Blaufahrer: Jeder zweite Unfalltote stammt aus der Romandie

Romands verursachen besonders viele Alkoholunfälle – trotz mehr Präventionsgeldern für die Westschweiz. Das Wallis wehrt sich.

">Anteil Verkehrsunfälle unter Alkoholeinfluss 2011/2012.

Anteil Verkehrsunfälle unter Alkoholeinfluss 2011/2012.

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Kaum ein Schweizer Autobahnabschnitt verläuft so schnurgerade wie jener zwischen Martigny und Sitten. Fahrtechnisch ist die Strecke keine Herausforderung. In der Unfallstatistik fällt die Strasse trotzdem auf – weil sich hier Kollisionen häufen, bei denen die Lenker Alkohol im Blut haben. 2011 und 2012 testete die Walliser Kantonspolizei bei jedem sechsten Unfall einen Fahrer positiv auf Alkohol (0,5 Promille oder höher). Auf der Rhone-Schnellstrasse neben der Autobahn sieht es nicht besser aus: Dort ist es jeder Vierte. Das geht aus den Unfalldaten des Bundesamts für Strassen (Astra) hervor.

Zur interaktiven Unfallkarte

Generell rangiert das Wallis bei der Erhebung alkoholbedingter Unfälle schweizweit an der Spitze. Im Jahr 2012 war im Bergkanton bei jedem fünften Unfallverursacher der Promillegrenzwert überschritten.

Im Taxi zum Weinkeller

Im Wallis gibt man sich ob dieses Spitzenplatzes erstaunt. Es heisst, es habe sich in den letzten Jahren diesbezüglich enorm viel verbessert. Die 0,5-PromilleGrenze (seit 1. Januar 2005) habe die Leute sensibilisiert. Ein Winzer aus Chamoson, der nicht mit Namen genannt werden will, kennt aber die Tücken der Walliser Gemütlichkeit: «Zu einer fruchtbaren Diskussion gehört ein Gläschen Wein.» Manchmal dauern Diskussionen auch länger. Er fragt: «Wie soll ich Kunden Wein ausliefern, ohne nicht noch ein Gläschen mit ihnen zu trinken?» Das wurde ihm schon zum Verhängnis. Nach einer Auslieferung geriet er in eine Polizeikontrolle und war seinen Führerausweis nach einem Atemtest los. Er sagt: «Die Polizei kontrolliert heute systematisch samt Atemtests schon morgens um 8 Uhr.» Wenn Leute zu Degustationen kämen, hätten sie in der Regel einen Fahrer dabei oder kämen mit Zug und Taxi, so der Winzer.

Lenker, welche die Walliser Polizei dreimal betrunken am Steuer erwischte, können sich einer Therapie unterziehen, um ihren Führerausweis früher zurückzubekommen. Einige von ihnen tauchen bei der Suchtpräventionsstiftung «Sucht Wallis» auf. Bei Philippe Vouillamoz, Direktor für Beratung und Prävention, klagen Betroffene dann: «Dass mich die Polizei dreimal erwischt hat, ist einfach Pech.» Vouillamoz entgegnet jeweils: «Diese Ausrede gilt nach drei Malen sicher nicht mehr.» Gemäss dem Suchtspezialisten hat die Stiftung mit ihren Kampagnen in den letzten Jahren grosse Fortschritte erzielt. «Déguster la modération» (Probier masszuhalten) heisst der Slogan einer Aktion, an der auch Winzer teilnehmen. Qualität statt Quantität, dafür stünden heute auch die Weinbauern ein, so Vouillamoz.

Auch bei Ausweisentzug vorne

Die Auswertung aller Verkehrsunfälle des letzten Jahres zeigt: Romands verursachen mehr Unfälle in angetrunkenem Zustand als Deutschschweizer. Nach dem Wallis mit 21 Prozent liegen die Genfer mit 14 Prozent auf dem zweiten Platz, dahinter folgen die meisten anderen Westschweizer Kantone mit 10 bis 13 Prozent. Die Deutschschweizer Kantone liegen unter der 10-Prozent-Grenze – mit Ausnahme von Obwalden (11 Prozent). In dieses Bild passen auch die Zahlen zum Ausweisentzug: Der «Blick» wertete kürzlich aus, warum Lenker 2012 ihre Ausweise abgeben mussten. Beim Kriterium «Alkohol am Steuer» führen Waadt, Wallis und Tessin die Liste an, gefolgt von Freiburg, Neuenburg und Genf.

