CDU-Politiker fiel auf Schweizer «Uni» herein
Von Fabian Renz. Aktualisiert am 25.02.2010 12 Kommentare
Dieter Jasper: Der CDU-Abgeordnete ist wegen eines falschen Doktortitels aus der Schweiz unter Druck.
Artikel zum Thema
Stichworte
SVP-Nationalrätin war Verwaltungsrätin
Die «Freie Universität Teufen» hatte einst eine prominente Schutzherrin: Im
Verwaltungsrat der Betreibergesellschaft Cosmos AG sass von 2004 bis 2005 die jetzige SVP-Nationalrätin Yvette Estermann. Heute gibt sich die Ärztin mit Doktortitel (erworben an der Comenius-Universität von Bratislava) schweigsam, wenn sie auf ihr damaliges Mandat angesprochen wird.
Weder zum Fall Jasper noch zu der von ihr einst mitgeleiteten «Universität» will sie einen Kommentar abgeben. 2008 legte Estermann gegenüber dem deutschen Nachrichtenmagazin «Spiegel» allerdings noch ein glühendes Bekenntnis zum Teufener Institut ab: dass dessen Titel in Deutschland nicht getragen werden dürften, sei nur auf die Gesetzgebung Adolf Hitlers zurückzuführen.
Lang und anstrengend ist der Weg zum Doktorat. Dieter Jasper glaubte, eine praktische Abkürzung entdeckt zu haben, als er 2003 vom Studienablauf an der «Freien Universität Teufen» erfuhr. Für berufsbegleitende Promotionen im Fernstudium veranschlagte das Institut aus dem Appenzellerland sagenhaft kurze Fristen von nur gerade ein bis anderthalb Jahren. Jasper ging auf das verlockende Angebot ein – und führte ab 2005 offensiv den «Dr.» im Namen.
Keine Anerkennung der Fachwelt
Was der aufstrebende CDU-Politiker aus Nordrhein-Westfalen damals laut eigener Aussage nicht wusste: Die «Freie Universität Teufen» gehört in die Kategorie der sogenannten Titelmühlen. Diese Bezeichnung steht für Pseudo-Bildungsinstitute, die im Schnellverfahren und gegen teures Entgelt alle erdenklichen Zertifikate vergeben. Diesen fehlt aber jegliche Anerkennung der Fachwelt.
Deutsche Medien brachten die Herkunft von Jaspers Titel vor kurzem ans Licht. Seither sieht sich der CDU-Mann, der 2009 den Einzug in den Deutschen Bundestag schaffte, mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Die Bezeichnung «Dr. Dieter Jasper» auf dem Wahlzettel habe dem Kandidaten bei den Wählern den entscheidenden Vertrauensvorsprung verschafft, argumentiert die Opposition. Jasper hat den Rücktritt bislang abgelehnt. Ob die Wahl in seinem Wahlkreis wiederholt wird, muss der Bundestagspräsident entscheiden.
Ungeschützter «Doktor»
Dass Jasper seine Discountpromotion gerade in der Schweiz erwarb, ist kein Zufall. Anders als in Deutschland sind «Professor» oder «Doktor» in den meisten Schweizer Kantonen keine geschützten Begriffe – jeder darf sich theoretisch so nennen oder entsprechende Diplome verleihen. Regelungen wie im Kanton Aargau, wo für die Titelvergabe strenge gesetzliche Vorschriften gelten, sind die Ausnahme. Titelmühlen machen sich diesen Umstand zunutze: Sie werben mit der Möglichkeit zur «unbürokratischen» Graduierung oft gezielt Deutsche an, die aus der Ferne die Seriosität der Angebote zu wenig berücksichtigen. Dieter Jasper ist denn auch nicht der erste solcherart entzauberte Politakademiker Deutschlands: Schon der «Diplom-Ökonom» Mario Czaja, der für die Berliner CDU politisiert, wurde 2006 als Teufen-Absolvent enttarnt.
In deutschen Fachkreisen wächst der Ärger über den legeren Titelschutz beim südlichen Nachbarn, wie hinter vorgehaltener Hand gesagt wird. Doch die Dachorganisationen der akkreditierten Schweizer Hochschulen – die Schweizer Universitätskonferenz und die Uni-Rektorenkonferenz – haben wegen der föderalistisch aufgesplitteten Bildungskompetenzen kaum eine Handhabe, um dem Problem beizukommen. Laut der Einschätzung von Martina Weiss, Generalsekretärin der Universitätskonferenz, sind viele Kantone im Clinch: Sie fürchten, mit einer zu strengen Gesetzgebung auch seriöse Institute zu vertreiben.
Statt Teufen jetzt Euraca
Wenigstens der Begriff «Universität» soll mit dem neuen Hochschulgesetz, das voraussichtlich in diesem Jahr ins Parlament kommt, schweizweit an eine offizielle Akkreditierung gebunden werden. Die «Freie Universität Teufen» könnte es unter dieser Bezeichnung dann nicht mehr geben.
Tatsächlich hat das Institut seinen Betrieb offenbar schon jetzt eingestellt. Das sagt zumindest Margit Fülöp, die einzige registrierte Verwaltungsrätin der Betreibergesellschaft Cosmos AG. Mehr ist von ihr nicht zu erfahren – das Telefongespräch mit dem Journalisten beendet sie durch abruptes Auflegen des Hörers. Die Website www.universitaet.ch, auf der sich das Teufener Institut früher präsentierte, ist allerdings nach wie vor in Betrieb. Sie wird inzwischen von einer «Europaakademie» Euraca genutzt, die sich selbst als Universitätsnetzwerk bezeichnet. Dieses bietet – «unbürokratisch» und per Fernstudium – ebenfalls diverse akademische Grade an. Selbst der «Doctor honoris causa» (Ehrendoktor) findet sich in der Produktepalette. Und auch diese Anbieterin hat ihren Briefkasten in der Schweiz (und in Spanien), obwohl ihre Ursprünge in Deutschland zu liegen scheinen. Dabei sind Euraca-Diplome weder bei deutschen noch bei Schweizer Universitäten anerkannt, wie Nachfragen zeigen. Die Mühlen scheinen munter weiterzumahlen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.02.2010, 14:23 Uhr
Kommentar schreiben
12 Kommentare
Ach der Arme. Als ob die Titelschwindler nicht wüssten, dass solches Tun sich früher oder später rächen wird. Und Unrechtsbewusstsein sucht man natürlich vergeblich. Warum immer wieder PolitikerInnen und Kirchenleute auf dubiose Institute hereifallen ist mir echt schleierhaft. Zu fragen ist auch, warum der Tagi immer solche Fälle aufgreift. Das ist eine Nachricht ohne Informationswert für mich. Antworten
Schweiz
Schweiz
Meistgelesen in der Rubrik Schweiz
- 1Roger de Weck in der Kritik
- 2Rohe Gewalt als Markenzeichen
- 3300 Einsprachen gegen Bauprojekte – Initianten gehen auf die Barrikaden
- 4Die seltsame Vergabepraxis des Bundesamts für Migration
- 5Möglicher Euro-Austritt: Bund arbeitet an Notfallplan
- 6«Die Schweiz muss intensiver nach Steuerbetrügern fahnden»
































