Auf Schleierfahndung mit der Grenzwacht

Von Andreas Weidmann. Aktualisiert am 30.07.2009

Seit sieben Monaten gehört die Schweiz zum Schengenraum. An der Grenze gibt es keine systematischen Kontrollen mehr - dafür im Landesinnern. Mit zwei Grenzwachtteams auf Patrouille.

Grenzwächter führen im Zürcher Hauptbahnhof einen Verdächtigen ab.

Esther Michel

«Erkennen von Bodypackern», «gezielte BM-Kontrollen mit BM-Hund», «Migration/AWF»: Am Grenzwachtposten im Operationscenter des Flughafens Zürich brieft Feldweibel Daniel Baumann sein Team für den heutigen Einsatz. Dem Besucher leistet er Übersetzungshilfe: Gefahndet werden soll nach Drogenkurieren, die den «Stoff» in ihrem Körper versteckt halten, nach versteckten Betäubungsmitteln und nach illegalen Migranten mit gefälschten Ausweisen. Zum Team gehören neben Baumann Ausweis-Spezialistin Ursula van Rijsen, Hundeführer Markus Bindt und Suchhund Baghira. Einsatzort ist die SBB-Gotthardstrecke zwischen Arth-Goldau und Zürich. «Hier wurden zuletzt immer wieder Somalier mit falschen Pässen aufgegriffen», erklärt Baumann.

SIS als «Mehrwert»

Nach der kurzen Fahrt im blauen Dienstwagen steigt das Dreierteam am HB Zürich kurz vor Abfahrt in den ICN 10 225 Richtung Lugano. In den wenigen Wagen der ersten Klasse wird niemand kontrolliert. Anders in der zweiten: «Grüessech, wo fahre Si häre?», fragt Baumann. Das junge Paar mit italienischem Pass will nach Lugano. Der Grenzwächter lässts dabei bewenden. «Passports, please!» - Baumann gibt die Ausweise dreier Schwarzafrikaner an seine Kollegin weiter und durchsucht die Sporttaschen der Burschen. Die jungen Männer sind Asylbewerber. Wachtmeisterin Van Rijsen kontrolliert die Ausweise und überprüft per Anruf bei der Grenzwachtzentrale in Basel, ob gegen die drei Männer etwas vorliegt. Rasch kommt Entwarnung: kein Eintrag im nationalen Fahndungsregister Ripol und auch nicht im Schengener Informationssystem (SIS). Die Erfahrungen mit dem SIS seien «durchwegs positiv» und brächten «einen riesigen Mehrwert», betonen die Grenzwächter. Im SIS sind europaweit inzwischen Fahndungsdaten mehrerer Millionen Gegenstände und Fahrzeuge sowie Hunderttausende von Personen enthalten.

Wie früher an der Grenze wird auch bei der sogenannten «Kontrolle im rückwärtigen Raum» - der Begriff «Schleierfahndung» stammt aus Deutschland - nur ein Bruchteil der Leute kontrolliert. Doch nach welchen Kriterien? «Es ist viel Bauchgefühl dabei», sagt Baumann. Bodypacker erkenne man «an einem Raster», in das diese Leute passten, oft auch an Medikamenten zur Darmregulierung, die sie mitführten. Auch an der Hautfarbe? «Wenn Sie eine ehrliche Antwort hören wollen: Ja», sagt Baumann. Er und seine Kollegen hören deshalb fast täglich, sie seien Rassisten. «Dabei», sagt der Grenzer, sei es «halt einfach so, dass die Kontrolle einer Schweizer Grossmutter mit Enkeln» selten zum Fahndungserfolg führe, die Kontrolle junger Ausländer aber relativ oft. Die Bilanz: Seit Anfang Jahr hat das Grenzwachtkorps rund 5000 zur Fahndung ausgeschriebene Personen festgenommen. Allein in den neuen Kontrollen in den Zügen wurden 900 Personen festgenommen, die national oder international zur Fahndung ausgeschrieben waren. Zudem wurden 336 gefälschte oder gestohlene Ausweise sichergestellt.

