Besser als der Vater

Als Ems-Chefin trat Magdalena Martullo-Blocher aus dem Schatten ihres Vaters. Taugt sie auch als politische Nachfolgerin? Leute, die sie kennen, halten das für möglich.

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Geht Magdalena Martullo in die Politik? Für die Parlamentswahlen vom Oktober 2011 hat sie der Bündner SVP abgesagt, wie der «Sonntag» in Erfahrung brachte. Doch ansonsten nährt sie selbst das Gerücht, dass sie dereinst eine politische Karriere anstrebt, fleissig.

In den letzten Monaten zeigte sich die bis anhin medienscheue Ökonomin zunehmend in der Öffentlichkeit. Mit einem Einblick in ihren Bündner Chemiekonzern Ems im SF-Film «Reporter» oder im Rahmen der Firmenchronik «Erfolg als Auftrag», die Anfang Jahr erschienen ist. Dabei scheint sie jede Gelegenheit für politische Statements zu nutzen, sei es eine Medienkonferenz zur Atompolitik oder die Präsentation des Halbjahresergebnisses der Ems-Chemie vergangene Woche. Dort äusserte sie sich nicht nur zu Kennzahlen, sondern auch zur schweizerischen Energie- und Aussenpolitik, zum EU-Finanzdesaster und zur chinesischen Regierung.

Politische Exkurse

Aufhorchen lässt aber vor allem die Antwort der ältesten Blocher-Tochter, die im August 42 wird, auf die Frage nach ihrem Einstieg in die Politik: «Jetzt nicht – ausser ich muss.» Auch vor acht Jahren musste sie, als Christoph Blocher überraschend Bundesrat wurde. «Magdalena, du musst die Ems führen», hat er damals gesagt. Dass die Geburt ihres zweiten Kindes kurz bevorstand, spielte keine Rolle.

«Der neue Blocher ist eine Frau», titelte der «Sonntag». Und die NZZ schreibt, Martullo verfüge nicht nur über das unternehmerische Talent ihres Vaters, sondern sie neige wie er zu politischen Exkursen und Rundumschlägen. Zuweilen gingen die Exkurse an der Bilanzpressekonferenz so weit über den Tellerrand hinaus, dass man sich frage, was sie mit dem Unternehmen Ems denn noch zu tun haben. «Nicht auszuschliessen, dass sie sich zu mehr berufen fühlt als zum Führen eines mittelgrossen Konzerns.»

Die Gabe zur Vereinfachung

Bei der Unternehmensführung hat sich Magdalena Martullo bewiesen, wie ihr manche attestieren. Wie sie den Konzern durch die Wirtschaftskrise geführt und den Gewinn danach wieder gesteigert habe, sei beeindruckend gewesen, schreibt die NZZ. Fast sei man versucht zu sagen, der Vater hätte es nicht besser gekonnt. Und Publizist Karl Lüönd, der für das Buchprojekt «Erfolg als Auftrag» vier Jahre lang mit Martullo im Austausch war, sagt: «Sie macht vieles anders als ihr Vater und manches sogar besser. Sie hat das Unternehmen weiterentwickelt.» Es sei ein Fehler, sie einfach nur an ihrem Vater zu messen, sagt Lüönd.

Doch wenn Martullo Politikerin wird, muss sie sich automatisch am Vater messen lassen. Dieser hat die Entwicklung einer stagnierenden 10-Prozent-Partei zur heutigen SVP, die einen Drittel der Wähler hinter sich schart, massgeblich mitgeprägt. Taugt Martullo wie ihr Vater zum nationalen Partei-Aushängeschild und zur Chefstrategin? Ja, sie hätte das Zeug dazu, glaubt Lüönd. «Intellektuell und analytisch ist sie unglaublich stark. Und sie hat offenbar Charisma, sie wirkt immer echt und kommt bei vielen Leuten gut an. Und sie kann überzeugen, sie hat wie Christoph Blocher die Gabe zur Vereinfachung.»

Burschikose Direktheit

Kommunikationsexperte Marcus Knill traut ihr zu, dass sie die Argumentationstechnik und die Rhetorik von ihrem Vater «gleichsam geerbt, also bereits im Blut» hat. Blocher mache unzählige rhetorische Fehler, er spreche zu laut, wild, unkoordiniert gestikulierend. Trotzdem könne er seine Zuhörer fesseln und beeinflussen. «Sein Erfolgsrezept: Er glaubt an das, was er sagt, spricht in Bildern und Geschichten.» Auch seine Tochter könnte, sofern sie von dem, was sie sage, ebenfalls voll und ganz überzeugt sei, als Nachfolgerin «grosse Massen beeinflussen».

Er habe sich gewundert, wie Martullo im SF-Film ein Mitglied der Führungsriege als Träumer blossgestellt habe, sagt Knill. Doch seine Recherchen hätten gezeigt, dass sich in der Ems-Chemie niemand an der burschikosen Direktheit der Chefin störe, dass diese sogar geschätzt würde, weil man bei ihr wisse, woran man sei. «So gesehen könnte ihre Eindeutigkeit und Direktheit unserem politischen Klima guttun, in dem oft nur indirekt und mit Weichspülern kommuniziert wird.»

Auch die SVP hat militärische Züge

Trotzdem sind Wirtschaft und Politik nicht dasselbe. Das mussten schon andere erfolgreiche Unternehmer erfahren, die in der Politik einflussarm geblieben sind. Und Martullos unzimperlicher Führungsstil, der von Buchautor Karl Lüönd als militärisch bezeichnet wird, wirft die Frage nach der Politiktauglichkeit auf. Was in einer andern Partei zum Problem würde, ist in der SVP aber womöglich keines. Denn die Partei ist streng hierarchisch und straff organisiert, die Folgsamkeit der Parteifunktionäre gegenüber dem Chefstrategen ist augenfällig und hat ebenfalls militärische Züge.

«Klar ist, bei der SVP wäre die Erleichterung gross, wenn man Martullo einbinden könnte, um das drohende Vakuum zu füllen», sagt Politikberater Mark Balsiger. Sie hätte den Vorteil, keine Ochsentour absolvieren zu müssen, und würde sich «vermutlich innert weniger Jahre durchsetzen». Beim Aufstieg auf die nationale Bühne sei die Luft schnell einmal dünn, für die Position des Parteichefs brauche es eine dicke Haut, enorme Durchsetzungskraft und die Kondition eines Marathonläufers. Zudem sei die SVP traditionell eine Männerpartei, sagt Balsiger, der Frauenanteil in der Bundeshausfraktion liegt bei 8 Prozent, und die wenigen gezielt geförderten Frauen seien «jung, attraktiv und medientauglich» wie Natalie Rickli oder neu Anita Borer (ZH) und Nadja Pieren (BE).

Die Frage ist, ob die dreifache Mutter will, sagt Lüönd. «Diesen Schritt wird sie sich zweimal überlegen. Aber sie ist kein unpolitischer Mensch.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.07.2011, 11:57 Uhr)

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«Sie sind ein Träumer»: Martullo-Blocher leitet eine Sitzung. Ausschnitt aus der Sendung «Reporter» des Schweizer Fernsehens.

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