Schweiz

CDU-Politiker fiel auf Schweizer «Uni» herein

Der deutsche Parlamentarier Dieter Jasper muss um sein Amt bangen: Er hat sich an einem Appenzeller Institut einen falschen Doktortitel gekauft.

Dieter Jasper: Der CDU-Abgeordnete ist wegen eines falschen Doktortitels aus der Schweiz unter Druck.

Dieter Jasper: Der CDU-Abgeordnete ist wegen eines falschen Doktortitels aus der Schweiz unter Druck.

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SVP-Nationalrätin war Verwaltungsrätin

Die «Freie Universität Teufen» hatte einst eine prominente Schutzherrin: Im
Verwaltungsrat der Betreibergesellschaft Cosmos AG sass von 2004 bis 2005 die jetzige SVP-Nationalrätin Yvette Estermann. Heute gibt sich die Ärztin mit Doktortitel (erworben an der Comenius-Universität von Bratislava) schweigsam, wenn sie auf ihr damaliges Mandat angesprochen wird.

Weder zum Fall Jasper noch zu der von ihr einst mitgeleiteten «Universität» will sie einen Kommentar abgeben. 2008 legte Estermann gegenüber dem deutschen Nachrichtenmagazin «Spiegel» allerdings noch ein glühendes Bekenntnis zum Teufener Institut ab: dass dessen Titel in Deutschland nicht getragen werden dürften, sei nur auf die Gesetzgebung Adolf Hitlers zurückzuführen.

Lang und anstrengend ist der Weg zum Doktorat. Dieter Jasper glaubte, eine praktische Abkürzung entdeckt zu haben, als er 2003 vom Studienablauf an der «Freien Universität Teufen» erfuhr. Für berufsbegleitende Promotionen im Fernstudium veranschlagte das Institut aus dem Appenzellerland sagenhaft kurze Fristen von nur gerade ein bis anderthalb Jahren. Jasper ging auf das verlockende Angebot ein – und führte ab 2005 offensiv den «Dr.» im Namen.

Keine Anerkennung der Fachwelt

Was der aufstrebende CDU-Politiker aus Nordrhein-Westfalen damals laut eigener Aussage nicht wusste: Die «Freie Universität Teufen» gehört in die Kategorie der sogenannten Titelmühlen. Diese Bezeichnung steht für Pseudo-Bildungsinstitute, die im Schnellverfahren und gegen teures Entgelt alle erdenklichen Zertifikate vergeben. Diesen fehlt aber jegliche Anerkennung der Fachwelt.

Deutsche Medien brachten die Herkunft von Jaspers Titel vor kurzem ans Licht. Seither sieht sich der CDU-Mann, der 2009 den Einzug in den Deutschen Bundestag schaffte, mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Die Bezeichnung «Dr. Dieter Jasper» auf dem Wahlzettel habe dem Kandidaten bei den Wählern den entscheidenden Vertrauensvorsprung verschafft, argumentiert die Opposition. Jasper hat den Rücktritt bislang abgelehnt. Ob die Wahl in seinem Wahlkreis wiederholt wird, muss der Bundestagspräsident entscheiden.

Ungeschützter «Doktor»

Dass Jasper seine Discountpromotion gerade in der Schweiz erwarb, ist kein Zufall. Anders als in Deutschland sind «Professor» oder «Doktor» in den meisten Schweizer Kantonen keine geschützten Begriffe – jeder darf sich theoretisch so nennen oder entsprechende Diplome verleihen. Regelungen wie im Kanton Aargau, wo für die Titelvergabe strenge gesetzliche Vorschriften gelten, sind die Ausnahme. Titelmühlen machen sich diesen Umstand zunutze: Sie werben mit der Möglichkeit zur «unbürokratischen» Graduierung oft gezielt Deutsche an, die aus der Ferne die Seriosität der Angebote zu wenig berücksichtigen. Dieter Jasper ist denn auch nicht der erste solcherart entzauberte Politakademiker Deutschlands: Schon der «Diplom-Ökonom» Mario Czaja, der für die Berliner CDU politisiert, wurde 2006 als Teufen-Absolvent enttarnt.

In deutschen Fachkreisen wächst der Ärger über den legeren Titelschutz beim südlichen Nachbarn, wie hinter vorgehaltener Hand gesagt wird. Doch die Dachorganisationen der akkreditierten Schweizer Hochschulen – die Schweizer Universitätskonferenz und die Uni-Rektorenkonferenz – haben wegen der föderalistisch aufgesplitteten Bildungskompetenzen kaum eine Handhabe, um dem Problem beizukommen. Laut der Einschätzung von Martina Weiss, Generalsekretärin der Universitätskonferenz, sind viele Kantone im Clinch: Sie fürchten, mit einer zu strengen Gesetzgebung auch seriöse Institute zu vertreiben.

Statt Teufen jetzt Euraca

Wenigstens der Begriff «Universität» soll mit dem neuen Hochschulgesetz, das voraussichtlich in diesem Jahr ins Parlament kommt, schweizweit an eine offizielle Akkreditierung gebunden werden. Die «Freie Universität Teufen» könnte es unter dieser Bezeichnung dann nicht mehr geben.

