Bundesrat gleist Gentests an Embryos auf

Erblich vorbelasteten Paaren soll es erlaubt sein, bei einer künstlichen Befruchtung die Embryos genetisch untersuchen zu lassen. Ebenfalls sollen künftig Embryos aufbewahrt werden. Jedoch mit Einschränkungen.

Genetische Untersuchungen an Embryos sollen bald auch in der Schweiz erlaubt sein: Proben von menschlichem Genmaterial in einem Labor in München. (23. Mai 2011)

Genetische Untersuchungen an Embryos sollen bald auch in der Schweiz erlaubt sein: Proben von menschlichem Genmaterial in einem Labor in München. (23. Mai 2011) Bild: Reuters

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Der Bundesrat will die Präimplantationsdiagnostik in engen Grenzen zulassen. Für Paare mit einer Familiengeschichte mit Erbkrankheiten ist das Kinderkriegen mit Risiken behaftet, da das Kind mit höherer Wahrscheinlichkeit unter einer schweren Erbkrankheit leidet.

Die künstliche Befruchtung mit vorgängiger Untersuchung des Embryos bietet Abhilfe, indem ein Embryo ohne Erbkrankheit ausgewählt werden kann. Ethisch ist das heute verbotene Verfahren hochumstritten, weil Nachkommen mit bestimmten Eigenschaften explizit ausgewählt werden.

Bis zu 100 Paare jährlich

Der Bundesrat will die Präimplantationsdiagnostik (PID) wie vor einem Jahr angekündigt nun erblich vorbelasteten Paaren ermöglichen. Am Mittwoch leitete er die entsprechende Botschaft an das Parlament. Pro Jahr dürften nach Schätzungen des Bundesrates 50 bis 100 Paare die PID nutzen.

Die Möglichkeiten der PID gehen weit über die Untersuchung nach Erbkrankheiten hinaus. Diese Anwendungen bleiben aber ausgeschlossen und werden unter Strafe gestellt. Nicht erlaubt ist es zum Beispiel, das Geschlecht eines Babys auszuwählen, den Embryo auf Trisomie 21 zu testen oder ein Kind mit bestimmten Gewebeeigenschaften «zu züchten», das dann einem kranken Geschwister helfen kann.

Weniger Mehrlingsschwangerschaften

Da die Änderungen eine Lockerung des Fortpflanzungsmedizin-Artikels in der Bundesverfassung bedingen, wird das Volk entscheiden. Nebst der Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) will der Bundesrat auch erlauben, Embryos aufzubewahren. Betroffen davon könnten jährlich tausende Paare sein. Die Zahl von Mehrlingsschwangerschaften bei der künstlichen Befruchtung dürfte sinken.

Heute müssen alle lebensfähigen Embryos der Mutter bei der künstlichen Befruchtung eingesetzt werden. Da pro Behandlungszyklus bis zu drei Embryos aus Eizelle und Spermium entwickelt werden dürfen (Dreier-Regel), kommt es häufig zu Zwillings- und Drillingsschwangerschaften.

Eingefrorene Embryos nur für Fortpflanzung

Unter anderem um diese zu verhindern - Mehrlingsschwangerschaften bergen Risiken für Mutter und Kind -, will der Bundesrat die Regelung lockern, wie er mitteilte. Von den drei entwickelten Embryos könnte einer sofort eingesetzt und zwei weitere für einen späteren Versuch aufbewahrt werden. Das ist heute nicht erlaubt.

Eingefroren und später verwendet werden dürfen Embryos allerdings nur zu Fortpflanzungszwecken. Wie Ei- und Samenzellen sowie befruchtete Eizellen sollen Embryos fünf Jahre konserviert werden dürfen - mit der Möglichkeit, die Frist einmal um fünf Jahre zu verlängern.

Was übernimmt die Versicherung?

Die Aufbewahrung will der Bundesrat auch im Zusammenhang mit der PID erlauben. Da dabei bis zu acht Embryos entwickelt werden dürfen, könnte es zu Schwangerschaften mit noch mehr als drei Föten kommen.

Geprüft werden soll laut der Botschaft auch, ob die obligatorische Krankenversicherung die Kosten für die in-vitro-Befruchtung, aber auch für die PID übernehmen soll. Die Kommission für allgemeine Leistungen und Grundsatzfragen wird eine Empfehlung abgeben müssen. Bei einem PID-Verfahren fallen Kosten von 10'000 bis 20'000 Franken an.

Diskussion im Parlament absehbar

Die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik dürfte im Parlament eine emotionale Diskussion auslösen. In der Vernehmlassung hatte sich einzig die SVP ohne Abstriche hinter die Vorlage gestellt. Die CVP will am Verbot festhalten. Sie äusserte wie kirchliche Kreise die Befürchtung, Gentests am Embryo könnte für die Wahl gewünschter Merkmale beim Kind missbraucht werden. Aus Sicht von SP und FDP geht die vorgeschlagene Lockerung dagegen zu wenig weit.

Dieselbe Position vertritt die Ärzteverbindung FMH. Alle hätten es gerne gesehen, wenn bei Embryonen künftig auch Tests auf Trisomie 21 möglich gewesen wären. Solche Tests sind während der Schwangerschaft heute bereits möglich. Damit erfahre ein Embryo bei der künstlichen Befruchtung weiterhin einen weitaus grösseren Schutz als der Fötus mit abgeschlossener Organentwicklung, hielt die FMH fest.

Erfreut zeigte sich am Freitag die Schweizerische Gesellschaft für Cystische Fibrose. Die vorgeschlagene Verfassungsänderung stelle einen grossen Fortschritt für Personen mit einer genetischen Veranlagung für schwere Erbkrankheiten dar, sagte Direktor Thomas Zurkinden. (rub/sda)

(Erstellt: 07.06.2013, 13:52 Uhr)

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