Generell seien die Reaktionen des Publikums auf die Zugkontrollen «mehrheitlich positiv», sagt Baumann. Und tatsächlich gibt es auf der Fahrt keinerlei Reklamationen. Jene, die schimpften, sagt Baumann, «haben das bisher schon an der Grenze gemacht». Oft stellten die Leute aber Fragen und wüssten nichts vom Zusammenhang der Kontrollen im Landesinnern mit Schengen.

«Nicht das höchste Gefühl»

In Arth-Goldau wechselt das Dreierteam in den Cisalpino-Ersatzzug zurück nach Zürich. Alles deutet auf einen ruhigen Abend für die Grenzwächter hin - da ergibt die Kontrolle eines 27-jährigen Nigerianers via Ripol, dass der Mann vom Zürcher Migrationsamt zur Verhaftung und Wegweisung ausgeschrieben ist. Doch ein Detail stimmt nicht: Was den Namen des Nigerianers betrifft, unterscheiden sich der Ausländerausweis und das Fahndungssystem um einen Buchstaben. Im Vorraum werden dem Nigerianer elektronisch Abdrücke der Daumen genommen. Die nationale Fingerabdruck-Datenbank AFIS räumt wenig später die letzte Unsicherheit an der Identität aus - dann geht alles schnell: Handschellen klicken, der Mann ist verhaftet. «Why, why?», fragt er mehrmals. Eine «normale Schutzbehauptung in solchen Fällen», sagt Baumann. Einen Asylbewerber festzunehmen, gehöre zwar nicht zu den höchsten Gefühlen eines Grenzwächters. Aber man habe nun einmal «einen Auftrag zu erfüllen, da können wir nicht gefühlsmässig urteilen». Später am Abend wird sich herausstellen, dass der Mann inzwischen im Kanton Glarus ein Asylgesuch gestellt hat und unter diesem Schutz freigelassen werden muss.

Verkehrssünder statt Kriminelle

Wir fahren derweil an den zweiten Schauplatz an der Autobahn A 1 bei Neuenhof AG. Hier hat eine andere Dreierequipe der Grenzwacht bereits eine Kontrollstelle aufgebaut. Ihr Augenmerk richten die Beamten vor allem auf potenzielle Einbrecherbanden. Wachtmeister Christian Berliat winkt einen älteren dunkelbraunen BMW heraus. Im Auto sitzen drei junge Männer. «Huere Kacke», schimpft der Fahrer. Die Vignette fehlt, macht 100 Franken. Der junge Mann will einen Einzahlungsschein.

Dann erneut drei junge Leute, diesmal im weissen Mercedes mit Aargauer Nummer. Die Reifen des Wagens sind total abgefahren. Es gibt eine Anzeige, die im Dienstwagen vor Ort schriftlich eröffnet wird.

Auch hier also keine Schmuggler oder Kriminaltouristen, aber der zweite Verkehrssünder innert Minutenfrist - eine gute Quote. Auch Christian Berliat spricht von «Gspüri» und «Erfahrungswerten», wenn er vom Erfolgsrezept seines Berufsstandes spricht. Das Bauchgefühl des Grenzers eben. Daran hat sich mit Schengen nichts geändert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2009, 12:42 Uhr

Schweiz

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Frühlingsdeko
homegate Lassen Sie jetzt schon den Frühling ins Haus. Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Meistgelesen in der Rubrik Schweiz

Umfrage

Gesetzt den Fall, Geld spielt für Sie eine untergeordnete Rolle. Würden Sie in Andermatt eine Ferienwohnung kaufen?




Lokale Suche

Marktplatz

AKTUELLE JOBS

Marktplatz

PackEasy Shop Betreuer/in (50 - 80%) Manor AG, Zürich

Leiter/in Pflege und Betreuung 100% TERTIANUM AG Residenz Im Brühl, Zürich

Anwendungsentwickler/in Klinikinformationssystem Phoenix (100%) Zürcher Höhenkliniken Wald & Davos, Faltigberg

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Projekttechniker/-ingenieur Leit- und Automationstechnik Rechsteiner Partners AG, Kanton Basel

Leiter Finanzen Schweiz (W/M) Kelly Financial Resources Zürich, Zürich

GIS-Spezialist Flughafen Zürich AG, Zürich