«Das Dreiliterauto ist pfannenfertig»

Christoph Rutschmann drängt mit seinem Verband AEE auf die Energiewende. Er kritisiert, die Schweizer hätten immer noch zu grosse und zu schwere Autos.

Mit zu vielen solcher Autos ist die Energiewende nicht zu machen: Porsche Cayenne an einer Automesse in Frankfurt. (Archivbild)

Mit zu vielen solcher Autos ist die Energiewende nicht zu machen: Porsche Cayenne an einer Automesse in Frankfurt. (Archivbild) Bild: Keystone

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Die internationale Energieagentur IEA hat kürzlich erklärt, dass zwei Drittel des Potenzials der Energieeffizienz bis 2035 ungenutzt bleiben. Haben wir in der Schweiz das gleiche Problem?
Das gesamte Potenzial der Energieeffizienz ist riesig. Man muss dessen Nutzung aber differenziert betrachten. Im Verkehr muss mehr als ein Drittel drinliegen. Unsere Autos sind immer noch zu gross und zu schwer. Das Dreiliterauto ist pfannenfertig in der Schublade. Beim durchschnittlichen Erneuerungszyklus könnte eine Effizienzsteigerung schneller gehen. Hier sind aber grosse Widerstände der Autoindustrie zu erwarten. Etwas anders sieht es bei den Gebäuden aus. Wenn wir ein Drittel des Effizienzpotenzials im Gebäudepark nutzen wollen, müssten wir die Gebäudesanierungsrate von heute schwachen 0,8 Prozent ab sofort etwa verdoppeln.

Und warum tun wir das nicht?
Dazu braucht es Rahmenbedingungen mit hoher Planungs- und Investitionssicherheit und einer entsprechend ausgebauten CO2-Abgabe zur Alimentierung eines landesweit harmonisierten Gebäudeprogramms. Die Nutzung eines Drittels des vorhandenen Potenzials ist also im Gebäudebereich schon eine gewaltige Herausforderung.

Und bei Maschinen und Haushaltgeräten?
Hier sollte das Potenzial bis 2035 zu mehr als einem Drittel genutzt werden können. Das Problem, bis 2035 lediglich ein Drittel des Effizienzpotenzials zu nutzen, besteht also in der Schweiz ebenfalls. Die AEE wird sich aber dezidiert dafür einsetzen, dass wir weiterkommen als der internationale Durchschnitt. Die Schweiz kann und muss sich das leisten, denn es schafft nicht nur viele Arbeitsplätze, sondern auch lukrative Exportchancen für Effizienztechnologien.

Machen die Schweizer Unternehmen da mit?
Einzelne Unternehmungen haben einen eindrücklichen Leistungsbeweis im Effizienzbereich erbracht. Solche Leuchttürme haben Vorbildcharakter. Leider werden sie zu selten nachgeahmt, sodass die Unternehmen gesamthaft gesehen heute noch zu wenig weit sind. Da würde noch einiges drin liegen. Wir sind aber optimistisch, dass sich die Unternehmen bewegen werden, wenn die Politik den entsprechenden Rahmen setzt.

Wenn man Sie hört, hat man nicht den Eindruck, dass es nicht vorwärtsgeht.
Der Durchschnittsverbrauch der Schweizer Autoflotte ist in den letzten 25 Jahren von über neun auf unter sieben Liter gesunken und das Ende dieser Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen. Bei den Gebäuden sank der Energieverbrauch von Neubauten innert 25 Jahren um rund die Hälfte. Der bestehende Gebäudepark verschlingt aber immer noch viel zu viel Energie. Ebenfalls eindrücklich ist der Senkungspfad bei Haushaltgeräten. Da ist einiges passiert. Ein Blick auf den Schweizerischen Gesamtenergieverbrauch zeigt eine gewisse Verlangsamung der Verbrauchzunahme seit etwa 25 Jahren. Dies trotz starker Bevölkerungszunahme um weit über eine Million Menschen im gleichen Zeitraum, steigendem Wohnraumbedarf pro Kopf und nach wie vor zügelloser Mobilität.

Der Bundesrat will den totalen Energieverbrauch gegenüber dem Stand 2000 bis 2035 um 43 Prozent reduzieren. Halten Sie dieses Ziel für realistisch?
Es wird grosse Anstrengungen brauchen. Ich halte das Ziel aber nicht nur für realistisch, sondern für notwendig. Die Politik ist gefordert, alles zu unternehmen, damit dieses Ziel erreicht wird. Etwas anderes können wir uns langfristig gar nicht leisten.

Braucht es Korrekturen beim Massnahmenpaket, um dieses Ziel zu erreichen?
Es braucht eine dezidierte Umsetzung des grundsätzlich Beschlossenen. Wenn wir in etwa fünf Jahren feststellen müssen, dass wir nicht auf Zielkurs sind, dann braucht es sicher Korrekturen in Richtung noch griffigere Investitionsanreize und Lenkungsmassnahmen.

Braucht es die Stromeffizienzinitiative, um den Druck auf die Politik aufrechtzuerhalten?
Die Initiative hat eine sehr breite Trägerschaft. Sie ist sicher nützlich, um das Thema prominent in der politischen Agenda zu halten. Die AEE steht ihr aus diesem Grund wohlwollend gegenüber. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.11.2013, 16:56 Uhr)

Christoph Rutschmann, Präsident der Dachorganisation der Schweizer Wirtschaft für erneuerbare Energie und Energieeffizienz AEE.

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AEE

Die AEE ist die Dachorganisation der Schweizer Wirtschaft für erneuerbare Energie und Energieeffizienz. Sie bündelt die Interessen dieser wachsenden Wirtschaftsgruppe und vertritt sie gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit. Die AEE fokussiert vier Hauptstossrichtungen. Davon widmet sich vor allem der Schwerpunkt «Harmonisierter Schub für die Gebäudesanierung in Zusammenhang mit einer Erhöhung der CO2-Abgabe auf die vorgeschlagenen 84 Franken pro Tonne CO2» der Effizienz.

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