Bund wirbt mit viel zu hohen Sterbezahlen fürs Impfen

Die Grippe verursache jährlich «bis zu 1500» Todesfälle, sagt der Bund. Doch diese Zahl ist unbegründet.

Umstrittene Grippegefahr: Eine Pflegeefachfrau impft einen Patienten in Münsterlingen gegen Schweinegrippe. (9. November 2009)

Umstrittene Grippegefahr: Eine Pflegeefachfrau impft einen Patienten in Münsterlingen gegen Schweinegrippe. (9. November 2009) Bild: Keystone

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Die Grippeimpfung ist ein Millionengeschäft. Ärzte, Apotheken, die Pharmaindustrie – viele verdienen damit schönes Geld. Und jedes Jahr startet das Bundesamt für Gesundheit (BAG) eine aufwendige Impfkampagne, die von Kantonen, Gemeinden, Gesundheitsorganisationen und medizinischen Leistungsanbietern bis in den letzten Winkel der Schweiz getragen wird.

Zur Botschaft ans Volk gehören immer wieder die gleichen Schreckenszahlen: 100 000 bis 250 000 Menschen gingen jedes Jahr wegen der Grippe zur Ärztin oder zum Arzt, 1000 bis 5000 müssten ins Spital. Die saisonale Grippe sei auch für «bis zu 1500 Sterbefälle» verantwortlich, heisst es auch ­dieses Jahr in Prospekten, Medien­beiträgen und Onlineportalen. Dass diese oder ähnliche Zahlen seit Jahren immer wieder proklamiert werden, macht sie jedoch nicht glaubwürdiger oder verlässlicher. Es sind nur Schätzungen.

Zahl der Grippe-Toten unbekannt

Mit den «bis zu 1500 Sterbefällen» könne das BAG zwar Angst schüren, sagt Beda Stadler, Professor für Immunologie an der Universität Bern. Aber wissenschaftlich begründen lasse sich diese Zahl nicht. «Wie viele Menschen wirklich an Influenza sterben, ist nicht bekannt.» Das Bundesamt für Statistik weist für das Jahr 2010 ganze drei Grippe-Tote aus; 2009 waren es 69 und das Jahr zuvor 18 (siehe Grafik).

Die Marke von 1000 registrierten Grippe-Opfern wurde letztmals 1990 überschritten. Diese Zahlen, sagt Daniel Koch vom BAG, zeigten jene Todesfälle, für die eine Grippe diagnostiziert und als Todesursache aufgeführt worden sei. Tatsächlich seien aber mehr Leute an der Grippe gestorben. Das BAG schätzt die Sterbefälle aufgrund eines internationalen statistischen Verfahrens. Dabei wird berechnet, wie viele Menschen ab Alter 60 während einer Grippewelle sterben. Diese Zahl wird einer allgemein erwarteten Sterb­lichkeit dieser Personengruppe gegenübergestellt. Die Differenz, also die zusätzlichen Toten, wird als Übersterblichkeit bezeichnet und der Grippe zugeordnet.

Keine aktuellen Schätzungen

Die letzte Mortalitätsstudie stammt von 2006 mit Daten der Jahre 1969 bis 1999. Sie weist für diesen Zeitraum jährlich durchschnittlich 830 Grippe-Tote aus. Das entspricht etwa dem Zweifachen der offiziell gemeldeten Influenza-Opfer. Neuere Schätzungen gibt es nicht. Würde das Verfahren aber auf die neusten effektiven Sterbezahlen des Bundesamtes für Statistik ange­wendet, kämen bedeutend tiefere Schätzungen heraus.

Für 2010 müssten rund sechs Grippe-Tote geschätzt werden, 140 für 2009 und etwa 36 Tote für 2008. Von «bis zu 1500 Sterbefällen» – wie vom BAG verkündet – kann also keine Rede sein. Diese hohe Zahl lässt sich für die Senioren ab 60 erst wieder in der Grippesaison 1989/1990 feststellen. Damals wurden 2363 Todesfälle geschätzt, die der Grippe zugeordnet wurden. Für Stadler sind diese Zahlen keine seriösen Werte. Es gebe etwa 200 verschiedene Erreger für grippale Infektionen, sagt er. «Wenn während der Grippe-Zeit nun mehr Menschen sterben – wie will man da feststellen, ob wirklich das Influenza- Virus die Ursache dafür war?»

Es geht um die Lebensqualität

Daniel Koch vom BAG relativiert die Schätzung von «bis zu 1500 Sterbefällen». Das BAG wolle mit der Grippe-Impfung nicht in erster Linie Todesfälle verhindern. Sie soll die Leute vor Komplikationen bei einer Grippe-Erkrankung schützen. «Sie sollen informiert sein, dass eine Grippe schwer verlaufen kann.» Wer im Alter noch eine hohe Lebensqualität hat, soll diese durch eine schwere Influenza nicht verlieren.

Die Grippe dürfe nicht verharmlost werden, betont das BAG. Die publizierten Todeszahlen sind jedoch wenig geeignet, das Volk zum Impfen zu bewegen. Nur gerade 42 Prozent der Risikogruppen wie Säuglinge, Schwangere oder ältere Menschen lassen sich impfen, obwohl der Bund bis Ende dieses Jahres 75 Prozent anvisiert. Beim Pflegepersonal sind es nur 22 Prozent trotz eines Zielwertes von 50 Prozent.

Stadler vermutet, dass das BAG deshalb immer wieder mit den hohen Sterbezahlen kommt, weil es von den schlechten Ergebnissen der Impfkampagnen frustriert sei. Für ihn ist klar: Der Aufwand für das Impfen sei viel zu gross, wenn man bedenke, dass sich nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung impfen lassen. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 09.11.2012, 12:28 Uhr)

Registrierte Grippe-Todesfälle in der Schweiz.
Zum Vergrössern auf Bild klicken. (Bild: BaZ-Grafik)

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