Gewalt im Grünen

Eine neue Generation von Hooligans mischt die Basler Szene auf. Hinter dem Rücken von Polizei und Öffentlichkeit organisieren die jungen Männer der «Bande Basel» illegale Schlachten in ganz Europa – nicht vor dem Stadion, sondern im Grünen. «Feld/Wald/Wiese» heisst ihre Kampfzone.

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Sonnenstrahlen fallen sanft auf einen Waldweg. Marc* hört Vögel pfeifen, den schnellen Atem eines Kollegen und das Knirschen unter den Schuhen. Im Rücken spürt er die Kraft der Gruppe. Sein Blickfeld verengt sich, als fahre er in einen Tunnel. Er fixiert die jungen Männer, die langsam näherkommen. An den Kampf selber wird sich Marc später kaum mehr erinnern, «blackout», wie er sagt. Er weiss nur, dass es sekundenschnell ging, bis die Hooligans aus Frankreich am Boden lagen. 25 gegen 25, keine Tricks, keine Waffen. Die «Bande Basel» hat gewonnen.

Gepflegtes Aussehen

Die Schlägerei ereignete sich vor zwei Monaten, kurz vor der Euro 2008, zwei Autostunden von Basel entfernt. «Die hatten keine Chance», sagt Marc. Er sitzt mit zwei weiteren radikalen FC-Basel-Fans in einer Basler Beiz. Den Blick auf die Tischplatte gesenkt fährt er mit dem Daumen den Maserungen im Holz nach. Marc ist wortkarg, raucht eine Zigarette nach der anderen. Ein schwerer Mann. Mit seinen kurzen Haaren und den tätowierten Unterarmen entspricht der 24-Jährige in etwa dem landläufigen Klischee eines Hooligans. Gian* und Patrick* fallen weniger auf. Ihre Köpfe wirken klein auf den breiten Schultern, über der Brust spannt sich der Stoff des T-Shirts.

Gian lehnt sich zurück, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und erklärt: «Wir Basler Hooligans sind keine Randständigen.» Einer ist Arzt, ein anderer Jurist. Einige jobben in der Region als Securitys, alle arbeiten oder studieren. Und alle trainieren im Fitnessstudio oder im Boxring – ausser Marc, der sei ein «Naturtalent». Gepflegtes Auftreten ist der «Bande Basel» wichtig. Bomberjacken sind nicht ihr Ding, dann schon eher Armani-Tops. Von rechtsradikalen Gruppierungen distanzieren sie sich: Politik gehöre nicht ins Stadion, sagt Marc. In ihren Reihen kämpfen Schweizer neben Ausländern. Was sie verbindet, ist die Liebe zum FCB – sie schauen jedes Spiel, wenn immer möglich im Stadion – und das Streben nach Gewalt.

«Wir sind keine Psychos. Wir machen das nicht, weil wir Defizite haben», sagt Patrick. Doch wieso prügeln sich die drei jungen Männer seit gut fünf Jahren regelmässig mit gegnerischen Hooligans? Weshalb riskieren sie ihre Gesundheit, ihr Leben – und das der anderen? Wegen dem «Kick», dem «Adrenalin», dieses Gefühl im Kampf mache süchtig, sagt Marc. Und wegen der «Bruderschaft». «Besser als mit zwei Frauen gleichzeitig Sex», ergänzt Patrick. «Für mich ist es ein Sport», fällt ihm Gian ins Wort. Ein Extremsport mit Regeln, dem sogenannten Ehrenkodex: «Richtige» Hooligans kämpften nur gegen Gleichgesinnte, ohne Waffen, ohne Sachbeschädigung. Und wenn einer am Boden liege, werde er in Ruhe gelassen.

Keine Drogen

Die «Bande Basel» zählt rund 40 Männer. Sie ist hierarchisch strukturiert, die Soldaten sind alle zwischen 20 und 30, ihre Anführer, «die Alten» sind zwischen 30 und 40. Diese ziehen sich zunehmend zurück und übergeben immer mehr Verantwortung an Gian und andere. Im Gegensatz zu den 90er Jahren dulden die Basler «Hools» vor den Fights keine Drogen und keinen Alkohol mehr. «Wer verladen kämpft, verliert. Wenn einer verkokst kommt, kriegt er von uns eine geschmiert», sagt Gian.

