Auch Schwangere mit geringerem Risiko machen den Trisomie-21-Test

In Zürich, Basel und St. Gallen können alle Frauen den umstrittenen Bluttest durchführen lassen.

Laut Schätzungen entscheiden sich nach einer Trisomie-21-Diagnose nur 10 Prozent der Schwangeren für das Kind: Ein Kind mit Down-Syndrom in einer Theatergruppe.

Laut Schätzungen entscheiden sich nach einer Trisomie-21-Diagnose nur 10 Prozent der Schwangeren für das Kind: Ein Kind mit Down-Syndrom in einer Theatergruppe. Bild: Keystone

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Zwei Fragen nimmt werdenden Eltern auch der neue Bluttest nicht ab, mit dem beim ungeborenen Kind eine Trisomie 21 festgestellt werden kann: Lassen wir den Test durchführen? Und was, wenn der Befund positiv ist? Doch sicher ist: Das Produkt der Konstanzer Firma Lifecodexx mit dem Namen Praenatest, der im mütterlichen Blut nach DNA-Spuren des Fötus fahndet, ist für Schwangere und Kind absolut risikofrei. Und er weist eine sehr hohe Treffsicherheit auf. Entsprechend harsch wurde seine Einführung im August 2012 kommentiert. Von «Rasterfahndung nach Menschen mit Down-Syndrom» und «Zuchtwahl menschlichen Lebens» war die Rede, von «Selektion» und «Druck auf Schwangere» und «behindertenfeindlich».

Ein halbes Jahr nach der Einführung des Tests zeigt eine Umfrage des «Tages-Anzeigers» bei den Universitätskliniken Basel, Bern und Zürich sowie den Kantonsspitälern Luzern und St. Gallen: Der von den Kritikern befürchtete Ansturm ist ausgeblieben. Am Inselspital Bern sind laut Daniel Surbek, Co-Direktor der Frauenklinik, innert sechs Monaten rund 50 Tests durchgeführt worden. Das seien «eher etwas weniger als erwartet». Am Universitätsspital Basel haben sich insgesamt 32 Frauen testen lassen, das ist laut Sprecherin Sabina Heuss «nicht so viel». Und auch in Zürich, wo bisher rund 130 Tests gemacht worden sind, heisst es: «Die Befürchtungen der Gegner haben sich nicht bestätigt», sagt Tilo Burkhardt, Oberarzt an der Klinik für Geburtshilfe. In Luzern wurden seit August elf Tests durchgeführt, in St. Gallen, wo er seit Oktober angeboten wird, bisher zwei.

Risikoreiche Fruchtwasserpunktion

Dass man im Rahmen der vorgeburtlichen Untersuchung das Risiko eines Down-Syndroms ermittelt, ist nicht neu. Beim sogenannten Erst-Trimester-Screening zwischen der 11. und 13. Woche, das rund drei Viertel der Schwangeren durchführen lassen, wird anhand verschiedener Faktoren – Messung der Nackentransparenz per Ultraschall sowie zwei Bluttests – die Wahrscheinlichkeit einer Trisomie 21 errechnet. Ergibt das Screening ein erhöhtes Risiko, wird den Schwangeren eine Fruchtwasserpunktion empfohlen, bei der man mit einer langen Hohlnadel durch die Bauchdecke hindurch fetale Zellen entnimmt.

Dieser Eingriff ist – im Gegensatz zum neu eingeführten Praenatest – nicht ungefährlich: Rund eine von 200 Frauen erleidet in der Folge eine Fehlgeburt. In den meisten Fällen jedoch hätten sie dieses Risiko gar nicht eingehen müssen, da sich der Verdacht nur selten bestätigt. «Mit dem Praenatest verhindern wir, dass zu viele unnötige Fruchtwasserpunktionen durchgeführt werden», sagt Tilo Burkhardt vom Universitätsspital Zürich. «Wir gefährden weniger gesunde Kinder.»

Alle drei Universitätsspitäler berichten, dass die Anzahl der Fruchtwasserpunktionen seit der Einführung des Praenatests erwartungsgemäss etwas zurückgegangen sei. Durchgeführt werden diese aber noch immer: Ist der Praenatest positiv, wird Schwangeren in jedem Fall empfohlen, das Resultat durch eine Fruchtwasserpunktion bestätigen zu lassen. Dies sei notwendig, um falsche positive Ergebnisse auszuschliessen. Auch die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG) hat eine entsprechende Empfehlung abgegeben.

Hohes Sicherheitsbedürfnis

Den Praenatest selbst empfiehlt die SGGG nur für Schwangere, denen im Erst-Trimester-Screening ein erhöhtes Risiko für Trisomie 21 attestiert worden ist. Für Frauen mit niedrigem Risiko ist der Test derzeit noch nicht zugelassen. An der Frauenklinik des Berner Inselspitals hält man sich laut Co-Direktor und SGGG-Vorstandsmitglied Daniel Surbek an diese Richtlinie, die auch international gilt. In der Praxis sei jedoch ein gewisser Druck der Schwangeren mit niedrigem Risiko spürbar, sich ebenfalls prüfen lassen zu dürfen. «Wir werden den Test erst dann allen Frauen anbieten, wenn er qualitativ besser und auch an entsprechend vielen Niedrigrisiko-Frauen getestet worden ist», sagt Surbek. «Das ist heute noch nicht der Fall.» Auch das Kantonsspital Luzern bietet den Bluttest ausschliesslich Frauen mit erhöhtem Risiko an.

