«Burkhalter hat Zugang zum Kreml»

Laut Russland-Kenner Walter Fetscherin kann die Schweiz im Konflikt des Westens mit Russland vermitteln.

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Wie werden die neuen westlichen Sanktionen in Russland aufgenommen?
Die verhängten Sanktionen werden als Angriff gegen ganz Russland betrachtet – auch wenn die ganze Welt sagt, sie seien gegen Wladimir Putin gerichtet. Sicher gibt es auch Kräfte und Kreise, die der Ansicht sind, Putin und seine Regierung seien im Unrecht. In letzter Zeit haben sich aber auffallend viele Gegner Putins zu seinen Gunsten geäussert. Das ist eine typisch russische Reaktion, die auf einer unterschiedlichen Mentalität beruht.

Zeigt sich das in den russischen Reaktionen?
Bis zu einem gewissen Grad schon. Solange die Sanktionen nur gewisse vermögende Leute, Leute aus dem direkten Umfeld Putins treffen, dann machen diese Sinn. Die neuen Sanktionen hingegen treffen verschiedene Wirtschaftsbereiche. Der Westen hofft, dies könnte Widerstand hervorrufen. Ich fürchte, das Gegenteil wird eintreffen.

Woran machen Sie das fest?
Ich habe viele Reaktionen vernommen, die sagen: Wir sind uns Krisen gewohnt, nun kommt eine weitere, die geht auch vorüber. Die Mentalität ist fatalistischer als im Westen.

Können die westlichen Sanktionen überhaup etwas bewirken?
Ich habe meine Zweifel. Allenfalls mittelfristig könnten sie einen Teil der russischen Wirtschaft zerrütten, weil irgendwann die finanziellen Mittel ausgehen werden. Hier stellt sich die Frage, ob dies erstrebenswert ist.

Wie meinen Sie das?
Wollen wir tatsächlich Russland derart destabilisieren, dass es künftig auch uns viel mehr Probleme bietet als heute? Ein anderer Standpunkt, den gewisse Leute in Russland ebenfalls vertreten: Nun ist endlich der Druck vorhanden, unsere Wirtschaft zu reformieren. Wir haben jetzt die Chance, jene Industrien zu entwickeln, die so lange vernachlässigt wurden, weil die Energie- und Rohstoffsektor so erfolgreich war. Und weil man entsprechende Güter einfach aus dem Westen importieren konnte.

Das heisst, die Sanktionen werden sogar als Chance angesehen?
Das ist teilweise der Fall. Klar: Niemand weiss, wie die Eskalation weitergeht. Es ist aber nicht auszuschliessen, dass die Sanktionen innerhalb Russlands positive Entwicklungen auslösen – die nicht unbedingt im ursprünglichen Sinne des Westens waren. Und der westlichen Wirtschaft sogar zum Nachteil geraten könnten.

Zum Beispiel?
Derzeit fliessen sehr viele Finanzmittel nach Russland zurück. Zahlreiche Personen, die nichts mit den Konflikt zu tun haben, fürchten nun dass ihr Geld im Westen nicht mehr sicher ist, falls weitere Sanktionen hinzukommen. Ganze Fonds werden aufgelöst, weil sich russische Investoren zurückziehen.

Wie steht die russische Wirtschaft zu Putin? Gibt es tatsächlich Kritik an seiner Person und seinem Vorgehen?
Da steckt auch ein bisschen Wunschdenken dahinter, denn das ist ja eine der Absichten hinter den Sanktionen. Ich bin nicht sicher, ob das tatsächlich passiert – oder passieren wird. Eine gemeinsame Aktion der Wirtschaft gegen Putin kann ich mir unter den derzeitigen Umständen eigentlich nicht vorstellen. Dazu hat der Staat die Wirtschaft zu gut unter Kontrolle.

Wenn Sanktionen kein taugliches Mittel sind: Wie sähe eine mögliche Lösung aus?
Man drängt die Russen zu oft in die Situation von Beleidigten und Beschuldigten drängt und sieht dabei über die eigenen Fehler hinweg. In der Politik stelle ich eine Tendenz fest, die gesamte Verantwortung für den Konflikt Russland zuzuschieben, das Land zum einzigen Schuldigen zu machen. Das entspricht so nicht den Tatsachen.

