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Das Dorf und sein Architekt

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 03.02.2012 4 Kommentare

Die Thermalquelle von Vals machte Peter Zumthor und die Gemeinde weltberühmt. Jetzt will der eigensinnige Architekt die Anlage kaufen und nach eigenen Plänen renovieren. Das gefällt nicht allen.

«Das Wuchtige mit dem Zärtlichen kombiniert»: Die Therme Vals von aussen.

«Das Wuchtige mit dem Zärtlichen kombiniert»: Die Therme Vals von aussen.
Bild: Keystone

Als Schreiner begonnen: Die kühn gedachte, aufwendig realisierte Valser Therme gilt als Peter Zumthors Gesellenstück. Seither plant und realisiert der Basler Architekt in aller Welt. (Bild: Keystone )

Baut den berühmten Valser Gneis ab: Pius Truffer war einst Zumthors Verbündeter, nun ist er sein Gegner geworden.
(Bild: Keystone )

Warme Therme, heisse Köpfe

Gleich drei Interessenten möchten die Valser Therme übernehmen und das dazugehörige Hotel sanieren. Dass das nötig ist, darin sind sich alle Parteien einig. Als Erster hat sich der 35-jährige Immobilienhändler Remo Stoffel gemeldet, ein gebürtiger Valser. Er bietet der Gemeinde eine Million Franken netto für den Kauf der Therme und verspricht, rund 50 Millionen Franken für ein neues Hotel zu investieren. Stoffel kann sich auch eine Zusammenarbeit mit einem oder beiden anderen Interessenten vorstellen. Der Unternehmer will alle Aktien von Hotel und Thermalbad für 7 Millionen übernehmen, verlangt aber von der Gemeinde eine Investitionshilfe von 6 Millionen.


Stoffel ist als Unternehmer erfolgreich, aber umstritten. So laufen mehrere Verfahren gegen ihn, wenn auch noch ohne Verurteilung. Zu reden gibt zudem ein Vorvertrag, den er laut der «Südostschweiz» mit dem Verwaltungsrat der Therme geschlossen hat; dieser garantiere ihm eine Entschädigung in sechsstelliger Höhe, werde sein Angebot abgelehnt.


Peter Zumthor und seine Gruppe von Touristikern, Architekten und Unternehmern möchten das Haupthaus des Hotels nicht sanieren, denn das sei nicht sinnvoll. Sie wollen es abreissen und nach Zumthors Plänen neu bauen lassen. Die Kosten werden auf gegen 45 Millionen Franken geschätzt. Als mögliche Investoren wird Patrick McKillen genannt, Hauptaktionär einer Londoner Hotelgruppe, sowie der Immobilienfonds der Credit Suisse.


Noch nichts weiss man über das Angebot des Valser Unternehmers Pius Truffer, bekannt für Abbau und Vertrieb des Valser Steinquarzes. Details zur Idee, die Therme in eine Stiftung zu überführen, verspricht Truffer für den 10. Februar, also eine Woche vor der Gemeindeversammlung. Diese wird dann entscheiden – oder den Entscheid vertagen. (jmb)

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Die Leute, die entscheiden werden, sind alle da. Draussen liegt der Schnee, drinnen versammeln sie sich in der Turnhalle. Sie stehen unter dem Basketballkorb. Sie sitzen in dichten Stuhlreihen, stehen vor der Sprossenwand, schauen von der Empore, staffeln sich auf der Treppe. Sie sind gekommen, um Peter Zumthor zuzuhören, dem berühmten Architekten, der zehn Jahre lang Bündner Denkmalpfleger war, in Haldenstein bei Chur sein Büro hat und in Vals sein selbst gebautes Haus.

Er sei seit 26 Jahren hier, sagt der 68-Jährige einmal. Was er auch noch sagt, mit einer Spur von Bitterkeit: dass er nie gedacht hätte, einmal ein Gebäude kaufen zu müssen, das er selber gebaut habe. Keiner lacht im Saal, denn alle wissen: Zumthor muss nicht nur, er will auch. Und ob er die Valser Therme kauft oder nicht, entscheiden sie selber. Sie im Dorf. In zwei Wochen an der Gemeindeversammlung.