Eine andere Praxis gilt an den Universitätsspitälern Basel und Zürich sowie am Kantonsspital St. Gallen: Wer immer hier will, darf den Praenatest durchführen lassen. «Wir testen keine neue Krankheit, sondern verfügen einzig über eine neue Methode», erklärt Tilo Burkhardt. «Diese möchten wir all unseren Patientinnen anbieten.» Zu mehr Abtreibungen komme es deswegen kaum, glaubt er. Es sei nicht zu erwarten, dass die Testmethode die Entscheidung der Frauen nach der Diagnose beeinflusse. Und sowieso sei es falsch, zu glauben, ein positives Ergebnis führe in jedem Fall zu einer Abtreibung. «Es gibt auch Frauen, die die Diagnose schlicht wissen und sich auf ein Leben mit einem Down-Syndrom-Kind vorbereiten wollen», sagt Burkhardt.

Entscheidung liegt allein bei den Schwangeren

Und doch räumt der Oberarzt ein, dass sich die meisten Frauen am Unispital Zürich wegen eines hohen Sicherheitsbedürfnisses testen liessen – und nicht, weil sie tatsächlich über ein grosses Risiko für Trisomie 21 verfügten. So habe sich kürzlich eine absolut unauffällige Schwangere Anfang 20 für den Test entschieden, weil sie es einfach habe wissen wollen; der Test war positiv. Wie sich die Frau darauf entschieden habe, könne er nicht sagen. Doch klar sei: «Es war die richtige Entscheidung, den Test durchzuführen. Sie wusste nachher Bescheid.» Laut Burkhardt ist nicht bekannt, wie viele Kinder aufgrund einer Trisomie-21-Diagnose abgetrieben werden. Das habe zum einen damit zu tun, dass viele Schwangere nach dem Praenatest am Spital zu ihrem Frauenarzt zurückkehrten. Zum anderen müsse in der Schweiz zwar jeder Schwangerschaftsabbruch anonym gemeldet werden, doch der Grund dafür würde nicht erfasst. Man gehe aber davon aus, dass sich rund 90 Prozent der Frauen gegen das Kind entschieden, wenn sie von der Diagnose erführen.

Auch am Universitätsspital Basel stellt man sich auf den Standpunkt, dass die Entscheidung für oder gegen den Praenatest allein bei der Schwangeren liegen müsse: «Wenn eine Frau den Test unbedingt machen will, gibt es für uns keinen Grund, ihr dies zu verwehren», sagt Sprecherin Sabina Heuss. Mit einem allfälligen Druck der Schwangeren auf die Ärzte, selbstbestimmt entscheiden zu dürfen, habe dies nichts zu tun. Laut der Herstellerfirma Lifecodexx ist der Praenatest, der 1500 Franken kostet und von den Krankenkassen derzeit nicht übernommen wird, ausschliesslich für Schwangere mit erhöhtem Risiko geprüft und zugelassen. Für die Auswertung der Tests im Labor in Konstanz müsse der zuständige Arzt die medizinische Indikation jeder Patientin schriftlich bestätigen. Was ist mit Frauen, die den Test einzig aufgrund ihrer Angst machen dürfen? «Ob ein medizinischer Grund vorliegt und welcher dies ist, stellt ausschliesslich der verantwortliche Arzt fest», sagt Lifecodexx-Sprecherin Elke Decker. Laut Burkhardt liegt für das Unispital Zürich auch dann ein medizinischer Grund vor, wenn es sich um eine «medizinisch völlig unbegründete Angst» handelt. «Die Frauen entscheiden selbst, aus subjektivem Empfinden, was für sie ein hohes Risiko ist.»

«Genetisches Screening»

Mit dem umstrittenen Bluttest hat sich auch die Zentrale Ethikkommission der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) beschäftigt. In einer Anfang Dezember veröffentlichten Stellungnahme empfiehlt sie, die Beratung der Schwangeren im Hinblick auf die pränatale Diagnostik so zu gestalten, dass eine möglichst autonome Entscheidung sichergestellt sei. Der Test könne eine «Erweiterung der Optionen zur Selbstbestimmung» darstellen.

Gleichzeitig zeigt sie Verständnis dafür, dass die gesellschaftliche Tendenz, Behinderung so weit wie möglich systematisch auszuschliessen, von vielen Betroffenen und ihren Angehörigen als Bedrohung erlebt werde. Deshalb seien sämtliche werdenden Eltern darüber aufzuklären, dass «die Durchführung eines vorgeburtlichen genetischen Screenings in der Regel keine Vorsorgeuntersuchung zum Wohl des Kindes ist, sondern einer Auswahlentscheidung zur Verhinderung eines Kindes mit bestimmten genetischen Merkmalen dient». Die Verfügbarkeit neuer technischer Möglichkeiten berge die Gefahr, dass Paare unreflektiert in – vermeintlich risikolose und mit einer hohen Chance beruhigend ausgehende – Tests einwilligten, über deren Reichweite sie sich nicht bewusst seien, so die Ethikkommission. Trete die Gewissheit einer Trisomie 21 dann doch ein, müsse unter grossem Zeitdruck und emotionaler Belastung entschieden werden. Zudem könne die Entscheidungsfreiheit eingeschränkt sein, «wenn die Möglichkeit, die Geburt eines Kindes mit Trisomie 21 zu verhindern, als sozialer Druck erlebt» werde. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.02.2013, 06:06 Uhr)

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