Beznau: Leckes Ventil, luftiges Dach, verstrahlte Arbeiter
Von Thomas Knellwolf, Basel. Aktualisiert am 04.08.2009
Die 2009er-Serie von Pleiten, Pech und Pannen im Atomkraftwerk Beznau reisst nicht ab: Im Januar hatte ein fehlerhaftes Messgerät im Kamin von Block 1 falschen Alarm ausgelöst. Im März stellten Sicherheitsfachleute fest, dass «bei Windgeschwindigkeiten von mehr als 120 Kilometern pro Stunde einzelne Bauteile des Dachstuhls des Maschinenhauses überbeansprucht werden können». Die «ungenügende Festigkeit» hatte seit 1993 bestanden, «als die ursprüngliche Dachhaut durch eine leichtere ersetzt worden war». 16 lange Jahre hatte niemand das Sicherheitsrisiko bemerkt. Damit nicht genug: Im Mai wurde «eine erhöhte Jod- und Edelgas-Aktivität» im Beznau-1-Kamin gemessen. Ein undichtes Ventil war die Ursache der radioaktiven Verschmutzung, die nicht ins Freie gelangte. Und am Montag wurden zwei Arbeiter im Beznau-2-Reaktor verstrahlt.
Arbeitsgänge «Ungenügend koordiniert»
Laut dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) hatte die AKW-Crew bei ihrer grossen Sommerrevision zwei Arbeitsgänge «ungenügend koordiniert». «Während zwei Arbeiter unterhalb des Reaktordruckbehälters eine Überwachungskamera anbrachten», erklärt Ensi-Sprecher Markus Straub, «zog ein anderes Team stark strahlende Rohre aus dem Druckbehälter.» Das Inspektorat verortet die jüngste Panne auf der internationalen Ereignisskala (Ines) immerhin auf Stufe 1: als Anomalie, die zu einer vorübergehenden Risikoerhöhung führte. Die beiden Arbeiter kamen – zumindest kurzfristig – ohne gesundheitliche Schäden davon.
Mit vier «Vorkommnissen» im laufenden Jahr sind Beznau 1 und 2 einsame Spitzenreiter in der Pannenrangliste. Die drei weiteren Schweizer AKW vermeldeten 2009 bislang keine Zwischenfälle. Die beiden Druckwasserreaktoren an der Aare sind sogar drauf und dran, ihren gemeinsamen Rekord aus dem Jahr 2007 zu egalisieren. Damals hatte die Aufsichtsbehörde des Bundes in den beiden fast 40-jährigen Blöcken acht «Vorkommnisse» verzeichnet – so viel wie nie zuvor in der Geschichte der Schweizer Atomindustrie. 2008 waren es vier. Trotzdem attestiert der Bund Beznau eine «gute Betriebssicherheit».
«Juristische Beurteilung im Gang»
Beznau-Besitzerin Axpo stellt nur eine «geringe Zahl von Vorkommissen» fest, die laut Sprecherin Anahid Rickmann auch «nicht ausserordentlich oder dramatisch sind». Leo Scherer von der Umweltorganisation Greenpeace spricht hingegen von «dummen, groben und banalen Fehlern» und meint weiter: «Offensichtlich sind die Betreiber des AKW Beznau nicht imstande, die elementaren Sicherheitsvorschriften für ihre Angestellten einzuhalten.» Dies sei «nicht gerade Vertrauen erweckend für eine Industrie, die einen Ausbau von Atomkraftwerken anstrebt».
Die Aufsichtsbehörde verlangt nun eine Analyse. Zudem droht ein Strafverfahren. «Die juristische Beurteilung ist im Gang und Bestandteil der Abklärungen über dieses Vorkommnis», sagt Ensi-Sprecher Straub. Im März war ein Beznau-Mitarbeiter gebüsst worden, der ohne korrekte Deklaration radioaktive Abfälle ins Zwischenlager Würenlingen geschafft hatte. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.08.2009, 23:18 Uhr
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