Analyse

Das Ende der alten Ordnung

Der Walliser Widerstand gegen die Revision des Raumplanungsgesetzes wird mit der emotionalen Bindung an den eigenen Boden fast verklärt. Dabei wurde viel Land an Auswärtige verkauft.

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Im Kanton Wallis bekämpfen von der CVP bis zur SP fast alle Parteien die aktuelle Revision des Raumplanungsgesetzes, über die das Schweizer Volk am 3. März abstimmen wird. Boden habe im Wallis halt immer noch einen hohen Stellenwert und werde von Generation zu Generation weitergegeben, meinte die Briger Nationalrätin Viola Amherd in einem Interview mit der «Arbeitgeber-Zeitung». CVP-Ständerat Jean-René Fournier läuft derweil die halbe Schweiz ab, um den Eidgenossen die emotionale Bindung der Walliser an den eigenen Grund und Boden dazulegen.

Dieses verklärte Bild von der Schollentreue, welches die Walliser Gegner der Vorlage im Abstimmungskampf hochhalten, hat mit der Wirklichkeit aber nicht mehr viel zu tun. Wäre die Affinität zum eigenen Boden tatsächlich so, wie Amherd und Fournier jetzt verkünden, hätte man wohl kaum innerhalb von zwei Generationen grosse Flächen dieses Gutes an Touristen aus Deutschland, Holland, Frankreich oder Italien verhökert.

Natürlich sind viele Walliser Bodenbesitzer. Natürlich halten auch einige Bauland für ihre Kinder bereit. Die übergrossen Bauzonen sind aber nicht deswegen entstanden.

Keine Folge der realen Erbteilung

Sie sind die Folge eines Goldrausches, dem ab den 1960er-Jahren viele im Wallis verfallen sind. Eine fatale Spirale wurde damals in Gang gesetzt – mehr Betten, mehr Bergbahnen, mehr Betten. Sie dreht sich bis heute – obwohl schon in den 1970er-Jahren Tourismusexperte Jost Krippendorf («Die Landschaftsfresser») und Schriftsteller Maurice Chappaz («Die Zuhälter des ewigen Schnees») vor der Zersiedelung der Alpen warnten. Obwohl auch Agrarspezialisten wie Charly Darbellay – der Onkel und Götti des aktuellen CVP-Präsidenten ist als Mitglied des Walliser Polit-Establishment unverdächtig – den übermässigen Verschleiss von Kulturland kritisierten.

Mit der früheren bäuerlichen Lebensform, aus der Amherd und Fournier die emotionale Bindung an den eigenen Boden herleiten, hat man durch den massierten Landverkauf an Auswärtige endgültig gebrochen. Denn in den Jahrhunderten davor erschwerten die Gemeinden Neuzuzügern den Aufenthalt vor Ort durch einen erschwerten Zugang zu lebensnotwendigen Gütern wie zum Beispiel den Nutzungsrechten an Alpweiden. Der Kanton funktionierte wie eine in sich geschlossene Selbstversorgungsgesellschaft. Und die bäuerliche Lebensform wurde ein bisschen länger als in der übrigen Schweiz wie eine von Gott gegebene Ordnung empfunden.

Die Selbstversorgungswirtschaft

Zäh hielt man im Wallis noch an der auf Viehhaltung, Korn- und Weinbau basierenden Selbstversorgungswirtschaft fest, als andernorts das Industriezeitalter längst Einzug gehalten hatte. Im Jahre 1910 lag die Zahl der von der landwirtschaftlichen Produktion Abhängigen mit 58 Prozent immer noch weit über dem schweizerischen Durchschnitt von damals 26 Prozent. Marktorientiertes Denken sei dieser Gesellschaft ebenso fremd gewesen wie Investitionsdenken und Risikobereitschaft, schrieb der Walliser Ethnologe Thomas Antonietti 1991 im Buch «Auswanderungsland Wallis». Man habe Bildung und Kapital nicht in Handel und Gewerbe gesucht, sondern im Erwerben und Horten von Boden.

Der Walliser Staatsmann Maurice Troillet trieb sogar noch ab 1918 mit Millionen von Steuergeldern die Entsumpfung der Unterwalliser Rhoneebene voran – zur Gewinnung fruchtbaren Ackerlandes und entsprechender Jobs für den staats- und kirchentreuen Mittelstand. Die katholisch-konservative Walliser Elite befürchtete nämlich, die alte Ordnung könnte durch das hereinbrechende Industriezeitalter und die damit einhergehenden sozialistischen Ideen umgekrempelt werden. Troillets Strategie ging aber nicht ganz auf – zumal Gemeinden und Familien selber wertvolles und knappes Kulturland in der Talebene an auswärtige Investoren für den Bau von Fabrikanlagen verkauften – wie noch in den 1960er-Jahren in Gampel, für den Bau einer neuen Aluschmelze.

Mit dem Handel von Boden wurde man schneller reich

Für eigene Industrieprojekte fehlte es an Grips, Geld und vor allem an der politischen Bereitschaft. Es ist irgendwie bezeichnend, dass es der Kanton Wallis als eine führende Schweizer Feriendestinationen nicht fertiggebracht hat, parallel zum Fremdenverkehr tourismusspezifische Industriearbeitsplätze aufzubauen. Skilifte, Schneekanonen, Skis selbst die Skibekleidung, kommt heute entweder aus dem Ausland oder aus der Deutschschweiz. Zaghafte Versuche wie der Aufbau einer eigenen Skifabrik in Saxon mit der Marke «Valaiski» scheiterte in siebziger/achtziger Jahren kläglich. Die elektronischen Skipässe mit denen lange Wartezeiten am Schalter oder vor Automaten vermieden werden können, gehen auf den österreichischen Anbieter SKIDATA zurück.

Man wurde mit Immobilienhandel halt schneller reich. Beispielhaft zeigte sich dies am rasanten Aufstieg des Unterwalliser Immobilienkönigs Jean Dorsaz, der mit seinen Geschäften in den 1980er-Jahren die Walliser Kantonalbank an den Rand des Ruins brachte. Ein anderes Beispiel ist «Mister Veysonnaz», Jean-Marie Fournier, ein Verwandter von Ständerat Jean-René Fournier. Mit dem gleichen Eifer, mit dem man im 19. Jahrhundert an den steilsten Hängen Kartoffel- und Getreideäcker anzulegen versuchte, verscherbelte man den eigenen Boden an auswärtige Feriengäste. 1999 erschallte ein Alarmschrei, weil der Kanton in den vorangegangenen zwölf Jahren die Fläche des Brienzersees verbaut hatte.

2010 folgte ein weiterer Warnschuss, als in einer vielbeachteten Studie von «Avenir Suisse» die Misstände der Walliser Raumplanung aufgezeigt wurden. Im Wallis stellte man sich taub gegenüber der Kritik aus der «Üsserschwiiz» – so als würde man immer noch wie ein in sich geschlossenes System funktionieren. Jetzt sieht es ganz danach aus, als würde dem Wallis mit dem Raumplanungsgesetz ein weiteres Mal eine Entwicklung von aussen aufgezwungen. Es verlangt, dass die Bauzonen nicht mehr als den Bedarf für die kommenden 15 Jahre abdecken dürfen. Im Wallis sieht man schon die bautouristischen Felle davonschwimmen. Bereits hält die Mehrheitspartei CVP Ausschau nach einem Sündenbock – in der Person der eigenen Bundesrätin Doris Leuthard. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.02.2013, 11:59 Uhr

Hubert Mooser ist Chefreporter Politik bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Er ist Walliser und lebt in Bern.

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