Bund verheimlichte Atomfabrik

Laut eines Zeitungsberichtes will die Nagra an einem möglichen Standort für ein Lager auch gleich eine «heisse Zelle» bauen. Die Erkenntnis sorgt für rote Köpfe und wirft Fragen auf.

In der Schweiz ist der Standort für ein Atom-Endlager umstritten: Atom-Lager im deutschen Morsleben.

In der Schweiz ist der Standort für ein Atom-Endlager umstritten: Atom-Lager im deutschen Morsleben. Bild: Keystone

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Auf der Suche nach einem Tiefenlager für radioaktive Abfälle hat der Bund gegenüber der Öffentlichkeit bisher ein brisantes Thema verheimlicht. Das schreibt die «SonntagsZeitung».

Das Bundesamt für Energie und die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) planen am Entsorgungsplatz in der Schweiz eine sogenannte «heisse Zelle». Das ist ein Hochsicherheitsgebäude, in dem stark radioaktive Brennelemente verarbeitet und in Endlagerbehälter verschweisst werden sollen. Bisher war bloss von einer Verpackungsanlage die Rede gewesen.

Strahlensicheres Spezialgebäude

Der Plan sieht gemäss der «SonntagsZeitung» so aus, dass Brennelemente per Bahn in sogenannten Castorbehältern angeliefert würden. Die soliden Behälter eignen sich zwar für Transport des strahlenden Materials, für die Lagerung sind sie jedoch zu schwer.

Im künftigen Lager müsste der radioaktive Müll deshalb in kleinere Container verpackt werden. Diese Arbeit würde dann von Robotern in einem Hochsicherheitsgebäude ausgeführt werden. Ein solcher Trakt muss streng bewacht werden, komplett strahlensicher und gegen Terroranschläge geschützt sein, hebt die Zeitung hervor.

Gegenüber der «SonntagsZeitung» bestätigte die Nagra den Plan. Die Anlage werde analog zum Zwischenlager in Würenlingen «als heisse Zelle ausgelegt werden – vermutlich aber grösser», so Nagra-Sprecher Heinz Sager.

Die Politik ist überrascht

Vertreter und Bürger der möglichen Standortgebiete sind überrascht. «Die Bevölkerung geht davon aus, dass der radioaktive Abfall bereits fertig verpackt im Lager ankommt und dort sogleich in den Untergrund verfrachtet wird», sagt die Schaffhauser SP-Kantonsrätin Martina Munz gegenüber der «SonntagsZeitung».

Eine solche Anlage berge ein viel höheres Gefahrenpotenzial als ein Aufbewahrungsort für Abfälle, wie dies die Nagra bisher dargestellt habe, so Munz gegenüber der Zeitung.

«Für uns ist neu, dass es eine Nuklearanlage geben wird», sagt die Schaffhauser Regierungsrätin Ursula Hafner-Wipf. Auch der grüne Konstanzer Landtagsabgeordnete Siegfried Lehmann staunt: «Ich bin seit Jahren als Vertreter auf der deutschen Seite in diesen Prozess der Lagersuche involviert. Von einer oberirdischen nuklearen Anlage wusste ich nichts.»

Fragen müssen auf den Tisch

Die Frage bleibt, wie es möglich ist, dass die Nagra die Öffentlichkeit bisher nicht im Detail über diese hochsensible Anlage informiert hat. Walter Wildi, Professor für Geologie an der Universität Genf sagt gegenüber der «SonntagsZeitung»: «Dieser Frage sind die Behörden und die Nagra bisher immer ausgewichen.»

Doch jetzt müssten die Fragen auf den Tisch. «Es ist wichtig für die Bevölkerung zu wissen, dass sie nicht einfach einen Bahnhof als Umladestation erhält, sondern eine Kernanlage». so der ehemalige Präsident er Kommission für die Sicherheit von Kernanlagen.

Denn, vieles muss noch geklärt werden, schreibt die «SonntagsZeitung». Zum Beispiel die Frage, wie gross die Distanz einer solchen Anlage zu Wohnhäusern und Schulen haben muss, oder ob sie in einem Gebiet liegen darf, unter dem es Trinkwasservorkommen gibt.

Deutschland zeigt sich überrascht

Es sei möglich, dass bisher zu wenig verständlich informiert wurde, sagt das Bundesamt für Energie zu den Recherchen der Zeitung. «Wir werden Lehren daraus ziehen», sagt der zuständige Chefbeamte Michael Aebersold.

Unterdessen bittet der Baden-Württembergische Umweltminister Franz Untersteller Bundesrätin Doris Leuthard schriftlich um einen Termin, um die Fragen zum Tiefenlager zu besprechen. Zudem verlangt der grüne Minister, dass nicht nur deutsche Bürger im Umkreis von 5 Kilometern, sondern von 30 Kilometern bei der Standortsuche mitreden dürfen. (pbe)

(Erstellt: 17.07.2011, 07:29 Uhr)

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