Schweiz
«Bei den SBB hat man generell zu tief kalkuliert»
Interview Matthias Chapman. Aktualisiert am 07.09.2010
Christian Laesser ist Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St. Gallen und leitet neu auch das SBB-Lab. Zudem ist er Generalsekretär, der Schweizerischen Verkehrswisssenschaftlichen Gesellschaft (SVWG).
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Bei der Post seit 1995
Was die SBB nun mit dem SBB-Lab finanzieren gibt es bei der Post seit 15 Jahren. Im Hinblick auf die Aufteilung des damaligen Regiebetriebs in Post und Swisscom wurde 1995 ein Lehrstuhl am Lausanner Hochschulinstitut für öffentliche Verwaltung ins Leben gerufen. Dieser war dem Management öffentlicher Unternehmen gewidmet und sollte die Einführung privatwirtschaftlicher Strukturen in das neue Staatsunternehmen begleiten. Später wurde dieser an der ETH Lausanne angesiedelt. Inhaber des Lehrstuhls ist Professor Matthias Finger, der mit drei Doktoranden arbeitet. Finanziert durch die Post. Auch an der Universität St. Gallen ist die Post engagiert. Dort finanziert sie zu Teilen den Logistik-Lehrstuhl von Professor Wolfgang Stölzle.
Christian Laesser stellt im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet allerdings klar, dass die SBB mit dem SBB-Lab nicht einen Lehrstuhl, sondern Forschung finanzieren. So gesehen sei sein in den Medien genannter Name SBB-Professor natürlich leicht irreführend.
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Herr Laesser, wie oft fahren Sie Zug?
Regelmässig. Ich pendle zwar nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, aber ein bis zwei Mal pro Woche fahre ich zu Geschäftszwecken Zug.
Sind Sie zufrieden mit dem Service der SBB?
Absolut. Gerade von den Frequenzen her gesehen steht man sehr gut da. In diesem Land braucht es für das Reisen ja praktisch keinen Fahrplan mehr. Diese Einsicht würde Ihnen übrigens jeder Ausländer bestätigen.
Wo orten Sie beim Unternehmen SBB Probleme?
Eines der Hauptprobleme sind sicher die Kosten. Zum Beispiel die Löcher bei der Finanzierung des Schienenunterhalts. Oder auch Neufinanzierungen und die Folgekosten davon, hier hat man in der Vergangenheit generell zu tief kalkuliert.
Sie leiten nun ein Forschungszentrum mit dem Namen SBB-Lab. Was genau machen Sie da?
Für die Unternehmen, die zwischen Staat und Markt operieren, stellen sich spezielle Herausforderungen. Hier gehören viele Firmen aus dem Bereich Verkehr dazu. Das Spezielle daran: Das Marktumfeld ist massgebend mitbestimmt durch Regulation und Politik. Konkret gehen wir zum Beispiel der Frage nach, wie die SBB von aussen mitgesteuert werden durch Akteure wie das eidgenössische Parlament oder das Bundesamt für Verkehr und was das bedeutet für das Managment dieses Unternehmens. Andere Themen, die uns in Zukunft beschäftigen werden, sind die Liberalisierung im Bahnverkehr oder die Frage der Finanzierung des öffentlichen Verkehrs sowie Preisgestaltung.
Aber gerade zum Thema Preisgestaltung, hier betreiben die SBB doch eigene Untersuchungen. Braucht es dazu das SBB-Lab?
Das darf man nicht unterschätzen. Hier ist das Knowhow noch nicht allzu gross und das Minenfeld an möglichen Fehlern, die man begehen kann, ziemlich gross.
Ihre Forschungsstätte ist auf fünf Jahre mit insgesamt 1,5 Millionen Franken von den SBB finanziert. Arbeiten Sie nur für die SBB?
Überhaupt nicht, wir sind frei in der Themenwahl. Das zeigt zum Beispiel unsere Anfang Woche vorgestellte Studie zu den Zusammenhängen von Standortgunst und Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr.
Kann man unter diesen finanziellen Voraussetzungen unabhängig arbeiten?
Wir sind überzeugt davon. Es gibt auch andere externe voll- oder teilfinanzierte Forschungsstellen oder Lehrstühle, die das beweisen.
Sie wollen auf Ihrem Gebiet führend in Europa sein. Die Franzosen mit SNCF oder Deutschland mit ihrer DB werden diese Forschung doch schon ausführlich betreiben?
Wir haben das im Vorfeld der Gründung von SBB-Lab untersucht und fanden im Inland eine komplette Lücke. Auch im Ausland ist hier nicht viel vorhanden. Dort ist man zwar stark in der Verkehrsforschung. Das aber vor allem im technischen Bereich und weniger im Managing.
Betreibt das SBB-Lab nur Forschung, oder wird auch gelehrt?
Ab nächstem, spätestens übernächstem Jahr werden wir Lehrgänge anbieten.
Wird das SBB-Lab zur Kaderschmiede der SBB?
Diesen Anspruch würde ich nicht erheben. Aber klar wollen wir das Wissen vermitteln, wie zum Beispiel in Unternehmen wie den SBB oder der BLS geführt wird. Aber natürlich arbeiten die SBB für ihre Kaderrekrutierung auch mit anderen Partnern zusammen.
Im «Blick» wurden Sie mit dem Satz zitiert, «wer am Morgen in der Stosszeit nicht zur Arbeit muss, hat im ÖV nichts zu suchen!». Das ist ziemlich provokativ. Stehen Sie wirklich dazu?
Ja klar stehe ich dazu. Gleiches meine ich im Übrigen auch für den Abend. Hinter der Aussage steckt natürlich die Idee, dass Leute, die nicht zwingend zu diesen Stosszeiten fahren müssen, mehr für diese Fahrten zahlen sollten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 07.09.2010, 16:52 Uhr
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