Tatsächlich hat das Institut seinen Betrieb offenbar schon jetzt eingestellt. Das sagt zumindest Margit Fülöp, die einzige registrierte Verwaltungsrätin der Betreibergesellschaft Cosmos AG. Mehr ist von ihr nicht zu erfahren – das Telefongespräch mit dem Journalisten beendet sie durch abruptes Auflegen des Hörers. Die Website www.universitaet.ch, auf der sich das Teufener Institut früher präsentierte, ist allerdings nach wie vor in Betrieb. Sie wird inzwischen von einer «Europaakademie» Euraca genutzt, die sich selbst als Universitätsnetzwerk bezeichnet. Dieses bietet – «unbürokratisch» und per Fernstudium – ebenfalls diverse akademische Grade an. Selbst der «Doctor honoris causa» (Ehrendoktor) findet sich in der Produktepalette. Und auch diese Anbieterin hat ihren Briefkasten in der Schweiz (und in Spanien), obwohl ihre Ursprünge in Deutschland zu liegen scheinen. Dabei sind Euraca-Diplome weder bei deutschen noch bei Schweizer Universitäten anerkannt, wie Nachfragen zeigen. Die Mühlen scheinen munter weiterzumahlen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2010, 14:23 Uhr

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12 Kommentare

Thomas Müller

25.02.2010, 23:59 Uhr
Melden

Sie ja klar, Meier, das hätte jedem passieren können. Logisch. Antworten


Michael Meienhofer

25.02.2010, 23:07 Uhr
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Scheinbar ist es in der Schweiz nicht strafbar, solche Titel in den Handel zu bringen. Um hier sauberen Tisch zu machen könnte ja der Bund eine schwarze Liste solcher Diplome im Internnet publizieren. Antworten


Bert Hermann

25.02.2010, 20:51 Uhr
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@peter meier: anders als in der Schweiz, wo sich offenbar jeder Professor oder Doktor nennen kann, ist in Deutschland nicht nur das Tragen eines solchen falschen Titels strafbar, sondern auch die ungerechtfertigte Vergabe von Titeln. Das wird unter Umständen mit Freiheits- strafen und/oder hohen Geldstrafen bestraft. Antworten


Rudi Meier

25.02.2010, 20:43 Uhr
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Bei uns werden Namen auf die Wahlzettel geschrieben, keine Titel. Die spielen keinerlei Rolle. Antworten


Kurt Wülser

25.02.2010, 19:55 Uhr
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Und wieso schliesst man diese Gesetzeslücke nicht einfach, wenn das Problem doch schon lange bekannt ist? Wo ein Wille, da ein Weg, auch in der föderalen Schweiz. Und der Schutz eines Titels wird doch hoffentlich Bundessache sein, oder kocht da immer noch jeder Kanton sein eigenes Süppchen? Es ist langsam Zeit, sich über zukunftsfähigere Strukturen der Schweiz Gedanken zu machen - ohne Kantone! Antworten


Emil Roduner

25.02.2010, 18:15 Uhr
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Also auf so etwas fällt man nicht einfach herein. Oder denkt jemand im Ernst, dass einer 10'000 Fr. bezahlt und nicht merkt, dass er für den Doktortitel sonst nichts gemacht hat? Auch gewisse Pharmafirmen kaufen ihren nicht promovierten Ärzteberatern einen Doktortitel, damit diese Verkäufer mit den Ärzten auf Augenhöhe reden können.... Antworten


Dieter WEundrig

25.02.2010, 18:15 Uhr
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Wieso Schadenfreude? Sollte man hier nicht lieber kritisch fragen, ober man für Geld solche dubiosen Titel verkaufen darf. Es sind doch zwei Betrüger, der Verkäufer und der Käufer! Antworten


Markus Weilenmann

25.02.2010, 18:02 Uhr
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Jede/r der sich ernsthaft um eine Promotion bemüht, kann sich an den allgem. bekannten Unis über die allgemeinen Voraussetzungen informieren (Matura, Master-Diplom, eigene Forschung, publizierte Promotionsschrift etc.) Insofern ist es geradezu lächerlich, zu titeln, der "arme CDU-Politiker" sei von einer "Schweizer Uni" hereingelegt worden. Das Gegenteil ist der Fall, mit Geld wollte er abkürzen. Antworten


peter meier

25.02.2010, 15:42 Uhr
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gut, das hätte m.E. auch jedem Schweizer etc. passieren können. Trotzdem ein bisschen Schadenfreue kommt doch auf... Antworten


Juan Hurtado

25.02.2010, 15:39 Uhr
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Titel schützt vor Dummheit nicht! So oder so (Titelträger mögen dies als Neid abtun.....): Titel JEDER Art wirken oft peinlich, vor allem dann, wenn man merkt, dass sich dahinter oft nur leere Luft bzw. eine Mogelpackung befindet! Ich habe sogar (keine Witz!) Titeleinträge auf Grabmälern auf dem Hörnli gelesen - da helfen sie wirklich viel: Man erhält sich die Hierarchie noch in der Horizontalen! Antworten


Jean Monnet

25.02.2010, 14:43 Uhr
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In der Schweiz wird offensichtlich nicht nur Geld gewaschen. Auch "Titelwäscherei" ist erlaubt. Zeit für eine vernünftige Gesetzgebung auf Ebene des Bundes. Bin gespannt wie die EU daran wieder schuld sein soll. Antworten


Susi Berlinger

25.02.2010, 14:36 Uhr
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Ach der Arme. Als ob die Titelschwindler nicht wüssten, dass solches Tun sich früher oder später rächen wird. Und Unrechtsbewusstsein sucht man natürlich vergeblich. Warum immer wieder PolitikerInnen und Kirchenleute auf dubiose Institute hereifallen ist mir echt schleierhaft. Zu fragen ist auch, warum der Tagi immer solche Fälle aufgreift. Das ist eine Nachricht ohne Informationswert für mich. Antworten



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