«Das Aufbäumen der Ethiker»

Die Nationale Ethikkommission will die Schweizer vor jedem Gedanken an eine Organspende verschonen. Und sie macht es sich dabei sehr einfach, finden Experten.

Einsame Ausnahmen? Ein Kinderherz (in der Schale im Vordergrund) wird im Kinderspital Zürich einem 7-jährigen Kind eingepflanzt. Die Ethikkommission hält nichts von der sogenannten Widerspruchsregelung, um die Zahl solcher Spenderorgane zu erhöhen. (Foto: Sommer 2011)

Einsame Ausnahmen? Ein Kinderherz (in der Schale im Vordergrund) wird im Kinderspital Zürich einem 7-jährigen Kind eingepflanzt. Die Ethikkommission hält nichts von der sogenannten Widerspruchsregelung, um die Zahl solcher Spenderorgane zu erhöhen. (Foto: Sommer 2011) Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Die Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin (NEK) beschäftigt sich mit den grossen Fragen. Leben und Tod, Freiheit und Verantwortung. Grosse Fragen enden nicht immer in grossen Entscheiden. Und der jüngste NEK-Entscheid ist ziemlich klein: Lasst die Dinge, wie sie sind.

Die Stellungnahme Nr. 19/2012, veröffentlicht letzte Woche, betrifft die «Widerspruchslösung im Bereich der Organspende». Heute gilt in der Schweiz die sogenannte Zustimmungslösung: Organe dürfen einem verstorbenen Patienten nur dann entnommen werden, wenn er entweder eine schriftliche Zustimmung hinterlassen hat (etwa einen Ausweis), oder wenn seine Hinterbliebenen seinen Spendewillen bestätigen.

Die Widerspruchslösung kehrt dieses Prinzip um: Die Zustimmung zur Organspende wird angenommen. Wer sie ablehnt, hat einen entsprechenden Ausweis bei sich, oder seine Verwandten teilen seine (oder ihre) Ablehnung mit. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) gab der Ethikkommission im Dezember 2011 den Auftrag, über die ethischen Folgen einer solchen Lösung nachzudenken. Das hat sie – und enttäuscht nun viele Mediziner.

Persönlichkeitsrechte gehen vor

«Eine deutliche Mehrheit der Kommission lehnt die Widerspruchslösung aus grundsätzlichen ethischen Überlegungen ab, weil sie die Persönlichkeitsrechte tangiere», schreibt die NEK. Denn das führe zur «Äusserungspflicht», einer «empfindlichen Einschränkung des persönlichen Entscheidungsspielraumes». Zudem habe der Bund ein «Neutralitätsprinzip bezüglich Organspenden». In den Augen der NEK schränkt also sogar das staatliche Werben für Organspenden die persönliche Autonomie ein. Man fragt sich, ob das für Blutspenden oder Impfen auch gilt.

«Ich bin enttäuscht, dass die NEK die ethische Komponente des Organmangels kaum diskutiert», sagt Franz Immer, Herzchirurge und Direktor der Transplantationsstiftung Swisstransplant. «Jährlich sterben etwa 100 Menschen in der Schweiz unverschuldet, weil sie kein Spenderorgan erhalten. Das ist auch ein ethisches Problem.» Tatsächlich beschäftigt sich die NEK durchaus mit dem «Schutz der Gesundheit». Doch darunter versteht sie den Stress für Angehörige und medizinisches Personal, «wenn eine Organentnahme trotz Zweifel an ihrer Legitimität durchgeführt würde». Gesundheitsrisiko Widerspruchslösung?

Es ist nicht der einzige Punkt, bei dem die NEK weit hergeholt argumentiert. So interpretiert sie weltweite Erfahrungen sehr selektiv. Denn eigentlich ist die Widerspruchslösung die klar verbreitetste Regelung in Europa. Das weiss auch die NEK: «Statistisch gesehen findet sich zwar bei einer Mehrheit der Länder mit einer Variante der Widerspruchslösung eine höhere Spenderrate und eine höhere Bereitschaft zur Organspende als bei der Zustimmungslösung.» Und doch sieht die Kommission keinen «eindeutigen Kausalzusammenhang». Wegen des «Zusammenspiels komplexer Faktoren». Es ist halt alles nicht so einfach.

