Bauboom in den Berggemeinden

Erstmals zeigt sich, dass wohl auch aus Angst vor dem neuen Raumplanungsgesetz mehr gebaut wird.

Zermatter fürchten um ihren wertvollen Grund und Boden und bauen, solange sie noch können.

Zermatter fürchten um ihren wertvollen Grund und Boden und bauen, solange sie noch können. Bild: Keystone

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Seit dem 1. Januar darf der Anteil Zweitwohnungen höchstens noch 20 Prozent pro Gemeinde betragen. Liegt er höher, gilt für «kalte Betten» ein Baustopp. Bis Ende Dezember jedoch hatten Gemeinden und Bauherren noch Gelegenheit, die alten Freiheiten zu nutzen. Und davon hat man reichlich Gebrauch gemacht, wie Recherchen zeigen.

Gemäss Christian Kraft, Immobilienspezialist der Credit Suisse, wurden in der Schweiz von Dezember 2011 bis November 2012 Gesuche für 69 800 Wohnungen eingereicht. Wie viele davon Zweitwohnungen betreffen, geht aus den Angaben zwar nicht exakt hervor. «Auffällig ist aber, dass 14 Prozent der Gesuche in Tourismusgemeinden gestellt wurden. In den Vorjahren lag dieser Anteil bei durchschnittlich etwa 7 Prozent», sagt Kraft. In den Tourismusgemeinden gehe es wohl zu einem grossen Teil um Zweitwohnungen.Nachfragen bei kommunalen Behörden bestätigen dies. In Laax GR etwa wurden nach Annahme der Zweitwohnungsinitiative (11. März) bis November 63 Baugesuche eingereicht. Bei 32 davon ging es unter anderem um Zweitwohnungen (von diesen wurden 26 genehmigt). In den Vorjahren gab es in Laax laut Bauamtschef Toni Cadruvi etwa 40 Gesuche pro Jahr, wovon vielleicht 15 auch Zweitwohnungen betrafen.

Sprunghafte Zunahmen

In Lenk BE stieg die Zahl der Baugesuche von durchschnittlich 7 pro Quartal auf 30 im zweiten Quartal 2012. Im dritten waren es 31, im vierten 20. In Scuol GR gingen von März bis August achtmal mehr Baugesuche ein als normal – 80 allein für Zweitwohnungen. Der Druck hatte derart zugenommen, dass die Gemeinde für die Zeit vom 1. September bis Ende Jahr eine Planungszone mit faktischem Baustopp erliess.

In der Tat sind gemäss Christian Krafts Informationen Regionen wie das Unterengadin und die Surselva überdurchschnittlich vom Anstieg betroffen – «weniger die grossen Tourismusdestinationen, wo teilweise bereits lokale Kontingentierungen gelten». Insgesamt zählen Graubünden und das Wallis zu den meistbelasteten Kantonen. Im Goms zum Beispiel wurden in den zwölf Monaten bis November 2012 über 500 Prozent mehr Gesuche (inklusive Erstwohnungen) als im langjährigen Mittel gestellt.

Zermatter fürchten Verluste

Indizien lassen nun erstmals vermuten, dass wohl nicht nur die Zweitwohnungsinitiative für den Boom verantwortlich ist. Als Bedrohung wird mancherorts auch das neue Raumplanungsgesetz wahrgenommen, das am 3. März zur Abstimmung kommt. Es stellt den Gegenvorschlag zur sogenannten Landschaftsinitiative dar und enthält als Kernelement eine Rückzonungspflicht für Kantone mit überdimensionierten Bauzonen. Wird zudem Kulturland in Bauland umgewandelt, sollen die Eigentümer mindestens 20 Prozent des gewonnenen Wertes dem Staat abtreten, sobald sie das Land überbauen oder verkaufen. Von diesem Geld profitieren sollen Landbesitzer, die von einer Rückzonung betroffen sind.

Zermatts Gemeindepräsident Christoph Bürgin (CVP) spürt in seiner Gemeinde Angst vor den finanziellen Folgen von Rückzonungen: «Die Zermatter fürchten um ihren wertvollen Grund und Boden. Riesensummen drohen vernichtet zu werden.» Wer sein Land jetzt überbaut, entzieht es dem Risiko einer Rückzonung. Seit der Abstimmungstermin feststeht, also seit dem letzten Oktober, ist die Zahl der Baugesuche sprunghaft gestiegen, auf über 50 bis Ende Jahr. Das ist laut Bürgin mehr als doppelt so viel wie in der gleichen Zeitspanne in Vorjahren.

«Ich halte es durchaus für möglich, dass die Aussicht auf zusätzliche Verschärfungen manche Landbesitzer zu einer schnelleren Überbauung veranlasst hat», sagt Christian Kraft von der Credit Suisse. Seiner Ansicht nach ist der Effekt der Zweitwohnungsinitiative aber «ganz klar dominierend».

Unschöne Strohfeuer

Jedenfalls scheinen mit der Zweitwohnungsinitiative und dem Gegenvorschlag zur Landschaftsinitiative nun gleich zwei Anliegen von Landschaftsschützern zu einem hohen Siedlungsdruck beizutragen. Dass dies einem Eigengoal gleichkommt, bestreitet Marcus Ulber, Raumplanungsexperte bei Pro Natura.

Ulber schildert die Problematik mit dem Bild eines grossen Holzstapels, der niederzubrennen drohe. Auch wenn hier und da ein unschönes Strohfeuer brenne: «Der grosse Holzstapel bleibt dank Initiative und Gesetz verschont.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2013, 08:23 Uhr

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