Am, über und unter dem Wasser

Vals liegt 1252 Meter über Meer und am Ende des gleichnamigen Tals, eine deutschsprachige Gemeinde in einer rätoromanischen Gegend, von gegerbten Berglern bevölkert, die vor 700 Jahren aus dem Wallis einwanderten. Ein schönes Dorf, dem es gut geht. Denn Vals liegt am Wasser, über dem Wasser, unter dem Wasser und um das Wasser herum. Vals profitiert von den Wasserzinsen, die seit 1957 aus dem Staudamm sprudeln. Es lebt von der Mineralquelle, die der Gemeinde gehört, obwohl die Nutzung vor knapp zehn Jahren an Coca-Cola verkauft worden ist, was viele im Dorf nicht vergessen haben. Vals bietet sich auch als Skiort an; mit als Schnee gefallenem Wasser und kargen Liften darauf mit freier Fahrt von 3000 Metern ins enge Tal.

Wem es beim Sport zu kalt wird, kann in das Valser Thermalbad eintauchen, wo er zwanglos mit weiteren lokalen Grössen in Kontakt kommt: dem heiss sprudelnden, eisenhaltigen Quellwasser. Den darum kunstvoll gruppierten, übereinandergeschichteten 60'000 Steinplatten aus Valser Gneis, einem dunkel gemaserten Stein, der auch dem Berner Bundesplatz die Unterlage liefert.

Handwerk mit Intellekt und Kultur

Die dritte Grösse ist ein Import: der Basler Architekt Peter Zumthor, der sich vom Schreiner über ein Studium in New York zum weltweit gesuchten, geachteten und auch streitbaren Mann des Willens und der Vorstellung emporgewuchtet hat. Zumthor sei einer jener Architekten, der Handwerk mit Intellekt und Kultur versöhne, sagt Köbi Gantenbein, Chefredaktor der Zeitschrift «Hochparterre». Wie wenig andere realisiere er seine Bauten mit sinnlichen Naturmaterialien, wobei er «das Wuchtige mit dem Zärtlichen kombiniert».

Zumthor hat die Therme in den Neunzigerjahren im Auftrag der Gemeinde gebaut, in enger Arbeit mit den lokalen Handwerkern und vielen Begegnungen mit der Dorfbevölkerung. Und mit einer unbeirrbaren Vorstellung davon, wie er Form und Funktion, Stein und Wasser, Architektur und Atmosphäre zusammenbringen wolle. Der Bau machte das Dorf weltbekannt und seinen Architekten weltberühmt. Er wurde Erholungsort und Lehrstätte zugleich.

Das Ende der Harmonie

Was das Dorf und seinen Architekten einte, bringt sie jetzt teilweise auseinander. Zwar sind sich alle einig, dass nicht die Therme, aber das daran angeschlossene Hotel saniert werden muss. Uneinig scheint man sich bloss darin zu sein, wer den Umbau vornehmen soll.

Dabei geht es nur vordergründig darum, welcher Bau der beste sei. In Wirklichkeit stehe die Frage an, sagen Zumthors Anhänger, welche Art von Tourismus das Dorf anziehen möchte, den sanften oder den lauten. Das stimme gar nicht, sagen die Gegner: Sondern es gehe darum, ob sich die Valser durch die Bauherren und das Projekt vertreten fühlten oder nicht.

Das alles bekommt Peter Zumthor natürlich nicht zu hören bei seinem Vortrag in der Turnhalle, die Valserinnen und Valser hören ohne Murren zu. Obwohl der Architekt, seine Frau und enge Mitarbeiterin Annalisa und die übrigen Fachleute zusammen fast zwei Stunden aufwenden, um ihr Projekt vorzustellen. Obwohl Zumthor über den Neubau nur gerade sagt, er habe ihn fertig im Kopf, und dann noch andeutet, der Bau werde sich vom vereisten Wasser inspirieren lassen. Obwohl die von seinen Gefährten immer wieder aufs Neue gefeierte Gleichstellung von Zumthor und Vals erst am Ende der Veranstaltung so ankommt, wie es die Zumthorianer von Anfang an beschwören.

Vielsagendes Schweigen

Die Gruppe habe der Valser Bevölkerung ihre Kompetenzen dermassen überzeugend dargebracht, wird die «Südostschweiz» anderntags befinden, dass dazu am Schluss keine einzige Frage zum Projekt gestellt worden sei. Dieses Schweigen aber deutet der Valser Publizist Peter Schmid tiefgründiger: «Wir leben in einem engen Tal, das macht uns verschlossen, jeder kennt jeden, wir sind aufeinander angewiesen und müssen miteinander auskommen.» Ausserdem wolle sich niemand schon vor der Gemeindeversammlung festlegen; «selbst dann und dort werden es nur wenige wagen, sich zu exponieren».