Weshalb gibt es so viele Alkoholunfälle in der Westschweiz? Trinken Romands generell mehr? Direkt überprüfen lässt sich das nicht. In der Schweiz gibt es keine nach Kanton aufgeschlüsselte Statistik über den Bier- und Weinkonsum. Es gibt aber indirekte Hinweise. Alle zwei Jahre befragt das Bundesamt für Statistik 6000 Schweizerinnen und Schweizer zu ihrem Fahrverhalten auf der Strasse. Eine Frage lautet: «Wie oft trinken Sie Alkohol?» 11,5 Prozent der Romands antworteten letztes Jahr: «Jeden Tag.» In der Deutschschweiz sind es rund halb so viele: 6,3 Prozent. Obenaus schiessen die Tessiner mit 18,1 Prozent.

Yvonne Achermann ist bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung Spezialistin für regionale Unterschiede. Sie sagt, es gebe beim Alkoholkonsum kulturelle Differenzen zwischen den Sprachregionen: «Romands und Tessiner haben ein anderes Verhältnis zum Alkohol als Deutschschweizer – sie trinken häufiger.» Dazu komme, dass viele Westschweizer die gesetzliche Promillegrenze falsch einschätzten. Die 2005 eingeführte Limite von 0,5 Promille ist in der Romandie zwar bekannter als in der Deutschschweiz. «Unsere Studien zeigen aber: Viele Romands glauben, die Grenze sei erst nach drei bis vier Gläsern Wein oder Bier erreicht.» Tatsächlich führen ein Deziliter Rotwein oder drei Deziliter Bier zu durchschnittlich 0,2– 0,3 Promille Blutalkohol.

Auch Daniel Müller, Generalsekretär des Blauen Kreuzes in der Romandie, sagt: Der Alkoholkonsum gehöre in der Romandie anders als in weiten Teilen der Deutschschweiz zur gesellschaftlichen Gewohnheit, gerade in Weinregionen wie der Waadt und dem Wallis. «Wir leben in einer lateinischen Kultur, die möglicherweise mit Limiten etwas anders umgeht als die germanische», so Müller. Es brauche eben Zeit, bis die Leute Gewohnheiten änderten.

Das Wallis wehrt sich

Die Kantonspolizei Wallis hält gegenüber dem TA fest, die Zahlen aus dem Wallis seien nicht mit anderen Kantonen vergleichbar. Die Kapo Wallis setze im Gegensatz zu anderen Kantonen bei allen Unfällen systematisch Alkoholtests ein. Alkohol am Steuer werde statistisch als Hauptursache des Unfalls erfasst, auch wenn noch nicht klar sei, welcher der Beteiligten daran schuld sei. Sowohl Alkoholunfälle wie auch die Zahl der Todesopfer seien seit Jahren rückläufig, die Sicherheit auf den Walliser Strassen sei gut – trotz der gebirgigen Topografie, schreibt Sprecher Jean-Marie Bornet.

Der TA filterte zusammen mit der Forschungsstelle Sotomo alle Unfälle aus der Astra-Datenbank heraus, bei denen die Polizei einen Atem- oder Bluttest anordnete – und das Testgerät mindestens 0,5 Promille anzeigte. Weil nicht alle Polizeien die Alkoholtests gleich konsequent einsetzen, beschränkte sich die Auswertung auf Unfälle, bei denen mindestens eine Person leicht verletzt wurde. «In solchen Fällen ist der Alkoholtest in der ganzen Schweiz Standard», sagt Reto Habermacher, Kommandant der Urner Kapo und Verantwortlicher für die Verkehrspolizeien bei der Konferenz der Polizeikommandanten.

Das Bundesamt für Strassen hat die Auswertung des TA nachgeprüft und die Zahlen bestätigt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 21.10.2013, 06:29 Uhr)

Weitere TA-Grafiken zur Unfallstatistik (klicken Sie das Bild an für eine grössere Ansicht).

Interaktive Unfallkarte

Zwischen Liestal und Basel provozieren Tempofahrer besonders häufig Unfälle. In Bern ist die Autobahneinfahrt Wankdorf der schlimmste Unfallbrennpunkt. In Biel krachte es 13-mal an unbewachten Bahnübergängen.

Resultate wie diese erhält, wer mit der interaktiven Unfallkarte durch das Strassennetz surft. Die Karte ist ein Projekt von «SonntagsZeitung», «Le Matin Dimanche» und TA und ist auf www.unfallkarte.tagesanzeiger.ch aufgeschaltet. Eingetragen sind 110 000 Verkehrsunfälle der Jahre 2011 und 2012. Damit ist es für jedermann möglich, das Unfallgeschehen in seiner Nachbarschaft oder an jedem anderen Ort der Schweiz zu überblicken.

Der TA publiziert unter derselben Adresse eine Artikelserie zum Thema. Heute Nachmittag wird ein Text zu Alkoholunfällen in Zürich aufgeschaltet, morgen geht es um Unfallschwerpunkte in der Stadt. (TA)

Der Promille-Graben: Die Ansicht von TA-Karrikaturist Felix Schaad (klicken Sie das Bild an für eine grössere Ansicht).

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