Ausweg aus der geschützten Werkstatt

Seit 2004 gibt es kein Angebot mehr für Jugendliche, die mit einer Berufslehre überfordert sind. Nun lancieren Verbände eine neue Art Ausbildungszeugnis.

Lernbehinderte Schreinerpraktiker sollen häufiger den Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt schaffen. Foto: Donatas Jaraminas (iStock)

Lernbehinderte Schreinerpraktiker sollen häufiger den Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt schaffen. Foto: Donatas Jaraminas (iStock)

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Die Invalidenversicherung (IV) tut sich schwer damit, junge Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Von 2009 bis 2013 erhielten jedes Jahr rund 2000 18- bis 24-Jährige neu eine IV-Rente. Zwei Drittel dieser jungen Menschen können wegen psychischer Erkrankungen wie zum Beispiel ADHS oder Persönlichkeitsstörungen gar nie Fuss fassen auf dem Arbeitsmarkt. Sie erhalten eine IV-Rente und arbeiten nach Möglichkeit in einer geschützten Werkstatt.

Der Bundesrat möchte dies ändern, wie er kürzlich angekündigt hat. «Wir gehen davon aus, dass ein Teil dieser Jugendlichen das Potenzial hat, im ersten Arbeitsmarkt Fuss zu fassen», sagt Stefan Ritler, Vizedirektor beim Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV). Bis im Spätherbst soll das BSV einen Massnahmenkatalog erarbeiten. Unter anderem sollen die IV-Taggelder auf das Niveau gängiger Lehrlingslöhne gesenkt werden.

Die Anlehre fehlt

Allerdings sind nicht nur finanzielle Fehlanreize ein Problem: Für diese Gruppe von Jugendlichen gibt es gar kein offiziell anerkanntes Berufsbildungsangebot mehr. Mit dem neuen Berufsbildungsgesetz wurde 2004 nämlich die Anlehre, ein niederschwelliges Lehrangebot für Jugendliche, die mit einer klassischen Lehre überfordert wären, abgeschafft. Die zweijährige Attestlehre, die als Ersatz für die Anlehre eingeführt wurde, ist für viele zu anspruchsvoll. Die Konsequenz: Jugendlichen, die eigentlich eine Ausbildung machen möchten, bleiben nur die Arbeit in einer geschützten Werkstatt und eine IV-Rente –oder sie scheitern während der Attestlehre. Mit anderen Worten: Lernbehinderte Jugendliche sind vom Berufsbildungsgesetz gar nicht mehr erfasst.

Nun testen drei Berufsverbände zusammen mit dem Dachverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung (Insos) eine neue Ausbildungsform: den individuellen Kompetenznachweis. Nach einer zweijährigen praktischen Ausbildung in einer geschützten Werkstatt oder in einem Betrieb erhalten die Jugendlichen eine Art Zeugnis, das beschreibt, was sie können.

Getestet wird das neue Zeugnis zuerst anhand der Berufe Schreinerpraktikant, Logistiker und Büroassistent. Danach sollen weitere Berufe dazukommen. «Ein Arbeitgeber soll sofort sehen, was die Person kann», sagt Roland Hohl, Geschäftsleiter des Berufsbildungsverbandes für die kaufmännische Grundbildung (IGKG Schweiz). Die Initianten des Projekts hoffen, dass die Chancen der Jugendlichen auf eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt mit dem von Berufsverbänden abgesegneten und aussagekräftigen Zeugnis steigen.

Hochgestecktes Ziel

Dafür wollen die Berufsverbände mit ihrem Namen für die laut Zeugnis erfüllten Mindestanforderungen bürgen, wie sie sagen. Dabei sollen sich die Anforderungen an gewisse Fähigkeiten an der früheren Attestlehre orientieren. Für den Büroassistenten wäre dies zum Beispiel «Unterlagen kopieren und Dokumentationen zusammenstellen» oder «Telefonanrufe entgegennehmen». Für Schreinerpraktiker könnte die Anforderung das Herstellen von Türrahmen oder Korpusteilen sein. Zusammen mit Partnern wie dem Schweizerischen Gewerbeverband und dem Bundesamt für Sozialversicherungen haben die Insos und die Berufsverbände einen Leitfaden für das Erstellen von solchen Kompetenznachweisen erarbeitet.

Im Sommer 2015 beginnt die Testphase. Die Schreinermeister wollen bereits dieses Jahr die ersten Kompetenznachweise ausstellen. Sie arbeiten dafür mit vier geschützten Werkstätten zusammen. Romain Rosset, Bereichsleiter Berufsbildung beim Schreinermeisterverband, will nicht zu hohe Erwartungen wecken: «Die Integration in die erste Arbeitswelt bleibt ein hochgestecktes Ziel», sagt er. Gerade in einer Schreinerwerkstatt sei das Arbeiten mit Maschinen immer mit Gefahren verbunden. Kein privater Unternehmer könne es sich leisten, für einen Mitarbeiter noch eine Aufsichtsperson anzustellen. Zudem suchten viele Betriebe eher möglichst hoch qualifizierte Fachkräfte. Auch für den kaufmännischen Bereich seien niederschwellige Arbeitsplätze eine Nische, sagt Roland Hohl. Bei vielen Betrieben brauche es Überzeugungsarbeit, bis sie Jugendliche mit Lernschwierigkeiten beschäftigten.

Gegen die IV-Abhängigkeit

Die Insos haben in den vergangenen Jahren viel Erfahrung mit der Integration in den Arbeitsmarkt gesammelt. Seit der Abschaffung der Anlehre bilden die Ausbildungsstätten der Insos jedes Jahr rund 1000 Jugendliche aus; finanziert wird die Ausbildung durch die IV. Bis heute anerkennen die Berufsverbände diese praktischen Ausbildungen nicht offiziell. Jeder dritte Absolvent findet anschliessend trotzdem eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt. Weitere zehn Prozent der Absolventen können eine Attestlehre absolvieren. Durch die Zusammenarbeit mit den Berufsverbänden soll diese Bilanz nun verbessert werden.

Dies erhofft sich auch das BSV. Der individuelle Kompetenznachweis sei ein möglicher Weg, um die Jugendlichen aus der IV-Abhängigkeit zu bringen, sagt Ritler. Ob sich die IV künftig auch auf den individuellen Kompetenznachweis abstützt, kann er noch nicht sagen. Klar ist: Mit dem Projekt könnte die seit 2004 bestehende Lücke im Berufsbildungsgesetz geschlossen werden. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.03.2015, 21:45 Uhr)

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