Chirurg zeigt OP-Bild auf Whatsapp-Profil

Operationssaal im Kantonsspital Olten. Die Uhr zeigt 13 Minuten vor drei an. Ein Chirurg* posiert für ein Bild, die Arbeitskleider samt Mundschutz mit Blut verschmiert, hinter ihm operiert eine Person einen Patienten.

Immer wieder sorgten Ärzte mit ihrem Verhalten für Aufsehen: angetrunkene Ärzten beim Operieren; Ärzte, die während der Operation Fussball schauten; Ärzte, die Witze rissen über  narkotisierte Patienten. Themenbild: Keystone

Immer wieder sorgten Ärzte mit ihrem Verhalten für Aufsehen: angetrunkene Ärzten beim Operieren; Ärzte, die während der Operation Fussball schauten; Ärzte, die Witze rissen über narkotisierte Patienten. Themenbild: Keystone

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Der Chirurg lädt das Foto beim Nachrichtendienst Whatsapp hoch, wo es während Tagen sein Profilfoto darstellt und für alle, die seine Handynummer besitzen, zu sehen ist.

Ist das Foto ein gelungener Scherz oder problematisch? Darf ein Arzt es mit anderen teilen? Wie fühlt sich der Patient, wenn der Chirurg während seiner Narkose Faxen macht? Der betreffende Mann wollte gegenüber dem TA keine Stellung nehmen und verwies auf seinen Arbeitgeber, das Kantonsspital Olten, das der Solothurner Spitäler AG angehört. Diese hat indessen eine Untersuchung eingeleitet und distanziert sich vom Foto: «Ein solches Foto ist inakzeptabel», sagt Oliver Schneider der Solothurner Spitäler AG, aus Gründen der «Pietät» und «Patientenwürde». Die Bevölkerung solle nicht den Eindruck bekommen, im Operationssaal würden Scherze und Faxen gemacht.

Keine «gute Kinderstube»

Die Vergangenheit zeigt, dass der beschriebene Fall keine Ausnahme ist. Immer wieder sorgten Ärzte mit ihrem Verhalten für Aufsehen: angetrunkene Ärzten beim Operieren; Ärzte, die während der Operation Fussball schauten; Ärzte, die Witze rissen über narkotisierte Patienten. «Das geht ganz klar nicht», sagt Patientenschützerin Margrit Kessler. Im besagten Fall findet Kessler das Verhalten des Arztes «menschlich» aber auch «sehr bedenklich». Weil es sich gegenüber dem Patienten nicht gehöre, weil der Arzt seiner Vorbildfunktion gegenüber den jüngeren Ärzten nicht gerecht werde, weil ein solches Foto nicht verbreitet werden solle. «Das Verhalten im Operationssaal hat viel mit guter Kinderstube und gesundem Menschenverstand zu tun» sagt Kessler. Manchmal sei die Abgrenzung schwierig, etwa bei Musik im Operationssaal, wie Kessler sagt. «Das kann bei manchen Ärzten die Konzentration fördern, andere wiederum stören.» Patienten berichteten auch schon, dass sie Ärzte während der Operation über belanglose Sachen diskutieren hörten. «Ein Arzt ist auch nur ein Mensch – wie der Schreiner spricht er während der Arbeit über das Wochenende oder macht einmal einen Spruch», sagt Kessler, «doch Halbgötter in Weiss sind sie definitiv nicht». Das solle man nicht verteufeln. Als frühere Krankenschwester könne sie sagen: «Wenn es um Leben und Tod geht, ist es im Operationssaal mucksmäuschenstill.»

Die FMH, die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte, will sich zum Foto nicht äussern. Sie verweist auf ihre Ethikgrundsätze. Diese besagen, die Würde des Patienten dürfe nicht beschädigt werden. Eine ähnliche Meinung vertritt Tanja Krones, Leitende Ärztin Klinische Ethik am Universitätsspital Zürich: «Die Routine ist der grösste Feind des Arztes.» Sie wolle das Verhalten des Chirurgen am Kantonsspital Olten nicht entschuldigen, doch Ärzte seien jeden Tag während Stunden im Operationssaal. Dass man dabei für kurze Zeit die Würde, das Ausgeliefertsein des Patienten oder auch die eigene Macht vergesse, «kann vorkommen. Es soll aber verhindert werden.»

