Begegnungsort oder «Streichelzoo»?
Von Beat Bühlmann. Aktualisiert am 27.05.2010 15 Kommentare
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Das Projekt ist gross angelegt und für die Schweiz einzigartig: Zehntausende von Besuchern und Besucherinnen sollen ab 2013 im Paradrom von Rathausen hautnah erfahren, was es im Alltag bedeutet, behindert zu sein. Sie erleben, wie ein geistig behinderter Mann am Automaten ein Busticket löst. Oder wie eine sehbehinderte Frau eine stark befahrene Strasse überquert.
Der Erlebnispark wird mit Sonderbrillen, speziellen Geräuschkulissen, schweren Mänteln und anderen technischen Tricks ausgestattet, um die Besucher mit unvertrauten Lebenssituationen zu konfrontieren – wie in der Blinden Kuh, wo Sehende im Dunkeln trinken und essen. Das Paradrom wird im sanierungsbedürftigen Kloster Rathausen bei Luzern realisiert, wo die Stiftung für Schwerbehinderte Luzern (SSBL) ihren Sitz hat. Die Kosten belaufen sich auf 22 Millionen Franken, der Kanton Luzern steuert 7 Millionen aus dem Lotteriefonds bei.
«Wir wollen einen Ort schaffen, der auf aussergewöhnliche Art Begegnungen zwischen Menschen mit und Menschen ohne Behinderung ermöglicht», sagt CVP-Nationalrat Pius Segmüller, Präsident des Vereins Kloster Rathausen. Auch nationale Prominenz macht mit. So gehören SP-Nationalrätin Pascale Bruderer, die Behindertensportlerin Edith Hunkeler, Heinz Frei von der Paraplegiker-Vereinigung oder Theologe Hans Küng zum Patronatskomitee.
Pro Infirmis zieht sich zurück
Die Präsidentin von Pro Infirmis Schweiz, die ehemalige Zuger Regierungsrätin Brigitte Profos, hat sich hingegen zurückgezogen. «Statt eine künstliche Welt mit Behinderungen aufzubauen, würden besser die realen Behinderungen im Alltag behoben», sagt Ruedi Prerost, Gleichstellungsbeauftragter der grössten Behindertenorganisation. Der 62-jährige Jurist, selber Paraplegiker, findet es verfehlt, dass Behinderung auf eine Funktionsstörung reduziert wird. Jede Behinderung habe auch soziale und psychische Auswirkungen und betreffe alle Lebensbereiche, wie das die UNO-Konvention festhalte. «Wer nur im Rollstuhl fährt, weiss nicht, was Behinderung bedeutet.» Mit den 20 Millionen könnten unzählige Rampen gebaut und Tausende von Begegnungsstätten geschaffen werden.
Auch Procap, mit 20 000 Mitgliedern die andere grosse Behindertenorganisation, bleibt abseits. «Wir beurteilen den Erlebnisparcours eher skeptisch, denn er wird wenig zur besseren Integration beitragen», sagt Procap-Sprecher Bruno Schmucki. Vielmehr sei zu befürchten, dass Menschen mit Behinderung im Paradrom zur Schau gestellt würden. Procap verspreche sich mehr von eigenen Projekten wie dem Zugangsmonitor, der aufzeige, in welchen Kinos oder Museen Behinderte Einlass fänden.
Beirat mit Behinderten
Die Kritik der grossen Behindertenorganisationen kann Margrit Fischer, Präsidentin der SSBL, nicht nachvollziehen. «Es besteht keine Gefahr, dass wir Behinderte zur Schau stellen, schliesslich betreuen wir in unseren Wohngruppen 400 schwerbehinderten Personen und wissen um unsere Verantwortung.» Die Skepsis von Pro Infirmis und Procap beruhe auf Missverständnissen, glaubt Fischer. Das Projekt sei ja erst im Aufbau begriffen. So soll auch ein Kultur- und Bildungsprogramm sowie eine Plattform für Behindertenfragen aufgebaut werden. «Wir würden deshalb gerne mit den Behindertenorganisationen zusammenarbeiten und die Kräfte bei der Integration bündeln», sagt Fischer.
Auch Vereinspräsident Pius Segmüller zeigt sich gesprächsbereit. «Wir sind mit dem Behindertenforum Zentralschweiz im Gespräch und sind uns nähergekommen.» Es gehe ihnen allerdings nicht darum, mit Paradrom in erster Linie sozialpolitische Veränderungen zu bewirken. Das Behindertenforum hatte in einem kritischen Brief den Erlebnisparcours als «oberflächliches Eventereignis» ohne nachhaltige Wirkung bezeichnet. Es sei ein «virtuelles Streichelzoo-Spektakel» zu befürchten. Behinderung sei jedoch ein politisches und kein sensorisches Phänomen. Auf Anfrage bestätigte Hanne Müller, Koordinatorin des Behindertenforums, die Gespräche. An ihrer kritischen Haltung habe sich aber nichts geändert. Es fehle die sozialpolitische Dimension.
«Berührungsängste abbauen»
Insieme Schweiz, die Dachorganisation der Elternvereinigung für Menschen mit einer geistigen Behinderung, unterstützt hingegen das Projekt. «Das Paradrom ist eine Chance, um auf spielerische Weise andere Lebenswelten kennen zu lernen», sagt Co-Geschäftsleiterin Heidi Lauper. Auch Isabella Plüss, Präsidentin der Sektion Zentralschweiz des Blinden- und Sehbehindertenverbandes, ist davon überzeugt. «Das Paradrom soll das gemeinsame Erleben fördern und Berührungsängste auf beiden Seiten abbauen.» Deshalb habe sie sich entschlossen, im Behindertenbeirat mitzuwirken. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.05.2010, 09:09 Uhr
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15 Kommentare
Ein Punkt scheint mir bei diesem Projekt voll vergessen worden zu sein: Wer - ausser vielleicht ein paar Schulklassen - soll und wird schon an so einen Ort gehen? Der Erlebnisfaktor ist doch viel zu klein, die Neugierde ebenso. Ich prognostiziere einen Flop grössten Ausmasses, maximal ein Jahr Betriebszeit. An den möglichen Kunden hat hier definitv niemand gedacht... Antworten
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