CVP will Matura-Pflicht für Kindergärtnerinnen abschaffen

Von Fabian Renz. Aktualisiert am 22.03.2010 40 Kommentare

Die Christdemokraten sagen der «Akademisierung» der Kindergarten-Ausbildung den Kampf an.

«Kindergärtnerinnen brauchen keine Matura»: Die CVP kämpft gegen eine übermässige Akademisierung.

«Kindergärtnerinnen brauchen keine Matura»: Die CVP kämpft gegen eine übermässige Akademisierung.
Bild: Keystone

Ohne Matura oder vergleichbares Diplom geht heute im Bildungsbereich fast gar nichts mehr. Und zwar nicht nur bei Primarlehrkräften, sondern auch bei angehenden Kindergärtnerinnen und Kindergärtnern. Denn die neuen pädagogischen Fachhochschulen setzen für den Zugang zu ihren Ausbildungslehrgängen hohe Hürden. Gerhard Pfister, CVP-Nationalrat und Leiter einer Zuger Privatschule, hält das für falsch: «Eine Kindergärtnerin muss keine komplizierten mathematischen Gleichungen lösen können. Sie braucht vielmehr Einfühlungsvermögen, Begeisterungsbereitschaft und Freude an der Zusammenarbeit mit Kindern.»

Löhne nicht senken

Eine von Pfister geleitete Arbeitsgruppe der CVP Schweiz will nun eine Wende herbeiführen: Im Entwurf für ein bildungspolitisches Konzept, das dem TA vorliegt (siehe Kontext), sagen die CVP-Bildungsexperten der «Akademisierung» des Kindergärtner-Berufs den Kampf an. Als Alternative schwebt den Christlichdemokraten eine praxisorientierte, zwei- bis dreijährige Berufsausbildung vor, die nicht von der Matura abhängt, sondern breiteren Bildungsschichten zugänglich ist – ähnlich wie es früher bei den Kindergarten-Seminaren der Fall war.

Zugleich will die CVP aber verhindern, dass damit eine Abwertung des Berufs einhergeht. Einerseits sollen die niedrigeren Ausbildungshürden keine tieferen Löhne zur Folge haben, sagt Gerhard Pfister. Andererseits sei der Lehrgang so auszugestalten, dass er nicht in eine berufliche Sackgasse führe: Die Möglichkeit zur Weiterentwicklung, etwa über die Berufsmatura, müsse für Kindergärtnerinnen gegeben sein. Weiter hält es Pfister für wichtig, dass auch Quereinsteigerinnen eine Chance bekommen. Zum Beispiel unterrichtswillige Mütter, die Kinder grossgezogen haben. «Erfahrung muss gegenüber theoretischem Wissen wieder mehr zählen.»

Protest aus der Branche

Der CVP-Vorschlag dürfte für heftige Kontroversen sorgen, wie erste Reaktionen von Seiten der betroffenen Verbände erwarten lassen. «Haben etwa nur Ungebildete Einfühlungsvermögen?», lautet die lakonische Frage von Marie-Hélène Stäger, die beim Schweizerischen Lehrerverband für Kindergärten zuständig ist. Stäger sieht eine ganze Reihe von Gründen, um die Anforderungen an Kindergärtnerinnen hoch zu halten: «Kinder in diesem Alter sind auf einer extrem wichtigen Lernstufe. Darum muss die Kindergärtnerin über eine entwicklungspsychologische Schulung verfügen. Sie muss analytisch denken können. Und sie muss imstande sein, ihren Schützlingen komplizierte Sachverhalte auf verständliche Weise zu vermitteln.»

Protest gegen den CVP-Vorschlag kommt auch von Willi Stadelmann, der die Rektorenkonferenz der Pädagogischen Hochschulen präsidiert. Schon über den Begriff «Akademisierung» ärgert er sich: Damit werde fälschlicherweise impliziert, man züchte heute weltfremde Theoretikerinnen für den Kindergarten heran. Richtig sei vielmehr, dass die Leitung eines Kindergartens eben nicht einfach einem «Kinderhütedienst» entspreche. Stadelmann gibt auch zu bedenken, dass viele Pädagogische Hochschulen heute gar keine «reinen» Kindergärtnerinnen mehr ausbilden: Im Allgemeinen werde ein kombinierter Lehrgang für Kindergarten und untere Primarstufe angeboten. Dieses System wäre wohl aufwendig zu reformieren, wenn von Kindergärtnerinnen plötzlich weniger verlangt würde.

Der Bildungsexperte Urs Moser von der Universität Zürich wiederum äussert sich demgegenüber differenziert zu den Vorschlägen. Einem Normalbürger sei natürlich schwierig zu erklären, weshalb eine Kindergärtnerin eine Matura brauche – es gebe in der Tat Argumente dafür und dawider. Eines findet Urs Moser an Diskussionen dieser Art aber bedauerlich: «Dass Fachwissen und Gefühl gegeneinander ausgespielt werden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2010, 06:47 Uhr

40

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

40 Kommentare

Rolf Schumacher

22.03.2010, 07:48 Uhr
Melden

Bravo und danke. Ein wichtiges und richtiges Zeichen. Die Verakademisieurung in vielen Berufsgruppen (Pflege, Lehrberuf etc) ist erschreckend. Leere Theorie ist teuer und macht die Absolventen nicht fähiger. Zudem marginalisiert die Akademisieurng die Sekundar- und Realschüler. Unsere nicht akademischen Berufsschulen/Semis sind WELTSPITZE das muss man honorieren.Bravo CVP. Antworten


ruth Olloz

22.03.2010, 11:07 Uhr
Melden

Die Akademisierung diverser Berufe,spez. Kindergärtner/in und Pfleger/in in Spitälern, haben in den letzten Jahren zur drastischen Verknappung dieses Personals geführt. Endlich ein in die "richtige" Richtung gezielter Vorstoss. Hoffentlich ist er bald einmal erfolgreich! Wenn es in der Diskussion ein "Dafür" gg. ein "Dawider" abzuwägen gilt, dann steht es 50:50,also in dieser Situation ein Dafür. Antworten



Schweiz

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Schweiz

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz