Das Abzocker-Duell

In Boniswil trat Thomas Minder gegen Christoph Blocher an und gewann – die Aargauer SVP-Delegierten sagen Ja zur Abzockerinitiative.

«Ich habe die Boxhandschuhe mitgenommen, falls es zum Nahkampf kommt»: Thomas Minder an der SVP-Versammlung des Kantons Aargau.
Video: Chantal Hebeisen

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Er hatte sich vor dem Auftritt gefürchtet. Der Schaffhauser Ständerat Thomas Minder wollte sich nicht vor Publikum mit dem SVP-Nationalrat Christoph Blocher streiten, der seine Abzockerinitiative ablehnt. Nun hat er es im aargauischen Boniswil zum ersten Mal getan, und er trug einen knappen Sieg davon: Mit 123 zu 119 Stimmen sagten die Stimmberechtigten Ja zur Initiative beziehungsweise Nein zum Gegenvorschlag, für den Blocher warb. Damit hat Minder nach Zürich, Glarus und dem Unterwallis die vierte Sektion auf seiner Seite. Nein sagten Bern, Baselland, die Waadt, Genf und das Tessin. Am Samstag entscheiden die Delegierten der SVP Schweiz.

Warum sich Minder vor der direkten Konfrontation mit dem Gegenspieler fürchtete, ist nicht klar. Er ist rhetorisch ebenso beschlagen wie Blocher, und auch sonst ähnlich: laut, stur, ausdauernd, mit direktem Draht zur Bevölkerung. Noch vor einem halben Jahr freute sich Minder auf Streitgespräche, nun will er nichts mehr davon wissen. Es sei nicht gut, wenn zwei Fraktionsmitglieder einander zerfleischen, sagt er. Minder gehört seit Amtsantritt vor einem Jahr der SVP-Fraktion an, weil die Grünliberalen im Bundeshaus nicht mit ihm zusammenarbeiten wollten.

«Christoph, du weisst das»

Am Mittwochabend brach Thomas Minder das Eis mit grossen roten Boxerhandschuhen, die er sich zu Beginn seines Votums überstreifte. Er werde sie kaum gebrauchen, sagte er zum lachenden Publikum in der zum Bersten gefüllten Mehrzweckhalle, denn «Christoph und ich mögen einander. Wir ticken gleich, sind beide Unternehmer.» Er brauche keine 15 Minuten, um die Initiative zu erklären, sondern lediglich 30 Sekunden, sagte Minder: «Wenn der indirekte Gegenvorschlag so verdammt gut wäre und die Initiative so schlecht, warum braucht man dann acht Millionen Franken, um sie zu bekämpfen? Das Original ist immer besser. Christoph, als Kunstsammler weisst du das.»

«Man muss die Hintertüren schliessen, wenn es ums Geld geht», beginnt Minder seine Tour durch die Eckwerte der Initiative, während ihn Kontrahent Blocher am Tisch sitzend von der Seite richtiggehend fixiert. Nur ab und zu beugt sich Blocher vornüber, um etwas zu notieren. Immer wieder verweist Minder auf das SVP-Gedankengut. «Meine Damen und Herren, so etwas muss in die Verfassung. Das ist doch auch die Haltung der SVP. Ein Gesetz kann durch einen Einzelantrag wieder geändert werden. Ein Räuber gibt doch auch nicht einfach das Raubgut zurück und ist danach vor Strafverfolgung geschützt. Bei Ausländern ist man auch konsequent. Man fragt doch, bevor man nimmt!»

Es tönt «komisch»

Die Ausgangslage war emotional: gebrochene Versprechen, unethisch hohe Löhne, Glaubwürdigkeit der Politik. Als Blocher und Minder vor drei Jahren zusammensassen und einen Gegenvorschlag zur Initiative austüfteln wollten, machten sie ab: Wenn ihr Vorschlag durchkomme, ziehe Minder die Initiative zurück. Wenn er im Parlament abgelehnt werde, unterstütze Blocher die Initiative. Der Vorschlag wurde abgelehnt, Blocher unterstützte die Initiative aber trotzdem nicht. Minder sprach von Drohungen der Initiativgegner und Druckversuchen gegen ihn, damit er die Initiative zurückziehe.

Ja, sagt Blocher, er habe versucht, Minder zu einem Rückzug zu überreden. «Bei einem Mittagessen.» Manchmal müsse man in der Politik eben nachgeben, wenn es um Details gehe. «Ich sagte ihm, zieh die Initiative zurück, dann haben wir etwas, sonst passiert nichts, ich kenne das Parlament.» Mehrmals sagte Blocher, es töne zwar «komisch», eine Initiative gegen Abzocker abzulehnen. Trotzdem bitte er die Delegierten darum.

Mit der Faust aufs Pult

Nach den Voten von Minder und Blocher meldete sich eine Handvoll Delegierter zu Wort, darunter die Nationalratsmitglieder Luzi Stamm und Sylvia Flückiger, die für den Gegenvorschlag warben. Zwei Befürworter der Initiative begannen ihr Votum so: «Ich bin ja in 95 Prozent aller Sachvorlagen mit Christoph Blocher einverstanden, aber …» Sie verwiesen auch darauf, dass zwei Drittel der SVP-Fraktion im Aargauer Grossen Rat die Initiative befürworteten.

«Lasst euch nicht auseinanderdividieren», rief Blocher nach dem Auszählen des knappen Abstimmungsresultats enerviert ins Mikrofon. Die Medien würden sich nun an seiner Niederlage freuen. Blocher hatte schon mit einer Breitseite gegen die Medien begonnen, als er ans Rednerpult trat, das SRF-Mikrofon zur Seite legte und während einer Schimpftirade über die Medien mit der Faust aufs Pult schlug, sodass weitere Mikrofone runterfielen. Der Saal dankte es ihm mit schreiendem Gelächter, Minder versuchte unterdessen, die Mikrofone zu montieren.

«Dem gibt es nichts hinzuzufügen», sagte der Kantonalparteipräsident Thomas Burgherr. Die Partei hat es nicht einfach, wenn sie mit ihrem geistigen Oberhaupt in Konflikt gerät. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.01.2013, 23:54 Uhr)

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Das Duell Blocher gegen Minder

Das Duell Blocher gegen Minder Es waren emotionale Debatten zur Abzockerinitiative: Bei der Delegiertenversammlung der SVP Aargau und vier Tage später bei jener der SVP Schweiz traten Thomas Minder und Christoph Blocher gegeneinander an.

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