Schweiz
Das Comeback der AKW-Gegner
Von Alain Zucker, Kleindöttingen. Aktualisiert am 23.05.2011 6 Kommentare
«Es stimmt nicht, dass sich die Jugend nicht für Politik interessiert. Gerade bei der Atomkraft trägt sie die Folgen.»
Lea Federer, Ennetbaden (Bild: Sabina Bobst)
«Wenn ich mit Befürwortern der Atomenergie diskutiere, merke ich, dass sie nicht im Bild sind.»
Bruno Meier, Herznach (Bild: Sabina Bobst)
«Mich bewegt, wie in Fukushima gelogen wird. Man gibt nur zu, was sich nicht mehr verbergen lässt.»
Heidi Braunschweiler, Aarau (Bild: Sabina Bobst)
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Es war ein Tag der Comebacks. Aernschd Born, der 1975 beim Widerstand gegen das AKW Kaiseraugst die Protesthymnen sang, stimmte den «Fukushima Shuffle» an. Auch Franz Hohlers «Restrisiko», eine Figur so schwarz wie der Gevatter Tod, trat über 20 Jahre nach ihrer Premiere wieder auf und warnte, dass «seine Stunde schon noch schlagen» werde. Aber das triumphalste Comeback feierte an der Kundgebung des Netzwerks Menschenstrom gegen Atom die rote Sonne auf gelbem Grund – das Wahrzeichen der Anti-AKW-Bewegung. Entweder man trug das Signet als Button am T-Shirt oder liess es auf der Fahne flattern. Die Botschaft war wie früher: «Atomkraft? Nein danke!»
20'000 Leute versammelten sich gemäss Veranstalter gestern auf einer Wiese in Kleindöttingen, mitten im «Atomic Valley», wie die Gegner den Aargau zwischen den AKW Beznau und Leibstadt, dem Paul-Scherrer-Institut und dem Zwischenlager Würenlingen nennen. Es war die grösste Anti-AKW-Demonstration seit 1986 in Gösgen nach dem Unfall in Tschernobyl. Losmarschiert waren die Teilnehmer in zwei Zügen: Die Familien und Faulen liefen vom Bahnhof Döttingen aus, die Engagierten und Trainierten mühten sich von Siggenthal aus zehn hügelige Kilometer ab, vorbei auch am Feind, den AKW Beznau 1 und 2. Man lief in Turnschuhen oder barfuss, begleitet vom Hund oder auf dem Trottinett. Skandiert wurde nicht viel, dafür war es zu heiss. Die einen hörten Rapmusik, die anderen klammerten sich am Wanderstock fest, und etwa ab Kilometer acht verlor das Langfristziel des Atomausstiegs kurz seine Dringlichkeit angesichts der Sehnsucht nach Bier und Bratwurst.
«Die Leute sind aufgewacht»
Mit seinen 84 Jahren lief Anti-AKW-Veteran Bruno Meier zwar nicht von Anfang an mit, aber dafür kam er mit Gasmaske vor der Brust und einer bedrohlich schwarzen Fahne, die vor einer verstrahlten Schweiz warnte – seinem Markenzeichen, wie er erklärte, das ihm bereits vor 25 Jahren morgens um zwei eingefallen sei. «Dass wir hier sind, ist bitter nötig. Endlich sind die Leute aufgewacht», sagte er. Die wichtigsten Forderungen, welche die Redner später auf der Bühne auswalzten, nahm er vorweg: die ältesten AKW Mühleberg und Beznau sofort abschalten, den Ausstieg «so schnell wie möglich» umsetzen.
Franz Hohler und die Vorsätze
«So schnell wie möglich» war ein Satz, der häufig fiel, aber nicht immer das Gleiche meinte. Einer wie Franz Hohler, der schon lange kämpft, sagte: «Es ist wie mit den guten Vorsätzen im Leben. Sich für morgen Vorsätze zu nehmen, bringt wenig. Man muss jetzt, sofort anfangen.» Eine Einschränkung des eigenen Energieverbrauchs hält er nicht nur für zumutbar, sondern für selbstverständlich. Für ihn reicht das vom Abschaffen des Stand-by-Modus bei elektronischen Geräten bis zum Lüften statt sofortigen Waschens von Kleidern.
Das sah die 16-jährige Gymnasiastin Lea Federer, die sich auf der Wiese ausruhte, etwas anders: «Der Sofortausstieg ist naiv. Wir müssen zwar auf neue AKW verzichten, aber auch eine nachhaltige Lösung mit erneuerbaren Energien finden, bevor wir die bestehenden stilllegen.» Sie ist mit ihren Freundinnen zum ersten Mal an einer Demo. Sie könnten noch nicht abstimmen, deshalb sei die Teilnahme an der Kundgebung die beste Möglichkeit, etwas zu unternehmen.
Mantra des Ausstiegs
Nach dem Marsch und allerlei Grussbotschaften aus anderen Landesteilen nahmen Redner von SP, Grünen, Grünliberalen sowie Umwelt- und Anti-AKW-Verbände die Bühne in Beschlag. Politiker wie Geri Müller (Grüne), Beat Jans (SP) und Cédric Wermuth (SP) forderten immer wieder den baldigen Atomausstieg, speziell ein Bekenntnis vom Bundesrat. Ein Mantra, aufgelockert nur von Borns und Hohlers Einlagen.
Das Publikum begann sich zu langweilen. Wer nicht zurück an den Bahnhof pilgerte, widmete sich den Sitznachbarn, genoss die Stimmung und schaute, wer sonst noch da war. Familien, Rentner, Jugendliche: Beobachten liess sich alle Art Mensch. Auffallend war, dass bürgerliche Politiker fehlten, die über 40-Jährigen übervertreten waren und bei den wenigsten erst die Katastrophe in Fukushima zum Umdenken geführt hatte. «Gegen AKW bin ich seit Tschernobyl, als ich schwanger war», sagte etwa die 47-jährige Heidi Braunschweiler und sieht sich heute bestätigt.Ebenso wie Liedermacher Aernschd Born. Diese Demo sei ein «Aufsteller», meinte er. «Fukushima hat auch den AKW-Toleranten die Augen geöffnet.» Das Unglück als Chance für die Anti-AKW-Bewegung sozusagen: Man hört ihr wieder zu. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.05.2011, 23:04 Uhr
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6 Kommentare
Ich bitte Sie wegen 20000! Demonstranten eine solche Berichterstattung! Diese Veranstaltung zeigt, dass die Schweizer nichts von einem Ausstieg aus der Atomenergie halten. Statt zu demonstrieren würden diese schlauen Bürger besser Alternativen aufzeigen, aber weit gefehlt! Das sollen dann wieder die von diesen Kreisen verunglimpften Unternehmer richten. Diese weltfremden Demos sind peinlich! Antworten
Logisch sind keine oder kaum Vertreter der sogenanten Bürgerlichen aus $VP, FDP und CVP dabei.............die sind bekannterweise von der Atomindustrie gesponsert oder beziehen von der Atomloby schöne Honorare!
Ein Hund beisst nicht die Hand die ihn füttert oder, wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing - so einfach ist das!!
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