Blochers Anhänger war auch schon Hausbesetzer

Markus Somm soll NZZ-Chefredaktor werden. Er gilt als Sprachrohr von Christoph Blocher, hat in seinem Leben aber schon manchen Wandel vollzogen.

Markus Somm lässt sich gern von Vordenkern beeinflussen. Und noch lieber missioniert er selbst. Foto: Marc Welti (13 Photo)

Markus Somm lässt sich gern von Vordenkern beeinflussen. Und noch lieber missioniert er selbst. Foto: Marc Welti (13 Photo)

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Also doch. NZZ-Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod will Markus Somm zum Chefredaktor machen. Dies zumindest berichten die «SonntagsZeitung» und die «Schweiz am Sonntag» übereinstimmend. Sollten sie recht behalten und die Verwaltungsräte trotz ­aller ­Widerstände Somm zum Nachfolger von Markus Spillmann küren, stehen der NZZ turbulente Zeiten bevor. Denn Somm hat bereits bei der «Basler ­Zeitung» (BaZ) gezeigt, dass er seine ­Vorstellungen auch gegen massiven ­Widerstand durchzusetzen gedenkt.

Dabei weichen seine Vorstellungen zum Teil wesentlich von der heutigen Ausrichtung der NZZ ab. «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel spricht von «Freisinn blocherscher Prägung» und versucht so, den blocherschen SVP-Kurs in die Nähe der FDP zu rücken. Doch gesellschafts- und aussenpolitisch liegen Welten zwischen den beiden Positionen. Entsprechend gross ist der Widerstand gegen einen NZZ-Chefredaktor namens Markus Somm – sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Redaktion.

Somm gilt als Blochers Sprachrohr. Das ist wohl übertrieben. Aber es besteht kein Zweifel, dass Somm stark vom SVP-­Vordenker geprägt ist. Von jenem po­litischen Ausnahmetalent, über das er eine 500-seitige Biografie geschrieben hat. Kommt hinzu, dass Somm dem Milliardär viel zu verdanken hat. Ohne ihn wäre der 49-Jährige weder Chef­redaktor noch Verleger der «Basler Zeitung».

FDP-Mitglied ist er schon

Blocher ist aber nicht der Erste, der Somm beeinflusst hat. Immer wieder liess sich dieser von Vorbildern über­zeugen. Dadurch trieb es Somm gleich mehrfach von rechts nach links und wieder zurück. Aufgewachsen ist der Sohn von ABB-Chef Edwin Somm in einem ­liberalen Haus, in dem viel und durchaus kontrovers diskutiert wurde. Als 1980 in Zürich die Jugendunruhen ausbrachen, erfassten sie für kurze Zeit auch den Badener Gymischüler Somm. Mit seinem Bruder machte er bei der ­Besetzung einer alten Brauerei mit.

Noch in der Kantonsschule wurde Markus aber wieder konservativ, nachdem er entsprechende Bücher gelesen hatte. Auch diese Phase dauerte freilich nicht lange. Als Somm in München, ­Bielefeld und Zürich Geschichte studierte, riss es ihn erneut nach links, wie es damals unter Geschichtsstudenten Mode war.

Somm wurde Volontär beim «Tages-Anzeiger» und empfahl sich fürs Bundeshaus. Damals hatten die meisten TA-Bundeshauskorrespondenten, zu denen auch ich gehörte, ein eher gespanntes Verhältnis zu Christoph Blocher. Somm hingegen fand schnell einen guten Zugang. Und so schickten wir meist ihn, wenn wir vom SVP-Tribun etwas wissen wollten. Somm fädelte auch einen ganzseitigen Beitrag ein, in dem Blocher 2001 die Swissair-Krise nutzte, um mit dem «freisinnigen Wirtschaftsfilz» abzurechnen. Damit habe der SVP-Vordenker den Kampf gegen die FDP lanciert, mahnte gestern Felix E. Müller, Chef­redaktor der «NZZ am Sonntag».

Ewige Numer 2 bei der «Weltwoche»

Somm selbst drehte erst ein Jahr später nach rechts – als er an der Harvard University erneut von Konservativen geprägt wurde. Den Rest erledigte Roger Köppel, der ihn nach der Rückkehr in die Schweiz zur «Weltwoche» holte. Jetzt war Somm, der zuvor vehement gegen Steuerreduktionen für Hauseigentümer, Börse und reiche Familien kämpfte, plötzlich dafür. Was sagt er zu seinem Hin und Her? Für dieses Porträt war Somm nicht erreichbar. In einem Interview mit Roger Schawinski antwortete er diesen Sommer aber mit Wolf Biermann: «Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.»

Bei der «Weltwoche» blieb Somm jedoch stets die Nummer 2 – auch als Roger Köppel vorübergehend zur «Welt» nach Deutschland zog. Das muss den Ehr­geizigen gewurmt haben. Ihn, der schon als Jungjournalist keinen Hehl daraus machte, dass er Chefredaktor werden möchte – am liebsten bei der NZZ.

Der Verleger, der lieber Chefredaktor wäre

Blocher verschaffte ihm dann doch noch einen Redaktionsleiter-Posten – wenn auch in Basel, dem zweitlinksten Kanton der Schweiz (hinter Neuenburg). Obwohl die «Basler Zeitung» Personal abbauen musste, legte sie unter Somm publizistisch deutlich zu. Doch die Zahl der verkauften Abos rasselte in den ­Keller. Rund ein Drittel des Publikums verabschiedete sich. Bei jeder anderen Zeitung hätte der Chefredaktor gehen müssen, doch Somm wurde von Blocher zum Verleger befördert.

Dies führt nun zur eigenartigen Situation, dass der BaZ-Verleger gerne Chefredaktor der NZZ würde. Das Parteibüchlein hingegen ist kein Problem: Somm ist – wie bei der NZZ geboten – FDP-Mitglied. Auch der Wohnort stimmt: Somm ist selbst als BaZ-Chef mit seiner Familie in der Region Zürich geblieben.

Ungemein starke Nerven

Wechselt er nun zur NZZ, gewinnt diese einen brillanten Schreiber und inspi­rierenden Debattierer. Einen, der gerne streitet und den Widerspruch sucht. Doch in der Regel ist für Somm am Ende klar, wer recht hat: er.

Der BaZ-Chef lässt eben nicht nur sich beeinflussen. Noch lieber beeinflusst er andere. Und er tut dies mit Humor, Charme und Selbstironie. Das macht ihn zu einem spannenden Gesprächspartner. Als begnadeter Organisator ist Somm hingegen nicht aufgefallen. Vielmehr neigt er zum Chaotischen und zur Improvisation.

Das ist ihm aber bewusst, weshalb er sich mit Leuten umgibt, die diese Schwäche kompensieren. Auch was den Auftritt im Internet ­betrifft, bräuchte Somm bei der NZZ wohl Verstärkung. Er ist ein Meister des ­gedruckten Worts. Als Digitalcrack, den die NZZ offenbar (ebenfalls) sucht, geht er nicht durch. Somm hat nicht ­einmal einen Twitter-Account.

Dafür hat er ungemein starke Nerven. Selbst im grössten Chaos und unter grossem Druck bewahrt der Vater von fünf Kindern die Ruhe. Das kommt ihm ­gewiss entgegen, wenn er demnächst die NZZ umkrempeln sollte. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.12.2014, 22:49 Uhr)

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