Bei AKW-Unfall droht ein Trinkwassermangel

Laut einer neuen Studie wird in der Notfallplanung das Risiko für die Versorgung mit Trinkwasser unterschätzt.

Austretendes radioaktives Wasser würde innert einer Stunde Aarau erreichen: Kernkraftwerk Gösgen.

Austretendes radioaktives Wasser würde innert einer Stunde Aarau erreichen: Kernkraftwerk Gösgen. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Bei einem schweren Unfall im AKW Gösgen mit dem Austritt von radioaktivem Wasser würde das verseuchte Wasser nach einer Stunde Aarau erreichen, das Trinkwasser aus der Aare bezieht. Bis Basel, das sein Trinkwasser ausschliesslich aus dem Rhein gewinnt, käme radioaktives Wasser aus Leibstadt nach 14 Stunden. Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung müssten also innert kürzester Zeit getroffen werden.

Doch die Schweizer Atomaufsicht, das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi), rechnet im Gegensatz zur gestern veröffentlichten Studie des deutschen Ökoinstituts nicht mit diesem Fall: Das der Schweizer Notfallplanung zugrunde gelegte Unfallszenario geht auch nach den Erkenntnissen aus Fuku­shima von einem 100-mal kleineren Radioaktivitätsaustritt aus als bei der Katastrophe in Japan. Die Atomaufsicht will den Betreibern deshalb auch keine Auflagen machen, die das Auslaufen von belastetem Kühl- oder Löschwasser reduzieren könnte.

In Fukushima floss massenhaft schwer mit Iod und Cäsium belastetes Wasser, das zuvor tagelang zur Kühlung auf die beschädigten Anlagen gesprüht worden war, ins nahe Meer und versickerte im Untergrund. Noch heute hat man das Problem nicht im Griff. Der in der Studie angenommene Freisetzungsanteil entspricht den Werten des beschädigten Blocks 2 von Fukushima, wo etwa 9 Prozent Iod und etwa 5 Prozent des im Reaktor enthaltenen Cäsiums austraten.

Versorgung wäre ein Kraftakt

Das Rheinwasser bei Basel wäre bei diesem Unfallszenario gemäss den Berechnungen des Ökoinstituts mit bis zu 6600 Becquerel radioaktivem Strontium pro ­Liter belastet, mit 9100 Becquerel Iod und mit 2600 Becquerel Cäsium. Die in der Fremd- und Inhaltsstoffverordnung für Lebensmittel festgeschriebenen Toleranzwerte für Radionuklide im Trinkwasser und auch der weit höher angesetzte Grenzwert wären um ein Vielfaches überschritten. Das Wasser aus Aare und Rhein wäre für die Trinkwasseraufbereitung längere Zeit nicht mehr nutzbar. Die Notfallversorgung, die gesetzlich 15 Liter Wasser pro Kopf und Tag vorsieht, wäre eine logistische Riesenübung.

«Wir fordern von den AKW-Betreibern wirksame Vorkehrungen gegen eine unkontrollierte Freisetzung von kontaminiertem Wasser» sagte deshalb Jürg Stöcklin, Präsident des Trinationalen Atomschutzverbandes (Tras) gestern bei der Präsentation der vom Verband in Auftrag gegebenen Studie in ­Basel. «Und wir erwarten von den Aufsichtsbehörden, dass sie Notfallszenarien erarbeiten, um die Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser sicherzustellen», erklärte der Professor für Botanik der Universität Basel.

Wegen der möglichen Verbreitung von Radioaktivität nicht nur über den Wasserweg, sondern auch über die Luft wäre laut der Studie im Übrigen auch die Trinkwasserversorgung der Region Zürich und der deutschen Grenzregion betroffen: Bei Westwind würden auch der Zürichsee und der Bodensee vor allem bei gleichzeitigem Regen von einer schweren Havarie mit Wasseraustritt in Leibstadt oder Beznau verseucht.

Das Ensi mochte gestern zur Studie des Ökoinstituts und zur Kritik des Atomschutzverbandes nicht Stellung nehmen. Man habe den Bericht erst gestern erhalten und könne deshalb noch nichts dazu sagen, sagte Pressesprecher Sebastian Hueber auf Anfrage. Er verweist aber auf die vom Bund eingesetzte interdepartementale Arbeitsgruppe IDA Nomex, welche die Notfallplanung in Zusammenarbeit mit den zuständigen Kantonen überprüft habe. «Die Qualität der Vorsorge zeigt ein heterogenes Bild», lautet eine vorläufige Quintessenz der Arbeitsgruppe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.09.2014, 23:20 Uhr

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