterbringung mit Vollpension, 60 für das Zimmer mit Frühstück. Weder Hoteliers noch Gäste hätten sich bisher beschwert, behauptete Scheurer im November. Die erbosten Reaktionen aus der Bevölkerung, die immer wieder zu vernehmen sind, erwähnte er nicht.

Tessin besonders betroffen

Als Grenzkanton ist das Tessin vom derzeitigen Ansturm im Asylwesen besonders betroffen. Durchschnittlich 700 Gesuche monatlich gehen im Empfangszentrum des Bundes in Chiasso ein. Mit knapp 150 Plätzen ist dieses hoffnungslos überfüllt. Nun wollen Bund und Kanton Abhilfe schaffen. Letzte Woche haben sie ein neues Zentrum mit 120 Plätzen angekündigt. Dieses soll die Unterbringung in Hotels und Pensionen überflüssig machen – und gleichzeitig das bestehende Zentrum in Chiasso entlasten. Ob 120 Plätze dafür reichen, ist fraglich.

Und Meta R.? Ins Montaldi gehe sie sicher nicht mehr, wiederholt sie kategorisch. Aber ins Tessin schon noch, sagt die GA-Besitzerin, die auch im Alter gern und fleissig reist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.06.2012, 09:04 Uhr

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