Das gilt auch Auswärtigen gegenüber, zu denen die Einheimischen die Presse mitzählen. Bei jedem Beitrag, der über den Thermenstreit geschrieben oder gesendet wird, wissen alle, wer die Quelle war, und auch das sorgt für Unruhe im Dorf. Manchen wäre es am liebsten, man liesse sie in Ruhe. Vals also den Valsern?

«Die Therme ist eines der wichtigsten Kulturgüter der Valser und somit unverkäuflich.» Das sagt einer, der wichtig ist für das Dorf: Pius Truffer, der Lieferant des Valser Steins, der dem Vortrag in der Turnhalle unbewegt und mit verschränkten Armen zuhört. Der 55-jährige Unternehmer, intelligent und charismatisch, gibt in Vals nicht weniger zu reden als der Architekt. Truffer und Zumthor waren eng verbündet, als das Thermalbad realisiert wurde. Lange Jahre arbeitete Truffer dann im Verwaltungsrat von Hotel und Bad. Die Absetzung des gesamten Verwaltungsrats vor drei Jahren nach internen Differenzen erlebte er als schwere Enttäuschung. Schon damals hatten sich Truffer und Zumthor unrettbar auseinandergelebt. Darüber reden mag heute keiner von beiden. Wer sich im Dorf über die Fehde umhört, verliert bald jedes Interesse daran und nimmt einfach zur Kenntnis, dass sich zwei starke Charaktere gram geworden sind und wohl auch bleiben werden.

Truffer definiert sich über die Abrenzung

Im vorletzten Moment nun kündigt Pius Truffer zusammen mit einer Gruppe von Valsern ein eigenes Projekt an. Es werde «nicht besser» sein als die beiden bekannten, sagt er, dafür «langfristig Sinn machen». Schliesslich gehe es hier um die Zukunft und Identität einer Region. Truffers Positionierung definiert sich in ihren Abgrenzungen: Er unterstütze weder das Projekt des Valser Unternehmers Remo Stoffel noch das der Gruppe um Peter Zumthor. Denn keines von beiden sei gut für Vals.

Dennoch schliesst Truffer eine spätere Zusammenarbeit mit Zumthor nicht aus, den er als Architekt von Weltrang würdigt. Ihm gehe es vor allem um eines: Er wolle die Machtübernahme all jener verhindern, die den Profit über die Sache stellten. «Wir Valser müssen unsere Therme schützen.»

Publizist Peter Schmid, der zu Zumthor hält, bleibt unbeeindruckt: «Ausgerechnet Pius Truffer, der sich jetzt als Vertreter alles Valserischen aufspielt, hat jahrelang Investoren im Ausland gesucht, das wissen alle im Dorf. Mich erstaunt auch sehr, dass er sich jetzt plötzlich von Remo Stoffel distanziert; die beiden haben ja zusammengespannt.»

Vals, Los Angeles, Helsinki

Und was sagt Peter Zumthor? Den Valsern in der Turnhalle begegnet der Architekt mit einer merkwürdigen Kombination aus Stolz und Melancholie. Er fände den ganzen Streit sehr schade, sagt er in seiner langsamen, genauen Art, «gerade weil wir alle zusammen doch so viel erreicht haben».

Dass er im Umgang kein Einfacher ist, weiss er selber, er hat sich ja auch mit immer anderen neu angelegt. Dass es ihm aber um die Sache geht und nicht ums Geld oder ums Prestige: Das müssen auch seine Gegner anerkennen. Nur Tage nach ihrem Valser Auftritt fliegen Peter Zumthor und seine Frau nach Los Angeles, es geht um den Bau eines neuen Museums. Auch Helsinki hat noch Fragen. Und doch lässt das Dorf den Architekten nicht los – und umgekehrt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2012, 10:28 Uhr

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4 Kommentare

Richard Marti

03.02.2012, 11:29 Uhr
Melden 6 Empfehlung

Ob Zumthor oder Stoffel ist einerlei - es wird so enden wie beim Sägewerk in Domat/Ems, wetten? Antworten


Jürg Schmid

03.02.2012, 11:39 Uhr
Melden 6 Empfehlung

Ein Hotel lebt nicht nur von schöner Architektur. Es muss auch betriebswirtschaftlich stimmen. Ob das die "Stärke" eines Stararchitekten ist? Der Investor Stoffel macht allerdings auch nicht gerade einen überzeugenden Eindruck. Dass Vals verkaufen will oder muss lässt darauf schliessen, dass es an der langfristigen, auch finanziellen Ausrichtung, gefehlt hat. Antworten



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