Beliebtes Zerrbild einer rassistischen Schweiz

In den europäischen Medien hat sich das Bild einer fremdenfeindlichen Schweiz verfestigt. Doch die Zahlen sagen etwas anderes.

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Zwei Rassismusklagen innerhalb einer Woche waren wohl eine zu viel: «So fremdenfeindlich ist die Schweiz» titelte das deutsche Nachrichtenmagazin «Focus» online. Erst wurde Asylbewerbern in Bremgarten das Betreten des Freibads verboten, und nur Tage später machte die Schweiz erneut internationale Schlagzeilen: Amerikas bekanntester TV-Talkerin Oprah Winfrey wurde in einer Zürcher Edelboutique die gewünschte Handtasche verweigert – aus rassistischen Motiven, wie sie selbst in einer Fernsehshow erklärte. Für «Focus» passte dies alles in ein langes Sündenregister: vom Minarettverbot über die SVP-Messerstecher-Plakate bis zum Roma-Titelblatt der «Weltwoche». Ein Land, wo die «trügerische Idylle» die hässliche Fratze der Fremdenfeindlichkeit mehr schlecht als recht verdecke, so der «Spiegel». Es ist ein Schweizbild, das in der internationalen Presse grosse Verbreitung findet.

Die Erzählung ist stimmig, doch die Fakten sagen etwas anderes. Das zeigt ein Ländervergleich in einer aktuellen Studie zur «Integration von Zuwanderern», welche die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erstellt hat. In einer mehrjährigen Befragungsreihe wurden im Ausland geborene Einwohner gefragt, ob sie sich im Alltag aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt fühlen. Verblüffendes Resultat: Nur in Luxemburg ist der Anteil der Zugewanderten, die sich diskriminiert fühlen, noch tiefer als in der Schweiz. In Luxemburg sind es 5, in der Schweiz 8 Prozent der Befragten. Es sind dieselben Staaten, die am meisten Zuwanderung pro Kopf bewältigen.

Eine offene Debatte

Unrühmliche Spitzenplätze bezüglich Diskriminierung nehmen Griechenland mit fast 30 Prozent und unsere alpine Schwesterrepublik Österreich mit über 20 Prozent ein. Wenig erstaunlich ist, dass Zuwanderer aus Schwellen- und Entwicklungsländern generell mehr Diskriminierung erfahren. Aber auch hier gehört die Schweiz zu den Ländern mit den tiefsten Werten.

Wie konnte es geschehen, dass sich in den europäischen Medien – diesen Realitäten zum Trotz – ein hässliches Bild von der Schweiz verfestigt hat: als Hochburg der Fremdenfeindlichkeit? Den Kern der Erklärung liefert die direkte Demokratie. Die ausgebauten direktdemokratischen Mitspracherechte schaffen erst das Schockpotenzial, an dem sich internationale Medien ergötzen. Ausserhalb der Schweiz gibt es natürlich keine Volksmehrheiten für Minarettverbote oder für die Wegweisung krimineller Ausländer – weil über solche Sachfragen dort gar nicht abgestimmt werden kann. Die direkte Demokratie bringt Unbehagen auf den Tisch, das andernorts unter dem Deckel bleibt.

Positionen, von denen bekannt ist, dass sie von breiten Bevölkerungsgruppen geteilt werden, lassen sich nicht leicht in die rechte Ecke drängen. Zum Unverständnis internationaler Beobachter schafft es die SVP so mit Messerstecher-Plakaten zu provozieren, ohne sich damit politisch ins Abseits zu manövrieren. Die Schweizer Behörden, die immer wieder mit der Gemütslage der Bevölkerung in Ausländerfragen konfrontiert sind, agieren besonders vorsichtig, wenn sie irgendwo im Schweizer Mittelland ein Asylzentrum eröffnen. Bei uns wird die Migrationspolitik in der politischen Arena mit ungebremster Wucht verhandelt, dafür haben es die wenigsten nötig, ihr Unbehagen in persönlichen Begegnungen auszuleben. Dies legen zumindest die Ergebnisse der OECD-Studie nahe.

Auch im Inland weit verbreitet

Ironischerweise ist das schlechte Image der Schweiz auch eine Folge der starken Zivilgesellschaft in unserem Land. Die Sperrzonen für Asylbewerber wurden nur zum internationalen Thema, weil die inländische Menschenrechtsorganisation Augenauf den Finger auf den wunden Punkt legte und dies im ganzen Land sofort zu einer heftigen Debatte führte. Im Bericht über die Schweizer «Freibad-Rassisten» verwies der «Spiegel» vorwurfsvollen Tons auf die fast 80 Prozent, die diesen Frühsommer für eine Verschärfung des Asylrechts gestimmt hatten. Möglich wurde dieses Resultat jedoch nur, weil eine hoch engagierte, von den Jungen Grünen angeführte Gruppe die nötigen Unterschriften sammelte. Diese wehrte sich unter anderem gegen die Abschaffung des Botschaftsasyls, das die Regierenden überall sonst in Europa längst stillschweigend gekippt hatten.

Das Zerrbild einer fremdenfeindlichen Schweiz ist auch im Inland weit verbreitet. Das Leiden an der Borniertheit der Mitmenschen ist ein alter Topos linker Politiker und Intellektueller. So erklärte Andreas Gross, der sich als Vertreter beider Gattungen versteht, dem «Focus» mit wehleidigem Pathos: «Die Schweizer sind unfähig im Umgang mit Fremden.»

Balken in den eigenen Augen

Eine unheilige Allianz von Rechten und Linken bewirtschaftet aus eigennützigen Motiven das Image einer intoleranten Schweiz. Ein Image, das zum international gepflegten Bild einer Nation von habgierigen Gnomen und Bankern passt. Wer kommt schon auf die Idee, die leutseligen Niederländer für ihre Intoleranz anzuklagen, obwohl sie in der OECD-Diskriminierungs-Rangliste auf Platz drei liegen?

Fakt ist: Die Schweiz ist eine starke Zuwanderungs- und Integrationsnation. Es schadet nichts, unseren europäischen Nachbarn gelegentlich den Spiegel vorzuhalten, um sie auf die Balken in den eigenen Augen aufmerksam zu machen.

(Erstellt: 13.08.2013, 07:02 Uhr)

Der Politgeograf Michael Hermann wechselt sich mit der Autorin und Schauspielerin Laura de Weck und mit dem Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm ab. (Bild: PD)

Ausländer-Diskriminierung in Europa. (Bild: Ta-Grafik ib/Quelle: OECD, Ergebungsjahre: 2002-2010)

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