Cisalpino-Chef: «Am Gotthard gibt es noch Probleme»

Die neuen Cisalpini sollen nur nach Genf und Bern/Basel fahren. Die Zürcher müssen derweil mit den bisherigen Pannenzügen vorliebnehmen, das Umsteigen in Lugano soll aber entfallen.

Cisalpino-Chef Alain Barbey gestern bei der Vorstellung des neuen Zugs.

Cisalpino-Chef Alain Barbey gestern bei der Vorstellung des neuen Zugs.
Bild: Keystone

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Cisalpino: Neuer Zug, neuer Ärger

Gestern präsentierte Cisalpino den neuen, schnabelförmigen Pendolino vom Typ ETR 610 im Bahnhof von Sitten offiziell der Öffentlichkeit. Der neue Zug ist dabei wesentlich komfortabler als die bisherigen. So verfügt der ETR 610 etwa über grössere Fenster und bequemere Sitze. Am Gotthard darf er aber bis auf Weiteres nicht wie geplant mit der Neigetechnik fahren. Gerade das sei aber notwendig, um den Fahrplan einzuhalten, sagt Nicoletto Balzarini, technischer Leiter von Cisalpino.

Am Gotthard werden vorerst nur die bisherigen Neigezüge fahren. Der ETR 610 sei ein wenig zu schwer, sagt Manfred Haller, Leiter Operating beim SBB-Personenverkehr. Probleme bereite aus bisher ungeklärten Gründen primär der Speisewagen.

Mit der Herstellerfirma Alstom suchen die SBB derzeit fieberhaft nach einer Lösung. Entweder sollen die Geleise am Gotthard baulich angepasst, oder der Zug soll modifiziert werden. Wegen der technischen Probleme will Cisalpino, die Tochtergesellschaft von SBB und Trenitalia, bei Alstom eine Strafe von rund 59 Millionen Euro einfordern. (tga)

Der neue Cisalpino-Neigezug darf am Gotthard nicht wie geplant schneller fahren. Was passiert auf dieser Strecke?
Wir hätten die Züge gestern nicht vorgestellt, wenn wir nicht die Zusicherung der SBB und vom Hersteller hätten, dass für den Gotthard eine Lösung gefunden wird. Der Zug wurde mit Neigetechnik für den Gotthard bestellt, weil die gerade dort nutzbar ist. Das ist eine Grundbedingung. Wir sind sicher, dass wir mit Anpassungen und Analysen eine Lösung finden werden. Daher haben wir mit den Chefs von SBB und Trenitalia entschieden, die Strecke Genf–Mailand zu bedienen.

In der Schweiz haben Sie aber noch gar keine Bewilligung, um schneller durch die Kurven zu fahren?
In der Schweiz nicht, in Italien hingegen schon. Die Bewilligung wird auf der Strecke Genf–Mailand bereits im Betrieb angewandt. Für den Gotthard warten wir noch auf Resultate zur erhöhten Kurvengeschwindigkeit. Wenn diese Einschränkungen behoben sind, können wir die Bewilligung erhalten.

Die Zürcher müssen also weiterhin mit den alten Pannenzügen vorlieb nehmen?
Wir haben entschieden, am Gotthard ab Dezember nur die bisherigen Neigezüge vom Typ ETR 470 einzusetzen. Die neuen Züge werden wir auf den Strecken nach Genf und Bern/Basel schrittweise in Betrieb nehmen. Am Gotthard gibt es noch Probleme. Doch wir werden eine Lösung finden. Der Zeitpunkt ist offen.

Haben Sie einen Plan B, falls es wieder nicht wie geplant klappt?
Am Gotthard wollen wir sämtliche bisherigen Neigezüge einsetzen. Vielleicht müssen wir einzelne Züge streichen. Bis zur Lösung fahren wir bereits heute einen Plan B am Gotthard, indem wir dort zugemietete SBB-Neigezüge einsetzen.

Entfällt wenigstens das für die Kunden lästige Umsteigen in Lugano?
Ja. Ab Dezember soll es in Lugano und Domodossola kein Umsteigen mehr geben. Wir haben auch keine Freude an der aktuellen Situation. Wir haben das nur praktiziert, um den Fahrplan einhalten zu können. Die neuen Cisalpini werden den Druck von den bisherigen Zügen nehmen, die nun schrittweise saniert werden.

SBB-Chef Andreas Meyer will die neuen Züge nicht annehmen, falls sie nicht dem vereinbarten Produkt entsprechen. Machen Sie nun diese Drohung war?
Herr Meyer hat das gesagt, weil es noch offen war, ob die Probleme gelöst werden können. Er hat mir die Bewilligung gegeben, de Züge in Betrieb zu nehmen, weil sie auch für den Gotthard konzipiert sind.

Nächstes Jahr wird der Personenverkehr in der EU liberalisiert. Wäre es nicht besser, wenn die SBB das Zepter bei Cisalpino in die eigene Hand nehmen würden?
Nein, das glaube ich nicht. Wenn ein Schweizer Zug über die Grenze fährt, übernehmen anschliessend die Italienischen Bahnen. Wahrscheinlich würden die Herausforderungen bei einem Alleingang der SBB noch schwieriger werden.

Die Cisalpino-Pannenserie nimmt kein Ende. Wie gehen Sie damit um?
Ich bin seit zwei Jahren bei Cisalpino. Wir konnten in dieser Zeit sehr viele Massnahmen umsetzen und sind als Team zusammengerückt. Nun bin ich zuversichtlich, dass es aufwärts geht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2009, 06:51 Uhr

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3 KOMMENTARE

Reto Barandun

17.07.2009, 18:09 Uhr

@ Beno Gerber. Geht mir auch so. Jemand muss ja die Verantwortung und Zusatzkosten übernehmen! Normalerweise erstellt der spätere Besteller ein Pflichtenheft, an die sich alle Anbieter schon bei der Offertstellung halten müssen. Selbstverständlich muss auch die Lieferung den Anforderungen entsprechen. Jetzt eine Lösung finden wird schwierig und aufwendig sein! Ich bin gespannt wie es weiter geht.


Beno Gerber

17.07.2009, 14:27 Uhr

Neue Cisalpino Züge zu schwer für die Gotthardstrecke? Ich bin kein Ingenieur. Daher ist es für mich unverständlich, wie eine auf die Fabrikation von Zügen spezialisierte Firma einen Zug konstruieren kann, der nachher für die Strecke, für die er eigentlich konzipiert war, zu schwer ist. Alle Eigenschaften der Strecke waren doch vorher schon bekannt. Kann mir das ein Fachmann mal erklären?


Beat Bünter

17.07.2009, 08:13 Uhr

Das Thema Cisalpino mag für die Beteiligten mindestens einen äusserst positiven Aspekt haben: Das Team hält zusammen. Dies ist ein wesentlicher Faktor, um die letzten Probleme innert nützlicher Frist zu lösen. Ich bin überzeugt, dass in absehbarer Zeit die schönen Züge einen guten Ruf erhalten. Aber einen guten Ruf muss man pflegen. Hier ist ein Team, das an seine Fähigkeiten glaubt.



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