Blanker Hass

Beleidigende Nachrichten im Minutentakt: Jüdische Mitbürger in der Schweiz werden angesichts der jüngsten Eskalation in Nahost schlimm angefeindet.

«Freiheit für Palästina»: Demonstranten in Zürich. (18. Juli 2014)

«Freiheit für Palästina»: Demonstranten in Zürich. (18. Juli 2014) Bild: Keystone

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Eine Hetzkampagne hätten wir gestartet und ein Feuer entfacht, schrieb uns eine Mitorganisatorin der propalästinensischen Demonstration letzten Freitag in Zürich. Das Unrecht in Gaza geschehe in unserem Namen. Andere Israelgegner schickten uns böse Mails. Die Facebookseite des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) wurde mit Hassparolen überflutet.

Weshalb? Wir hatten die Aufrufe zur Gewalt gegen Juden publik gemacht und uns besorgt darüber geäussert. Aussagen wie «wir müssen die Juden ausrotten», «Juden ins Gas» oder «nur ein toter Jude ist ein guter Jude» auf propalästinensischen Plattformen. Wir hatten uns weder zu Israel geäussert, noch ein Demonstrationsverbot gefordert. Trotzdem wurden wir Juden pauschal zu Sündenböcken gemacht.

Neue Dimension des Hasses

Brennende Israelfahnen, Schmierereien, böse Briefe, wüste Beschimpfungen am Telefon – wir kennen das beim SIG nur zu gut. Dass bei Eskalationen in Nahost der Ton gegenüber uns Juden aggressiver wird, daran haben wir uns fast schon gewöhnt – auch wenn wir uns fragen, warum dieser Konflikt so erregt, während der Krieg in Syrien trotz Hunderttausenden von Opfern kaum jemanden auf die Barrikaden treibt.

Der Hass hat jetzt neue Dimensionen erreicht. Anders als früher wurden wir nicht nur beschimpft. Es wurde zu Gewalt gegenüber den Juden in Zürich aufgerufen. Dutzendfach. Unverhohlen. Israelhasser und Antisemiten kündigten an, in Zürich den «Zionisten die Fresse zu polieren», die «Juden einzuschüchtern» oder sie zu «steinigen».

Beunruhigt und verunsichert

Mit den Bildern von Paris im Kopf, wo kürzlich zwei Synagogen von einem Mob attackiert worden waren, informierten wir die Polizei, hielten unsere Gemeinden zu Vorsicht an und machten die Drohungen öffentlich. Danach ging der Sturm erst richtig los. Eine Hasswelle schlug über uns zusammen, beleidigende und diffamierende Nachrichten erreichten uns im Minutentakt. Besorgte Jüdinnen und Juden fragten nach, ob sie am Wochenende zu Hause bleiben sollten: Es gab nämlich Gerüchte, dass die Demonstration in Wiedikon, wo die meisten religiösen Juden leben, stattfinden würde. In der jüdischen Gemeinschaft war die Verunsicherung gross. Nur mit Anstrengung gelang es uns, die Leute zu beruhigen.

Die befürchteten Übergriffe blieben zum Glück aus, es gab keine Ausschreitungen an der Kundgebung. Zurück bleiben Fragen. Zum Beispiel: Wer ist für diese Stimmungsmache verantwortlich? Wie ist es zu deuten, dass die meisten Bedroher und Beleidiger Namen tragen, die auf Wurzeln im Balkan, der Türkei und arabischen Ländern hinweisen? Oder dass die Mitorganisatorin der Demonstration, welche die eingangs zitierte E-Mail schickte, an einem vom Hilfswerk der Evangelischen Kirchen (Heks) finanzierten «Friedensprogramm» teilgenommen hat. Wie stellt sich das Heks dazu?

Entwarnung kann es keine geben. Der Hass in den Köpfen jener, die uns drohten, ist nach der Demonstration nicht plötzlich weg. Er geht nicht nur uns Schweizer Juden an. Politiker und religiöse Führer müssen Positionen dagegen beziehen, unsere Gesellschaft ihn als Ganzes bekämpfen. Neben all dem Hass tun die Zeichen der Solidarität und der Sympathie gut, die wir in den letzten Tagen und Wochen auch erhalten haben. Klar ist: Wir Schweizer Juden lassen uns nicht einschüchtern.

Herbert Winter ist Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds und Rechtsanwalt in Zürich. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.07.2014, 22:27 Uhr)

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