Eine Frage der Haltung

Das Thema Ethik hat in den vergangenen Jahren in der Medizin stark an Bedeutung gewonnen. Früher mussten die Medizinstudenten im Studium keine Ethikkurse belegen – heute sind diese Pflichtfächer. Auch die Spitäler sind sich der Bedeutung bewusst, so muss beispielsweise jeder junge Mediziner des Unispitals Zürich einen Ethik-Weiterbildungskurs absolvieren, bevor er Oberarzt wird. In den Kursen lernen die Ärzte, wie sie die Würde des Patienten schützen, wie sie mit einem Nein der Patienten umgehen, wie sie Sterbehilfe angehen sollen. «Die Handhabung ist aber von Spital zu Spital verschieden und wird auch unterschiedlich gelebt», sagt Krones. Durch die nach wie vor weitgehend stark hierarchisch und paternalistisch geprägten Spitalstrukturen ist das Thema Ethik oft Chefsache. «Ob ethische Grundsätze thematisiert werden, ist daher weniger ein Frage der Zeit oder des Geldes, es ist vielmehr eine Frage der Haltung», sagt Krones. Es gebe Vorurteile, und es kursiere die Meinung, durch Erfahrung werde man zum Ethiker. «Das ist nicht so», sagt Krones, «das muss man teilweise lernen.»

Auch das Kantonsspital Olten engagiert sich im Bereich Ethik: Bisher gab es Richtlinien zum Thema Suizid, der Ethik­rat arbeitet zurzeit an weiteren Regeln. Gleichzeitig setzt das Kantonsspital im September einen Social-Media-Leitfaden in Kraft – gemäss Schneider, unabhängig vom Vorfall.

Der besagte Chirurg hat das Profilbild auf Whatsapp mittlerweile übrigens gewechselt.

* Name der Redaktion bekannt

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.07.2014, 06:44 Uhr)

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30 Fehler festgestellt

Die Gutachterstelle der Ärzteverbindung FMH hat im vergangenen Jahr in 30 Fällen Behandlungs- oder Diagnosefehler festgestellt. Insgesamt prüften die Gutachter 79 Fälle. Bei knapp 40 Prozent davon ging es um Behandlungen in privaten Arztpraxen, beim Rest der Fälle waren Spitäler involviert, wie es in dem in der aktuellen Ausgabe der «Schweizerischen Ärztezeitung» publizierten Jahres­bericht der Gutachterstelle heisst. Die «NZZ am Sonntag» hat die Information ebenfalls veröffentlicht. Die Fehler, die in den 30 Fällen gemäss Gutachten begangen worden waren, waren nicht zweifelsfrei die Ursache für Gesundheitsschäden von Patienten: Nur bei gut einem Viertel lag sicher oder eher ein Kausalzusammenhang vor. Häufig werde ein Gesundheitsschaden noch durch andere Ursachen herbeigeführt, wie etwa Vorer­krankungen, heisst es im Bericht. Die Fehler­aner­kennungs­quote 2013 von 38 Prozent ist im Vergleich zu den Quoten der letzten zehn Jahre eher tief: Die Spannbreite bewegt sich zwischen 34,9 (2007) und 50,6 (2010) Prozent. Die 79 Fälle seien nicht repräsentativ für die Spital- und Arzthaftpflichtsituation in der Schweiz, betonte die Gutachterstelle. Es würden zahlreiche private Gutachten in Auftrag gegeben – ein grosses Kantonsspital werde jährlich mit rund 20 bis 30 Fällen konfrontiert. Die Gutachter werden zudem nur bei Fällen tätig, in denen die Patienten schwere Gesundheitsschäden erlitten haben, es keine Einigung mit der Haftpflicht­versicherung gab und wo nicht bereits juristische Schritte eingeleitet wurden. (SDA)

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