Auch Ärzte brauchen in Notfällen eine Anlaufstelle
Von Markus Brotschi. Aktualisiert am 04.11.2010 3 Kommentare
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Für Ärzte gehört es zum Alltag, dass sie rund um die Uhr für Notfälle ihrer Patienten bereitstehen müssen. Falls sie jedoch selbst einmal dringend Hilfe benötigen, gestehen sich das viele nicht ein. «Ärzte haben oft Mühe, sich selber in Behandlung zu begeben», sagt Michael Peltenburg. Er ist Projektleiter der Anlaufstelle ReMed, die von der Ärzteverbindung FMH vor drei Jahren in den Kantonen Thurgau und Neuenburg lanciert worden ist. Da ist der Chirurg mit Depressionen, der sich selber mit Tabletten behandelt, weil ihm eine Auszeit bei all den Operationsterminen unmöglich erscheint. Oder der Hausarzt, der in Pension gehen möchte und für seine Praxis keinen Nachfolger findet, erleidet ein Burn-out.
Dass solche Beispiele keine Einzelfälle sind, zeigte sich in der dreijährigen Pilotphase von ReMed, die nun abgeschlossen ist. Rund 80 Ärzte in einer Krisensituation meldeten sich und erhielten Hilfe von Fachpersonen. Fast die Hälfte litt an einem Burn-out oder einer Depression. Ein weiteres Drittel brauchte organisatorische Unterstützung bei der Arbeit. Mit 13 Prozent überraschend gering war der Anteil von Ärzten, die sich wegen eines Suchtproblems meldeten. Der Anteil Frauen war unter den Hilfesuchenden mit 56 Prozent etwas grösser als jener der Männer.
«Unglaubliche Arbeitszeiten»
Nach einer positiven Bilanz der Testphase weitet die FMH das Hilfsangebot von ReMed nun auf die ganze Schweiz aus. Die Ärzteschaft wird mit einer breiten Infokampagne auf das Angebot aufmerksam gemacht. Das Sekretariat von ReMed ist über eine Hotline rund um die Uhr erreichbar. Das Team bietet den Ärzten in kritischen Situationen rasch und unbürokratisch Hilfe an. Nach der Kontaktaufnahme meldet sich ein Beraterteam innerhalb von 72 Stunden bei den Ratsuchenden und bespricht mit ihnen die persönliche Situation.
Laut Peltenburg melden sich bei ReMed nicht nur frei praktizierende Ärzte, sondern unerwartet viele Assistenzärzte. «Oftmals kommen sie mit der hierarchisch-patriarchalischen Struktur in den Spitälern nicht zurecht», sagt Peltenburg, der eine Hausarztpraxis in Hinwil betreibt. «Das Arbeitsumfeld kontrastiert mit den Erwartungen, die die jungen Ärzte haben.» Dass in Spitälern viele Assistenz- und Oberärzte unter den Arbeitsbedingungen leiden, bestätigt auch Rosmarie Glauser, Sekretärin des Verbandes Schweizerischer Assistenz- und Oberärzte (VSAO). «Obwohl für Assistenzärzte gemäss Arbeitsgesetz die 50-Stunden-Woche gilt, haben sie an manchen Spitälern immer noch unglaubliche Arbeitszeiten.» Dazu gehörten 12 Arbeitstage am Stück, 60 und mehr Stunden pro Woche und fehlende Ruhezeiten wegen Pikettdiensten. Folgen dieser Belastung sind laut Glauser Burn-out oder der Griff zu Tabletten.
Ein Doktor ist nie krank
Dem VSAO werden auch vermehrt Fälle von Mobbing gemeldet. «Ärzte lassen sich in Spitälern Dinge gefallen, die andernorts längst nicht mehr akzeptiert werden», sagt Glauser. Sie wisse von Ärzten, die bei Krankheit nicht zu Hause blieben, weil der Chef ihnen vorwarf, mit ihrer Abwesenheit den Tod von Patienten in Kauf zu nehmen. Oder einer schwangeren Ärztin sei vorgehalten worden, dass sie in Afrika in ihrem Zustand noch längst arbeiten müsste.
Ein Doktor ist nie krank – dieses Bild ist laut Peltenburg in der Gesellschaft nach wie vor weit verbreitet. Das setze die Ärzte unter grossen Druck. Verschärft werde dies durch den Mangel an Allgemeinmedizinern. «Früher fand man noch leichter einen Stellvertreter für die Praxis, wenn man mal krank war.» Allerdings zeigten die ersten Erfahrungen mit ReMed auch, dass sich die Berufseinstellung ändere und Mediziner vermehrt Hilfe beanspruchten.
Was tun wenn ein Arzt trinkt?
Dem ReMed-Team gehören drei Ärzte und eine Ärztin an. Diese leiten die Fälle nach der Krisenintervention weiter an eine Fachperson in der Region des Hilfesuchenden. Das kann neben einem Psychiater auch ein Organisationsberater sein, weil ein Arzt mit seiner administrativen Arbeit überfordert ist. Oder Hausärzte stehen einem Kollegen als Mentor zur Seite.
Die Beratung untersteht der Schweigepflicht. Peltenburg kann sich heikle Situationen vorstellen, in denen ReMed die Entscheidungen mit einer Ethikkommission bespricht. Dazu gehören Fälle von sexuellem Missbrauch, bei denen sich die Frage einer Anzeige stellt. «Bis jetzt wurden wir noch nie mit einem solchen Fall konfrontiert», sagt Peltenburg. ReMed verfügt nicht über die Kompetenz zu Kontrollen und Sanktionen. In anderen Ländern entscheiden solche Organisationen dagegen auch über die Berufsbewilligung – etwa wenn ein Arzt Alkoholprobleme hat.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.11.2010, 23:17 Uhr
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3 Kommentare
Interessant, vor Jahren haben Ärzte am Unispital Zürich eine kleine Demo gemacht, notabene gegen die damaligen Arbeitszeiten. Chefärzte sagten, wem es nicht passt, die können gehen es warten genug Andere vor der Türe. Heute sind es in etwa die damaligen "Demonstranten" die das selbe sagen zu den Jungen. Vernünftige Arbeitszeiten wohl das Beste für Mensch und Krankenkasse, Hr.BR.Burkhalter! Antworten
Auch Ärzte werden krank, - da sie aus dem gleichen "Stoff" gebaut sind, wie alle Anderen auch . Und nicht nur sie haben Mühe, ein seelisches Problem zuzugeben, - noch immer ist es in den Köpfen, dass jegliche ,körperliche Krankheit akzeptiert ist ,- aber auch die Seele ist Bestandteil des Körpers, - der Wichtigste sogar. - Nicht immer zählt die Arbeitsmenge, sondern die Akzeptanz des Umfeldes. Antworten
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