Brasilien gegen Österreich

Beda Stadler, Leiter des Berner Instituts für Immunologie, ärgert das: «Die NEK macht es sich hier sehr einfach», sagt er, «nur, weil es ein paar Länder gibt, wo die Widerspruchslösung nicht zu höheren Organspendezahlen führte.» Die gibt es tatsächlich. Brasilien führte Ende Neunzigerjahre die Regelung ein, musste sie aber wieder rückgängig machen, weil die Spendezahlen sanken. Allerdings wird das Land heimgesucht von regelmässigen Organkauf-Skandalen. Und dass Organentnahme zur Regel werden sollte, bestätigte bloss das Vorurteil der Brasilianer, dass ihre Ärzte mit ihnen machen, was sie wollen. Ist das wirklich vergleichbar mit einem Land wie Österreich, dessen Organspendezahlen (24 erfolgte Spenden auf eine Million Einwohner) fast doppelt so hoch sind wie jene der Schweiz (13 pro Million)? Österreich befindet sich im internationalen Spitzenfeld. Dank der 2001 eingeführten Widerspruchsregelung, daran zweifeln in unserem Nachbarland wenige.

Swisstransplant-Direktor Immer rechnet vor, was es konkret bedeuten würde, wenn eine Widerspruchslösung wirklich kontraproduktiv wäre: «Das hiesse, dass sich in der Schweiz bis zu 60 Prozent der Bevölkerung einen ‹Widerspruchs-Pass› besorgen würden.» Denn derzeit rechnet er mit 40 Prozent Spendebereiten, 15 bis 20 Prozent Gegnern und 40 Unentschiedenen. «Einen so drastischen Umschwung kann ich mir nicht vorstellen.»

Dennoch bleibt er diplomatisch: «Ich persönlich fände eine Widerspruchslösung gut. Aber ich verstehe, dass man grundsätzliche Zweifel hegen kann.» Grund für Immers Vorsicht: Im Parlament sind derzeit vier Vorstösse hängig, die alle eine Widerspruchslösung fordern. Das BAG dagegen gibt Swisstransplant verloren. «Wir müssen davon ausgehen, dass es sich der Argumentation der NEK anschliesst», sagt Immer.

Bieten die Krankenkassen den Kompromiss?

Der Herzchirurg bedauert, dass die Kommission sich nicht einmal zu einer Kompromisslösung äussern wolle. Zum Beispiel zur Praxis der Krankenkassen, die auf Policen routinemässig nach der Spendebereitschaft der Versicherten fragen. Immer: «Das wäre ein neuer Kanal für Willensäusserungen aus erster Hand. Denn von Verwandten gibt es in Europa nirgends so viele Ablehnungen wie in der Schweiz.»

Zu Recht, findet die NEK offenbar. Immunologe Stadler wirft ihr darum vor, dass sie so weiterhin junge Ärzte dazu zwinge, «bei den Verwandten um die Organe eines Menschen zu ‹betteln›, der eben gerade verstorben ist. Eine ungeheure Belastung.» Die Widerspruchslösung würde das entschärfen: «Weil es einfacher ist, ein Nein zu erfragen, als um ein Ja zu betteln.»

Stadler sieht im NEK-Entscheid «ein kleines Aufbäumen von Ethikern, die ihre Bedeutung schwinden sehen, in Zeiten, in denen man entdeckt, dass ‹Moral› im Grunde nur ein genetisches Programm ist.» Die ganze Debatte laufe in die falsche Richtung, so Stadler. Dabei seien wir alle «biologisch nur aufgrund eines enormen Zufalls auf der Welt», massten uns aber trotzdem das Recht an, auch nach dessen Zerfall noch über unseren Körper zu verfügen. «Dabei, um es drastisch zu sagen, bin ich nach meinem Tod lieber ein Ersatzteillager als ein Komposthaufen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 31.10.2012, 11:11 Uhr)

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Die Zustimmung zur Organspende wird angenommen. Wer sie jedoch ablehnt, hat einen entsprechenden Ausweis bei sich, oder seine Verwandten teilen seine Ablehnung mit. Wären Sie dem Prinzip dieser sogenannten Widerspruchslösung einverstanden?

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