Schweiz

Beim Kochen helfen statt vor dem TV sitzen

Englisch für Dreijährige? Oder nur Mutterliebe bis fünf? Harmos hat die Frühbildung zum Politikum gemacht. Doch das Zentrale ging dabei leider vergessen.

Wer sein Kind fördern will, sollte es im Haushalt mithelfen lassen – auch wenn das Kochen so etwas länger dauert.

Wer sein Kind fördern will, sollte es im Haushalt mithelfen lassen – auch wenn das Kochen so etwas länger dauert.
Bild: Keystone

«Die Diskussion um die frühkindliche Bildung ist äusserst unglücklich verlaufen», ärgert sich Urs Moser, der das Institut für Bildungsevaluation in Zürich leitet: In der ganzen Kontroverse über das Schulharmonisierungsprojekt Harmos habe man zwar wacker über den Sinn der frühen Förderung gestritten. «Doch der eigentliche Punkt – nämlich, was man Kindern in diesem Alter sinnvollerweise vermittelt – blieb unerwähnt.» Noch pointierter sagt es der Direktor des Arbeitgeberverbands, Thomas Daum: «Die Harmos-Diskussion wurde von den Gegnern aus ideologischen Schützengräben heraus geführt, was kaum sachliche Diskussionen zuliess.»

Aufklärungskampagne gefordert

Das Resultat: Harmos tritt zwar trotz etlichen kantonalen Abstimmungsniederlagen in Kraft. Doch der frühkindlichen Bildung klebt seither das Etikett beklemmender Leistungsoptimierung an. «Bildung – und damit auch die frühe Förderung – wird von vielen Leuten als etwas Schweres, Belastendes und Schulisches aufgefasst. Diese Vorstellung gilt es zu revidieren», sagt Andrea Lanfranchi, Kinderpsychologe und Professor an der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik. Auch Urs Moser findet es dringend, einige Vorurteile aus dem Weg zu räumen.

Etwa jenes, frühe Förderung finde vor allem in Krippen oder Kindergärten statt: «Alle Studien belegen, dass die Familie der wichtigste Einflussfaktor für die Entwicklung des Kindes ist.» Die entscheidende Frage ist laut Lanfranchi demnach nicht, ob die Kinder mit vier oder fünf Jahren eine Bildungsinstitution besuchen. «Sondern wie die Eltern am besten auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen. Und zwar von der Geburt an.»

Kinder, die in ihren ersten Jahren wenig Anregung erhalten und häufig vor dem Fernseher sitzen oder stundenlang alleine im Zimmer spielen, sind schlecht gerüstet für die Schule: Sie verfügen – so belegt die Wissenschaft – über einen kargeren Wortschatz als ihre Kameraden, über ein schlechteres räumliches Vorstellungsvermögen, und sie sind auch motorisch oft weniger fit. Die Schule ist dann kaum mehr in der Lage, diese grossen Unterschiede auszugleichen.

Umso wichtiger sei, die Eltern mit ins Boot zu nehmen, sagt Thomas Jaun, Präsident des Netzwerks Kinderbetreuung. Man müsse sie vom Nutzen früher Anregung überzeugen. Urs Moser schwebt eine grossangelegte Aufklärungskampagne vor. «So wie das Bundesamt für Gesundheit auf Plakaten dazu aufruft, sich zu bewegen – oder wie Schulämter Prospekte zur gesunden Ernährung abgeben, so sollen die Behörden die frühkindliche Förderung propagieren.»

Kinder nicht mit Wissen abfüllen

Moser erhält Zuspruch von so verschiedenen Seiten wie Arbeitgeberdirektor Thomas Daum, SP-Bildungspolitikerin Jacqueline Fehr und CVP-Nationalrätin Kathy Riklin. Auch der Generalsekretär der FDP-Liberalen, Stefan Brupbacher, fordert mehr und konkrete Bildungsmassnahmen im frühkindlichen Bereich – von Plakataktionen verspricht er sich allerdings nichts.

Was aber sind sinnvolle Fördermassnahmen? Ein Englischkurs für Dreijährige? Das Mutter-Kind-Turnen? Rhythmikstunden? «Alles unnötig», urteilt Moser. «Auch mit diesem Vorurteil müssen wir aufräumen. Es wirkt sich überhaupt nicht positiv auf die Bildungschancen aus, wenn das Kleinkind einige Wochenstunden in einer bestimmten Disziplin besucht.» Der renommierte Kinderarzt und Entwicklungsspezialist Remo Largo pflichtet ihm bei: «Kleinkinder lernen nicht in Lektionen. Es geht auch gar nicht darum, möglichst viel Wissen in sie hineinzufüllen.»

Wichtig sind den Experten hingegen folgende Punkte:

Kinder lernen von Kindern. Laut Largo sollte jedes ab dem zweiten Lebensjahr mehrere Stunden täglich mit andern Kindern verbringen – mit jüngeren und älteren.

Kleinkinder lernen nur, was sie zu einem bestimmten Zeitpunkt interessiert. Das Einüben von Fertigkeiten (etwa Worte oder Zahlen) bringt längerfristig keinen Lernerfolg.

Kleinkinder wollen sprechen lernen: Laut Moser hat jedes das Recht, dass die Eltern – auch die Väter – mit ihm kommunizieren, nicht nur während fünf Minuten beim Abendessen, sondern täglich während längerer Zeitspannen. Kinder haben zudem das Recht, dass ihnen Geschichten erzählt und Bücher vorgelesen werden.

Kinder wollen an Alltagsverrichtungen teilnehmen – etwa beim Kochen mithelfen. Eltern sollen ihnen Gelegenheit dazu geben, auch wenn die Verrichtung dann länger dauert.

Kinder haben eine natürliche Neugierde, einen Drang, die Welt zu entdecken. Sie wollen also «Experimente» machen – etwa Wasser von einem Behälter in den andern giessen. Eltern sollen ihre Kinder beobachten, um zu wissen, was diese entdecken wollen und ihnen die Gelegenheit dazu geben.

Kinder haben einen Bewegungsdrang. Sie sollten regelmässig in den Wald kommen. Und sie sollten draussen auch unbeobachtet spielen können.

Krippe oder Spielgruppe als Ersatz

«Das alles klingt relativ einfach», räumt Remo Largo ein, «ist es aber oftmals nicht.» Denn viele Eltern wohnen an verkehrsreicher Lage und können ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt ins Freie lassen. Oder sie wohnen nicht in unmittelbarer Nähe anderer Kinder. «Dann kann eine Krippe, eine Spiel- oder Waldgruppe für die nötige Ergänzung sorgen», sagt Lanfranchi. Wichtig sei aber vor allem, resümiert Urs Moser, «dass die Eltern ihre Verantwortung wahrnehmen und lernen, sich mit ihren Kindern auseinanderzusetzen, statt sie vor dem Fernseher zu platzieren.»

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2009, 15:30 Uhr