Sondern?
Gegenfrage: War es wirklich sinnvoll, die Ukraine vor die Wahl zu stellen, ob sie in die EU will oder nicht? Der Westen hat nicht sehr rücksichtsvoll agiert, damit hat er sich und mit ihm die Ukraine in eine schwierige Situation manövriert. Und nun wird sehr viel, zu viel aus dem Fenster geredet, um innenpolitisch gut dazustehen.

Diplomatie mit Einbezug der Öffentlichkeit funktioniert also nicht.
In diesem Fall überhaupt nicht. Russland hat seit dem Zerfall der Sowjetunion latent das Gefühl, als Staat zweiter Klasse betrachtet zu werden. Wenn sich dann Barack Obama hinreissen lässt, Russland als «Mittelmacht» zu bezeichnen, ist das Öl ins Feuer gegossen und trägt zur Konfliktlösung wirklich nichts bei.

Wie ist die Stimmung unter den russischen Unternehmern?
Bisher geben sie sich gelassen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass sich das nun mit den verschärften Sanktionen ändern wird. Bisher waren ja nur einzelne Personen betroffen und die Massnahmen richteten sich nicht gegen einen grösseren Teil der Wirtschaft, gegen Branchen oder Zweige.

Wie beurteilen die einzelnen Branchen die Sanktionen?
In der Öl- und Gasindustrie sieht man die Sanktionen gelassen. Obwohl das die mächtigste Industrie ist – also die Branche, die man mit den Sanktionen eigentlich treffen müsste. In Finanzkreisen dagegen ist man beunruhigt. Vor allem die Investitionen sind das Problem: Investoren reagieren nervös auf ungeklärte Situationen.

Wie ist die Situation für Schweizer Unternehmen in Russland?
Das wohl grösste Problem wird künftig im Finanzierungsbereich liegen. Im direkten Aussenhandel wird sich vorerst aber kaum etwas ändern.

Wie sehen Sie die Rolle der Schweiz?
Die Schweiz sollte in jeder Beziehung versuchen, möglichst neutral zu sein. Das ist sie sich auch schuldig: Sie hat nämlich eine Rolle zu spielen. Das kann sie auch, wird sie doch von beiden Seiten als Vermittler anerkannt. Sie kann aber nur agieren, wenn sie sich formell neutral verhält. Dies ist schlussendlich im Interesse aller Beteiligten, was der Westen wie auch Russland anerkennen sollten.

Wird die Vermittlerrolle der Schweiz in Russland wahrgenommen?
Durchaus. Bundespräsident Didier Burkhalter hat Zugang zum Kreml. Seine Rolle als OSZE-Präsident wird ernst genommen. Die OSZE ist, abgesehen von der UNO, wohl auch die einzige internationale Institution, die etwas bewirken kann in diesem Konflikt.

Wie konkret?
Es muss versucht werden, die verschiedenen Parteien in einen Dialog zu bringen. Es soll um Lösungen gehen – derzeit spricht man nicht über Lösungen hinsichtlich der Ukraine, sondern beharrt auf aussenpolitischen Positionen. Man darf sich nichts vormachen: Der Ukrainekonflikt wird nicht beseitigt, wenn es der russischen Wirtschaft schlechter geht. Im Gegenteil: Russland ist für die Ukraine ein wichtiger Wirtschaftspartner und damit die Ukraine auch davon abhängig, dass es der russischen Wirtschaft gut geht. Russland wird immer ein entscheidender Bestandteil einer Lösung des Konflikts sein müssen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 31.07.2014, 07:06 Uhr)

Walter Fetscherin (68)

war von 2000 bis 2004 Schweizer Botschafter in Moskau. Während sieben Jahren präsidierte er die Schweizerisch-Russische Handelskammer. Heute berät er Schweizer Firmen im Zusammenhang mit Russland und anderen GUS-Staaten.

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