Das grösste Problem der Basler Hooligans ist ihr Image. Der Volksmund differenziere zu wenig. Wenn irgendein Idiot nach dem Match eine Scheibe einschlage, heisse es: Das war ein Hooligan. Wenn ein Besoffener einen Unbeteiligten angreife: Hooligan. Wenn einer im Stadion eine Fackel anzünde: Hooligan. Doch die «Bande Basel» sagt von sich: Der FCB ist unser Leben, aber wir schmuggeln keine Feuerwerkskörper ins Joggeli. Für Fackeln, Fan-Gesänge und Choreografien seien die Ultras zuständig. Die «Hools» würden unauffällig im Stadion sitzen und sich ruhig verhalten. Die Beziehung zur Polizei sei gut, versichert Gian: «Wir haben null Bock, gegen die Bullen zu prügeln. Wir suchen Gleichgesinnte.» Vor dem Stadion oder im Wald. Patricks Handy piepst. Er lacht und liest das SMS laut vor: «Hallo Knastbruder». Patrick musste unlängst nach einem Spiel des FC Basel für mehrere Stunden ins Gefängnis. Die Polizei hatte von der geplanten Schlägerei Wind gekriegt und Patrick wurde abgeführt. «Das war Scheisse. Jetzt bin ich auf Bewährung.» Marc hat momentan in der ganzen Schweiz Stadionverbot. Wie 320 andere Personen ist er in der Schweizer Hooligan-Datenbank registriert. Die Männer der «Bande Basel» sind es Leid, ihre guten Jobs oder ihre Karriere aufs Spiel zu setzten. Deshalb suchen sie den Kampf am liebsten in der freien Natur: «Feld/Wald/Wiese», wie es in der Szene heisst.

Telefon lief heiss

Meist kämpft die Bande Basel gegen deutsche Fussball-Hooligans. In Berlin, Dresden, Leipzig und Chemnitz seien die stärksten Hooligans zu Hause. Aber auch mit Hooligans aus Russland oder Österreich waren sie schon zum «Feld/Wald/Wiese» verabredet. Normalerweise veranstaltet die «Bande Basel» alle zwei, drei Monate einen Kampf – im Sommer noch häufiger. Im Vorfeld der Euro 2008 gab es aber bis auf das Treffen mit den Franzosen keine Schlachten. Zwar lief Gians Telefon heiss, es seien Anfragen aus Holland und Russland gekommen, aber er habe alles abgesagt. «Die wollten alle «Old-School-Kämpfe», also in der Stadt. Das war uns aber zu riskant.» Einzig die Franzosen liessen sich auf ein «Feld/Wald/Wiese» ein.

Potenzielle Schweizer Hooligans haben einen Warnbrief von der Polizei erhalten, in dem stand, dass keine Gewalttaten toleriert werden. Die Polizei war überall präsent und legte die Hooligan-Szene lahm. Die «Bande Basel» wurde auch mehrere Male für Interviews angefragt, aber niemand gab Auskunft. «Wir haben seit Jahren nicht mehr mit den Medien geredet», sagt Gian. Die «Bande Basel» macht sich rar. Wer sie treffen will, muss sich auf abenteuerliche Verabredungen und spontane Terminverschiebungen einlassen. Nach dem ersten Treffen kam ein SMS von Marc: «Chum vergiss es, probier die glück bii dä zürcher odr so!!» Zwei Monate und zahlreiche SMS und Telefonate später hat es doch noch geklappt.

Verschiebung

Weil das Sicherheitsdispositiv in den Stadien immer professioneller gehandhabt wird, verlagert sich der Hooliganismus zusehends vom Stadion weg in Aussenquartiere und auf Raststätten – bestes Beispiel dafür ist England – oder in die Wälder. Wieso sich Gewalt gerade im Umfeld des Fussballs entlädt, könnte in der Geschichte der Sportart liegen. Im Mittelalter gab es im Fussball keine Trennung zwischen Spielern und Publikum. Beide waren gleichermassen aktiv. Zwei englische Dörfer versuchten sich gegenseitig einen Ball ins Stadttor zu schiessen. Die Spiele waren derart chaotisch und brutal, dass Krone und Kirche sie mehrere Male verboten. Erst 1848 verfassten Studenten der Universität Cambridge die ersten Fussballregeln. Danach bestand eine Mannschaft aus 15 bis 20 Spielern. Die anderen mussten zuschauen, wurden zur Passivität verdammt. Die Bande Basel mag dieser Rolle nicht entsprechen. Das ist keine Entschuldigung, aber eine mögliche Erklärung.

Das «Date» gegen die französischen Hooligans vor zwei Monaten hat Gian organisiert. Der 22-jährige Student hat mit den Franzosen telefoniert und mit Hilfe des Internets das Gelände bestimmt, abgeklärt, wo das nächste Spital ist und der nächste Polizeiposten. Die «Ackertruppe»-Hooligans, wie sie sich selber nennen, treffen sich jeweils auf halbem Weg. Bis am Morgen vor der Abfahrt wusste einzig Gian, wo es hingeht. Der Ort muss geheim bleiben, damit die Polizei nichts erfährt. Im Auto-Konvoi fuhren die Basler zu einer Autobahnraststätte, wo sie die Franzosen trafen. «Wir checken kurz, ob alles fair läuft, ob wir gleich viele sind und niemand Waffen dabei hat», sagt Gian. Zahnschutz, Genitalschutz und dünne Handschuhe sind erlaubt. Mehr nicht. Die Kämpfe dauern meist nur einige Sekunden, höchstens ein paar Minuten. Die «Hools» boxen, kicken, ringen Mann gegen Mann oder auch mehrere gegen einen. Wenn alle Gegner am Boden liegen oder davonrennen, hat man gewonnen.

Blut fliesst immer, ein blaues Auge, eine Zerrung, kleinere Brüche, Platzwunden oder ein abgebrochener Zahn ist alles schon vorgekommen. «Manche liegen am Boden und heulen», sagt Marc. Schlimme Verletzungen gab es bisher keine. Doch ausschliessen kann man nichts: «In Rotterdam ist mal einer gestorben.» Trotzdem geben sich die Gegner nach dem Kampf meist die Hand, mit einigen sind die Basler gar befreundet – nicht aber mit den Zürchern.

Hass

«Wenn ich im Zug sitze und aus dem Lautsprecher tönt es: «Meine Damen und Herren, wir treffen in Zürich ein», dann läuft es mir kalt den Rücken runter.» Marc hasst Zürich. Mit den Zürcher Hooligans – «K4», «City Boys», «Hardturm-Front» oder neuerdings «Zürich United» – sei zu viel «Scheisse» passiert, der Ehrenkodex wurde mehrere Male nicht eingehalten. Aber eines ist für den Lokalpatrioten klar: «Basel über alles.»

Gian und Marc beugen sich über die Bilder der letzten Schlacht. Meist kommt jemand mit, der filmt und Fotos schiesst. Später wird das Material analysiert, Taktiken werden ausgearbeitet, Strategien evaluiert. «Schau dir das an, die bilden keine Einheit.» Tatsächlich ist auf den Fotos zu sehen, wie die Basler einer Wand gleich aufmarschieren und sich die Franzosen verzetteln. Auf dem nächsten Bild sind die Körper ineinander verkeilt, einige liegen am Boden. Gian verschränkt die Arme vor der Brust: «Ausser in Ostdeutschland finden wir kaum noch Gegner.» Der Respekt vor Basel sei zu gross. Nach dem Kampf in Frankreich habe der «Korrespondent» aus Paris angerufen und einen geplanten Kampf abgesagt. «Frankreich ist für uns gestorben.»

Rausch

Es gebe in der Natur und im Menschen eine Bewegung, die unablässig über die Grenzen hinausdrängt und die immer nur teilweise eingedämmt werden kann, versuchte der Philosoph Georges Bataille das Streben nach Gewalt zu erklären. Marc, Gian und Patrick sind vordergründig bestens in die Gesellschaft integriert, sie haben ein geregeltes Leben, Freundinnen, einen guten Job. Doch das genügt ihnen nicht. Sie suchen den Rausch der Gewalt, diesen Moment, wo das Bewusstsein aussetzt. Ist das nur eine Phase im Leben der jungen Männer, eine Zeit, in der sie «die Hörner abstossen» oder ist es etwas Grundlegenderes, etwas Immanentes, das sie nicht kontrollieren können, nicht kontrollieren wollen? «Das Gründen einer Familie wäre ein Grund aufzuhören», sagt Marc. «Wäre, muss aber nicht», fügt Gian hinzu.

* Die Namen der drei Hooligans wurden geändert. Die «Bande Basel» machte zur Bedingung, dass die Fussballklubs und Städte der gegnerischen Hooligans nicht genannt werden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.08.2008, 11:29 Uhr

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